Fussball
Stolz, aber keine Euphorie und höhere Coronafallzahlen – was Italien vom Titel bei der Fussball-EM im Sommer bleibt

Der Sieg bei der Fussball-EM hat in Italien Stolz und Freude ausgelöst – aber keine dauerhafte Euphorie. Der üppige Medaillen-Regen an den Olympischen Spielen in Tokio hat den Fussball verblassen lassen.

Dominik Straub, Rom
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Mitte Juli war Italien nach dem EM-Titel im Freudentaumel.

Mitte Juli war Italien nach dem EM-Titel im Freudentaumel.

Riccardo De Luca / AP

Statistisch gesehen war es die beste und erfolgreichste italienische Mannschaft aller Zeiten: In der Qualifikation und an der EM-Endrunde hat die Squadra Azzurra gleich drei zum Teil Jahrzehnte alte Rekorde gebrochen.

Mit dem Finalsieg im Wembley-Stadion ist Italien nun seit 34 Spielen ungeschlagen (der alte Rekord lag bei 30 Spielen und stammt aus den 30er-Jahren).

Gleichzeitig war es der 15. Sieg in Folge (alter Rekord: 12 Siege in Serie).

Roberto Mancini ist Italiens Baumeister des Erfolgs.

Roberto Mancini ist Italiens Baumeister des Erfolgs.

Marc Atkins / Getty Images Europe

Die Mannschaft von Trainer Roberto Mancini feierte an der EM ausserdem die längste Zeit ohne Gegentor: Die Italiener waren schon mit acht Zu-Null-Siegen in Serie an die EM angereist - und erst den Österreichern gelang es im Achtelfinal, Torhüter Gigi Donnarumma wieder einmal zu bezwingen, nach 1168 Minuten. Der alte Rekord lag bei 1143 Minuten - aufgestellt von Dino Zoff Anfang der 70er-Jahre.

Die Freude, der Stolz, die Ausgelassenheit waren gross gewesen nach der denkwürdigen Nacht von London. Am Tag nach dem Finalsieg der Azzurri im Wembley-Stadion kommentierte der «Corriere della Sera»:

«Was für ein Fest. Endlich wieder Fröhlichkeit und schöne Gedanken. Wir haben das verdient: diesen EM-Titel und auch den ganzen Rest. Es ist wunderschön, Italiener zu sein. Der Erfolg ist der der Beweis, dass wir noch gewinnen und glücklich sein können – und er gibt uns die süsse Gewissheit, einig und stark zu sein».

Allerdings: Die berühmte «lange Welle» der Freude nach dem Sieg, eine anhaltende Euphorie, die dem Land über den Fussball hinaus Flügel verliehen hätte, blieb weitgehend aus. «Es war wunderschön, die Engländer in ihrem eigenen, mythischen Stadion zu besiegen. Das wird im Gedächtnis bleiben. Aber eine EM ist eben keine WM», sagt der Römer Barmann Andrea Leone - und bringt damit die Befindlichkeit der meisten italienischen Tifosi auf den Punkt.

Die Schmach der Nicht-Qualifikation für die WM 2018 ist mit dem EM-Sieg überwunden, Italien ist im FIFA-Ranking wieder auf den standesgemässen 5. Platz - aber das ist auch alles. Die Tifosi reden wieder über anderes: Über die gerade erfolgte Wiederaufnahme der Meisterschaft der Serie A, und natürlich über den Wechsel von Cristiano Ronaldo von Juventus Turin zu Manchester United.

Mit Cristiano Ronaldo verlor die Serie A eine ihrer grössten Figuren. Auch Romelu Lukaku verliess Italien in Richtung Premier League.

Mit Cristiano Ronaldo verlor die Serie A eine ihrer grössten Figuren. Auch Romelu Lukaku verliess Italien in Richtung Premier League.

Luca Bruno / AP

Medaillenregen bei den Olympischen Spielen in Tokio

Dass die Erinnerungen an die schönen Spiele der Azzurri und den Titelgewinn relativ schnell etwas verblassten, liegt zum Teil an einem anderen sportlichen Grosserfolg: Die italienischen Athletinnen und Athleten haben an den Olympischen Spielen in Tokio so viele Medaillen abgeräumt wie noch keine andere Olympia-Delegation vor ihnen.

Insgesamt 10 goldene Auszeichnungen brachten die Sportler nach Hause, darunter die wohl prestigereichste, jene im 100-Meter-Lauf: Der schnellste Mann der Welt ist nun der Italiener Marcell Jacobs. Hinzu kamen 10 Mal Silber und 20 Mal Bronze. Der Medaillenregen von Tokio hat den mehrfachen früheren Regierungschef Silvio Berlusconi dazu veranlasst, dem Präsidenten des italienischen olympischen Komitees, Giovanni Malagò, die Führung seiner Partei Forza Italia anzudienen. Malagò hat dankend abgelehnt.

Lamont Marcell Jacobs sprintete über 100 Meter zu Olympia-Gold und gewann auch mit der italienischen Staffel Gold.

Lamont Marcell Jacobs sprintete über 100 Meter zu Olympia-Gold und gewann auch mit der italienischen Staffel Gold.

Keystoen

Was von der EM blieb, waren zum Teil stark angestiegene Covid-Fallzahlen. Millionen Italienerinnen und Italiener waren in der Nacht vom 11. auf den 12. Juli auf die Strassen und Plätze geströmt und hatten sich – fast immer ohne Gesichtsmaske – umarmt, geküsst und zugeprostet. Das wirkte wie ein Brandbeschleuniger: Im ganzen Land schossen die Neuansteckungen in die Höhe, besonders in Rom, wo sich die Fallzahlen schon wenige Tage nach dem Finalsieg verfünffacht hatten. Die Hauptstadt war vorübergehend zum Covid-Hotspot Italiens geworden.

Über die Sommerferien hat sich der Schwerpunkt der Epidemie aber inzwischen nach Süditalien verlagert: Die beliebten Urlaubs- und Badeinseln Sizilien und Sardinien haben heute sehr viel mehr Covid-Fälle als Rom oder auch als die Lombardei. Sizilien ist inzwischen von der Regierung wieder zur gelben Zone erklärt worden – und der EM-Titel hat damit wenig zu tun.

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