Fussball
Färöer-Coach: «Island ist unser grosses Vorbild geworden»

Lars Olsen spielte einst mit dem FC Basel gegen den Abstieg – heute trainiert der Däne die Nationalmannschaft der Färöer-Inseln und peilt mit dieser einen Punktgewinn gegen die Schweiz an

Markus Brütsch
Merken
Drucken
Teilen
Lehrt die Favoriten das Fürchten: Trainer Lars Olsen hat mit den Färöer-Inseln zwei Mal Griechenland geschlagen und in der aktuellen WM-Ausscheidung Ungarn ein 0:0 abgetrotzt. FRANCISCO LEONG/Getty Images

Lehrt die Favoriten das Fürchten: Trainer Lars Olsen hat mit den Färöer-Inseln zwei Mal Griechenland geschlagen und in der aktuellen WM-Ausscheidung Ungarn ein 0:0 abgetrotzt. FRANCISCO LEONG/Getty Images

AFP/Getty Images

Lars Olsen, herzliche Gratulation!
Sie waren mit dafür verantwortlich, dass Leicester City in der letzten Saison sensationell englischer Meister wurde. Haben Sie viele Dankesschreiben erhalten?

Lars Olsen: Ich weiss, was Sie meinen. Hätten wir Ende 2014 nicht gegen Griechenland gewonnen, wäre Trainer Claudio Ranieri vielleicht jetzt noch als Trainer dort im Amt und Leicester gar nie Meister geworden. Diese Geschichte ist das beste Beispiel dafür, was im Fussball möglich ist: Die kleinen Färöer-Inseln schlagen auswärts eine Mannschaft, die ein paar Monate zuvor noch an der WM in Brasilien teilgenommen hat, provoziert damit eine Trainerentlassung und der mit Schimpf und Schande Weggejagte schafft wenig später mit dem Underdog Leicester eine der grössten Sensationen der Fussballgeschichte.

Noch viel mehr involviert in ein Fussballwunder waren Sie aber 1992, als Sie als Captain von Dänemark im EM-Final Weltmeister Deutschland 2:0 schlugen, obwohl sich Ihr Team nicht einmal für dieses Turnier qualifiziert hatte und nur nach Schweden gereist war, weil Jugoslawien wegen des Balkankonflikts nicht mitmachen durfte.

Obwohl diese Sensation schon eine Weile zurückliegt, brauche ich das Ereignis auch heute noch, um meine Spieler zu überzeugen, was im Fussball alles möglich ist. Mit den beiden überraschenden Siegen über Griechenland in der letzten EM-Qualifikation konnten sie diese Erfahrung nun sogar selber machen. Das zweite Mal war Ranieri aber schon nicht mehr da ...

Wer in Piräus gewinnt, kann auch in Luzern siegen.

Ich habe im Fussball tatsächlich schon eine Menge erlebt. Und die Mannschaft der Färöer weiss inzwischen, dass sie Spiele gewinnen kann. Doch wir wissen schon auch, dass es für uns in Luzern schwierig wird. Die Schweiz ist auch dann noch gut, wenn Embolo und Shaqiri verletzt ausfallen. Wir haben zuletzt zu Hause gegen Portugal 0:6 verloren, während die Schweiz gegen diesen Gegner 2:0 gewonnen hatte.

Wobei die Schweiz den Vorteil hatte, dass die Portugiesen in Gedanken noch immer bei der EM-Feier waren und ohne Ronaldo antraten ...

... das mag sein, aber die Schweiz beeindruckt mich mit ihrem starken Kollektiv. Dieses war auch bei der EM zu sehen.

Sie sind seit September 2011 Nationalcoach der Färöer und mittlerweile in der Weltrangliste auf Nummer 74 so gut klassiert wie noch nie. Wie hat Ihr Team das geschafft?

Indem es am Ball besser geworden ist. Das hat den grossen Vorteil, dass wir nicht mehr während 90 Minuten permanent unter Druck stehen. Das ist ein grosser Erfolg für uns. Aber wir begehen noch immer viel zu viele Fehler. Wie zuletzt gegen Portugal, als wir den Ball einfach nicht halten konnten. Unser Weg ist noch weit.

Gibt es denn überhaupt noch Verbesserungspotenzial bei einem Land, das nur 50 000 Einwohner zählt?

