WM 2018
1:7-Schock war noch nicht der Tiefpunkt: Wie sich Brasilien erholt hat

Der letzte Eindruck – 1:7 im WM-Halbfinal 2014 gegen Deutschland. Aber das Brasilien von damals ist nicht das Brasilien von heute. Trainer Tite wird als Messias verehrt und Neymar gilt als designierter WM-Superstar.

François Schmid-Bechtel
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Am Boden zerstörte Brasilianer nach der 1:7-Niederlage an der WM 2014 im eigenen Land gegen Deutschland.

Am Boden zerstörte Brasilianer nach der 1:7-Niederlage an der WM 2014 im eigenen Land gegen Deutschland.

MARTIN MEISSNER

Das Debakel

Schande. Folter. Demütigung. 1:7 im WM-Halbfinal. Zu Hause, im Land des Fussballs. 200 Millionen Brasilianer sind – etwas überspitzt – Zeuge ihrer eigenen Hinrichtung. Die stolzeste Fussballnation der Welt wird annektiert. Nicht in 90, nicht in 45 Minuten. Nein, Deutschland reichen 18 Minuten in der ersten Halbzeit, um den Rekordweltmeister zu filetieren – 5:0.

Bis heute unfassbar. Und bis heute ist die Wunde nicht vollständig verheilt von jenem tragischen Unfall am 8. Juli 2014 in Belo Horizonte. Ein Wunder, dass die Stadt von den Tränen nicht weggeschwemmt wurde. Gewiss passieren in Brasilien, wo in den letzten 20 Jahren mehr als eine Million Menschen erschossen wurden, jeden Tag deutlich schlimmere Dinge. Trotzdem hat wohl selten ein Ereignis das Selbstverständnis dieser Nation so beschädigt wie das 1:7.

1:7 – ein Land versinkt in Tränen.

1:7 – ein Land versinkt in Tränen.

Keystone

Wo war Gott? Was haben wir der Welt Schlimmes angetan, um an einem Abend für all unsere Sünden büssen zu müssen? Eine Antwort hat selbst jener Mann nicht, der sonst nie um eine Antwort verlegen ist. «Wir bitten um Vergebung bei der Bevölkerung», fleht Trainer Luiz Felipe Scolari nur. «Bitte entschuldigt diesen Fehler. Ich bin verantwortlich für das, was die Mannschaft auf dem Feld geboten hat, und trage die Verantwortung für das Ergebnis.»
Natürlich ist Scolari, Weltmeistertrainer von 2002, kurz darauf Geschichte. An seine Stelle tritt Dunga. Weltmeister von 1994 und bei uns bekannt aus Funk und Fernsehen, als er das Spiel des VfB Stuttgart orchestrierte.

Doch «o alemão» (der Deutsche) verschläft den Neuaufbau komplett. Zwei Jahre nach dem Debakel ist der Zustand der brasilianischen Nationalmannschaft erbärmlicher denn je. Superstar Neymar weigert sich, die Captainbinde zu tragen – als würde er sich für die Seleção schämen. Bei der Copa America 2016 scheitert Brasilien in einer Gruppe mit Ecuador, Peru und Haiti schon in der Vorrunde. Und die Qualifikation für die WM 2018 ist stark gefährdet. Nicht mal zu träumen wagen die Brasilianer zu diesem Zeitpunkt vom sechsten Weltmeistertitel. Alarm! Doch Dunga bleibt der sperrige Technokrat, der das Talent, welches Brasilien nie verliert, konsequent wegsperrt. «O alemâo» hat versagt und muss weg – die Meinung ist mehrheitsfähig.

Der Messias

Südamerikas grösste Volkswirtschaft steckt seit 2015 in der Rezession. Die Armut steigt, die Korruption floriert. Krisen musste dieses Land immer wieder durchstehen. Geholfen hat dabei vor allem der Fussball. Aber nun ist selbst er nicht mehr krisenresistent. Schlimmer noch: Der Fussball gilt gar als Symbol für den ganzen Schlamassel.

Zu verlieren hat der Mann, der auf Dunga folgt, nicht viel. Aber dass er Brasilien aus der Depression führt, ist doch überraschend. Zumindest für uns Europäer. Denn wer ist Adenor Leonardo Bachi, genannt Tite? Kein grosser Fussballer. Seine Karriere endete früh und ruhmlos und mit einem kaputten Knie. Selbst in Brasilien musste der studierte Sportlehrer 20 Jahre lang als Trainer bei kleineren und mittleren Klubs rackern, ehe man ihn als Kapazität wahrnahm. Seine Reputation verdankt er einem Engagement bei Corinthians. Mit dem Klub aus São Paulo gewann er 2012 die Copa Libertadores, die südamerikanische Champions League, und die Klub-WM.