Ich denke schon. Aber das ist ein jahrelanger Prozess. Wichtig ist, dass immer mehr Spieler ins Ausland gehen und dort wichtige Erfahrungen sammeln. Im Moment spielt nur etwa die Hälfte ausserhalb der Färöer; in Island, Norwegen und Dänemark. Die anderen, die in der heimischen Liga spielen, arbeiten acht Stunden in ihrem Beruf und trainieren abends. Das sind keine optimalen Voraussetzungen. Aber sie geben alles für den Fussball, und das ist das Wichtigste.

Eine tolle Mentalität; angeeignet vom harten Leben auf den Inseln im
hohen Norden.

Ja, und sie ist ähnlich jener der Isländer. Meine Spieler arbeiten wie diese sehr hart für die Mannschaft, und auch wir haben einen hervorragenden Teamgeist. Aber die Isländer sind natürlich besser. Stars wie Sidurdsson von Swansea oder Bjarnason vom FC Basel haben wir nicht. Doch man kann schon sagen, dass Island bei der EM für uns zum grossen Vorbild geworden ist. Die Menschen hier haben mit dem Nachbarn aus dem Nordatlantik mitgefiebert.

Bis vor ein paar Jahren hätte man sich Island nicht als EM-Teilnehmer vorstellen können. Träumen die Färinger nun auch davon, es mal an eine EM oder WM zu schaffen?

Island hat sieben Mal mehr Einwohner. Vielleicht sind die Färöer in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren dabei. Zumindest an Begeisterung fehlt es nicht. Wenn wir zu Hause spielen, sind zehn Prozent der Bevölkerung im Stadion!

Haben die Färöer denn auch diese grossen Trainingshallen wie die
Isländer, wo es sich auch im Winter hervorragend arbeiten lässt?

Nein, das ist unser grosses Problem. Im Winter ist es hier sehr schwierig, Fussball zu spielen. Ich habe zwar die Hoffnung auf eine Grossraumhalle nicht aufgegeben, weiss aber, dass es um viel Geld geht. Während es in Island flach ist, haben wir auf den Färöern nur Berge. Das macht es so viel teurer.

Leben Sie ständig auf den Färöer-
Inseln?

Nein, mein Hauptwohnsitz ist Kopenhagen. Normalerweise bin ich acht bis zehn Tage pro Monat auf den Färöern. Ich freue mich jedes Mal darauf, wieder dorthin zu kommen. Natürlich auch, weil ich das Gefühl habe, dass wir von Spiel zu Spiel besser werden und das Selbstvertrauen immer grösser wird.

Wie ist das Verhältnis zwischen einem Dänen und den Färingern?

Die Färöer-Inseln sind ja ein Teil von Dänemark. Aber die Bewohner fühlen sich eben als Färinger, nicht als Dänen. Es gibt schon eine gewisse Rivalität.

Wurden Sie skeptisch empfangen?

So genau weiss ich das nicht mehr. Doch es ist schon so: Wenn ein Däne Trainer auf den Färöern wird, fragen die Leute zuerst, warum ein Däne? Aber grosse Probleme hatte ich deswegen nicht. Und nach Allan Simonsen und Henrik Larsen bin ich ja nicht der erste Däne hier. Für mich ist alles bestens. Ich bin sehr zufrieden und glücklich.

Was sicher mit den guten Resultaten und den Fortschritten zusammenhängt. Oder wird ein Trainer auf den Färöern nie kritisiert?

Es ist sicher nicht derselbe Druck wie in anderen Ländern da. Wenn die Schweiz am Sonntag gegen uns verlieren sollte, wäre dies für Vladimir Petkovic nicht gut. Als wir gegen Portugal 0:6 verloren, kam die grösste Kritik von uns selber, nicht aus der Öffentlichkeit. Sollten wir indes gegen Andorra verlieren, sähe es anders aus. Auch auf den Färöern ist die Erwartungshaltung gestiegen.

Sprechen wir noch über den
FC Basel, für den Sie anderthalb Jahre in der Nationalliga A spielten.

Das ist lange her. Mehr als zwanzig Jahre. Wie lange es zurückliegt, sieht man auch daran, dass mit Luca Zuffi nun der Sohn von Dario in der ersten Mannschaft spielt; Dario war damals beim FCB ein Teamkollege von mir. Aber wir waren zu jener Zeit keine Topmannschaft und spielten gegen den Abstieg. Heute sind die Basler fast immer in der Champions League dabei, sie haben ein neues Stadion − es ist schon alles ganz anders in Basel als zu meiner Zeit.

Sie wohnten damals in Zwingen.

In einem sehr schönen Haus, ja. So schön, dass ich seither schon zweimal dort gewesen bin, um es mir anzusehen!