Nur Lob für Nationaltrainer Tite.

Nur Lob für Nationaltrainer Tite.

Keystone

Nachdem Brasilien sein Waterloo erlebt hatte, nahm Tite eine Auszeit, um sich in Europa weiterzubilden. Damals konnte er zwar noch nicht wissen, dass er zwei Jahre später ausgewählt würde, um den brasilianischen Fussball zu retten. Doch Bildung schadet ja nie.

Unter Trainer Tite gibt es neun Siege in den ersten neun Spielen. Brasilien qualifiziert sich gar als erste Mannschaft überhaupt für die WM. «Tite hat Brasilien befreit», sagt Philippe Huber, der viele Jahre das brasilianische Nationalteam vermarktete. «Tite hat der Mannschaft wieder eine Identität vermittelt. Sie spielt frei von Angst und hat den Respekt wieder hergestellt, den Brasiliens Gegner verloren hatten», sagt Mazinho, Weltmeister von 1994. «Man sieht wieder Spielzüge, und das liegt daran, dass die Angst, Fehler zu begehen, verschwunden ist. Das ist der Kraft Tites geschuldet», sagt Zico, Fussball-Ikone aus den 1980er-Jahren. Cafu, Brasiliens Rekordspieler und Weltmeister von 2002, sagt: «Der Pokal wird 2018 wieder nach Hause, nach Brasilien kommen.»

Laut einer Umfrage wären 15 Prozent der Befragten bereit, Tite bei den nächsten Präsidentschaftswahlen ihre Stimme zu geben. Das ist ein Wert, von dem Amtsinhaber Michel Temer wohl nur träumen kann. Doch Tite hat in seinem Leben als Fussballtrainer gelernt, die Bodenhaftung zu wahren. Als Posterboy eignet er sich ebenso wenig wie als Messias. Eine der Stärken des 57-Jährigen: Er nimmt sich nicht zu wichtig. «Ich bin fast in jedem Job entlassen worden, den ich hatte», sagt er.

Als Nationaltrainer aber macht er bis jetzt ziemlich alles richtig. Brasilien spielt unter Tite wieder wie Brasilien. Viele kurze Pässe, viel Ballbesitz, viel Fantasie. Getreu des Trainers Credo: Wer gewinnen will, muss schön spielen. Das fordert Opfer. Von den 14 Spielern, die beim 1:7 gegen Deutschland zum Einsatz kamen, sind in Russland nur noch vier dabei. «Brasilianer sind ballverliebt wie kaum ein anderes Volk», sagt Huber.

«In den Spielern steckt derart viel Improvisationskunst, Lebensfreude und Fantasie. Wenn ein Trainer in diesen Punkten zu stark regulieren will, beraubt er die Spieler bis zum einem gewissen Grad ihrer Fähigkeiten. Schauen Sie, was die Brasilianer diese Woche veranstaltet haben. Mitten im Training schütten sie Mehl und Eier über den Kopf von Geburtstagskind Coutinho. Diese verspielte Szene versinnbildlicht das Wesen und Wirken des brasilianischen Fussballers, der umgehend zum Kind wird, sobald ein Ball in seiner Nähe ist.»

Neymar

Wenn Brasilien unter Dunga überhaupt ein System hatte, dann lautete es: Gebt Neymar den Ball und wünscht ihm viel Glück. Tite aber sucht von Anfang an die Losung, die Abhängigkeit von Neymar zu verringern. Einerseits, um die Last auf den Schultern seines Superstars zu verringern. Das ist clever: Denn wer garantiert, dass Neymar an der WM 2018 fit ist? Als hätte es einen Beleg für dieses Szenario gebraucht, erleidet Neymar im März dieses Jahres eine Fussverletzung.

Beten und hoffen mit dem Zauberfuss – der Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Allein das Brimborium, welches diese Verletzung auslöste, offenbart die Bedeutung des bis dato teuersten Fussballers der Welt. Mit einem Privatjet landet Neymar in Belo Horizonte. War da nicht mal was? Genau, das 1:7 gegen Deutschland. Eine wohl unfreiwillige Symbolik. Kaum gelandet, steigt Neymar in den Helikopter um, der ihn ins Spital «Mater Dei» fliegt, wo ein ganzer Flügel für ihn reserviert ist.

Neymars Arbeitgeber Paris Saint-Germain, der 222 Millionen Euro Ablöse bezahlte und dem Brasilianer jährlich über 30 Millionen Euro netto Lohn überweist, spricht sich gegen einen chirurgischen Eingriff aus. Und obwohl PSG laut Vertrag das letzte Wort über die Behandlung hat, setzt sich Neymars brasilianisches Lager durch. Nationalmannschaftsarzt Rodrigo Lasmar habe die Zustimmung für die Operation mit einer falschen Diagnose erzwungen, wird kolportiert. Statt des in Paris diagnostizierten Haarrisses handle es sich um einen kompletten Bruch des Mittelfussknochens, meint Lasmar.

Neymar wird bis zum Ende der Saison keine Minute mehr für PSG spielen. Sehr zur Freude der Brasilianer, die nun für die WM auf einen gesunden, ausgeruhten, spielfreudigen und hungrigen Ausnahmekönner zählen können.

Die Triebfeder von Neymars sportlichem und wirtschaftlichem Erfolg ist der Vater. Neymar senior war ein mässig begabter Fussballer. Als Profi in unteren Ligen tingelte er wie ein Nomade mit seiner Familie durchs Land. Mit 32 hörte er auf und schlug sich als Automechaniker durch, manchmal putze er auch Klos. «Ich weiss, was eine schlechte Karriere ist. Mit Juninho wollte ich die Dinge richtig machen.»

Neymars Verletzung als Glücksfall.

Neymars Verletzung als Glücksfall.

ho

Juninho, das ist Neymar. Und dieser verdient dank des Verhandlungsgeschicks seines Vaters schon als Achtjähriger doppelt so viel wie seine Mitspieler: Nämlich zwei statt nur eine Lebensmittelkiste mit Reis, Bohnen, Öl und Trockenfleisch pro Monat. Der Boss der Neymar AG wird heute von Verhandlungspartnern als aufbrausend und manchmal unverschämt, aber auch als kalkulierend und in hohem Masse geschäftstüchtig bezeichnet. «Natürlich ist er mein Sohn. Aber ab dem Moment, wo er zur Tür rausgeht, ist er mein Geschäft», sagt Neymar senior. Und so wird der Junior – notabene noch bevor er Brasilien verlässt – zum ersten Profi, der mit Werbung mehr verdient als mit Fussball.

Der Wechsel von Santos zu Barcelona ist ein Muster für Neymar seniors Praktiken. Vereinbart wird eine Ablösesumme von 17,1 Millionen Euro, aber Handgelder von fast 70 Millionen. Damit überrumpelte er den an den Transferrechten beteiligten Investmentfonds. Und beim Pele-Klub Santos ist man noch heute sauer auf Neymar.

Heute arbeiten rund 50 Personen für den Familienbetrieb. Neymar (26) sagt: «Ich bin nicht gern allein.» Zum Mitarbeiterstab gehören «Toiss». Dabei handelt es sich um ein paar junge Brasilianer in Neymars Alter. Ihr Job besteht darin, da zu sein, Neymars Aktivitäten zu fotografieren, das Freizeitprogramm zu planen. Dafür bekommen sie 6000 Euro pro Monat; dafür dürfen sie neben der Familie bei der offiziellen Präsentation in Paris auf den Rasen; dafür dürfen sie in Neymars 1000-Quadratmeter-Villa im Vorort Bougival wohnen.

In Barcelona waren sie nicht nur traurig über Neymars Abgang. 222 Millionen Euro sind ein guter Grund, nicht zu grämen. Ausserdem müssen sie sich nicht mehr über seine Eskapaden ärgern. Beispielsweise, wenn Neymar es wieder einmal schaffte, just zur Geburtstagsparty seiner Schwester gesperrt zu sein um nach Brasilien fliegen zu können.

Dort wartet nicht nur die Schwester, sondern auch seine On-Off-Beziehung Bruna Marquezine (ein TV-Starlet) und ein Luxusanwesen ausserhalb von Rio im abgeriegelten «Condominio Portobello» – berühmt für seine Exklusivität und dafür, dass mehrere Nachbarn wegen Korruption verhaftet wurden. In Neymars Haus soll es neben sechs Badezimmern, einem Fitnessstudio, einer Anlegestelle für zwei Jachten auch einen Helikopterlandeplatz geben. Für Neymar der ideale Ort, um sich nach der Fuss-Operation wieder in Form zu bringen.

Apropos Verletzung: Vor der WM 2002 musste Starstürmer Ronaldo drei Monate wegen Leistenproblemen pausieren. Als er wieder auflief, erschraken die Leute über seinen Body-Mass-Index. Dann schoss der pummelige Angreifer mit zwei Toren im Final Brasilien zum fünften und bisher letzten WM-Titel. Natürlich werden nun Vergleiche angestellt. Erst recht, weil Neymar für seine Operation in Brasilien den französischen Chirurgen einfliegen liess, der schon Ronaldo operiert hatte. Aberglaube kann durchaus hilfreich sein, wenn es darum geht, eine Demütigung zu tilgen.