Die Radrennbahn Andreasried in Erfurt ist die älteste ihrer Art, aber nicht behindertengerecht. Stufen hat der Eingang nicht, er ist aber enorm steil. «Sie müssen mir helfen», bittet Kristina Vogel. Im Stadion spielt eine Band deutsche Lieder, später beginnt das traditionelle Steherrennen.

In einem kleinen Fitnessraum ist es ein bisschen ruhiger, doch immer wieder kommen Freunde und Bekannte von Vogel vorbei. «Umarme mich», sagt die 28-Jährige dann und unterbricht kurz das Gespräch.

Fühlt sich nicht an den Rollstuhl gefesselt: Kristina Vogel.

Fühlt sich nicht an den Rollstuhl gefesselt: Kristina Vogel.

Fühlen Sie sich manchmal ausgeschlossen von der Gesellschaft?

Kristina Vogel: Das Gute ist, das ich offen bin und ich mir helfen lassen kann. Ich bin noch frisch im Rollstuhl, bin auch nicht sauer auf meine Umgebung. Ich bin in einer Szene unterwegs, in der ich oft die einzige Behinderte bin. Da hat man sich früher keine Gedanken dazu gemacht, ob etwas behindertengerecht ist oder nicht. Wenn ich irgendwo nicht rein kann und auf fremde Hilfe angewiesen bin, wie zum Beispiel hier, finde ich das natürlich nicht toll, aber ich kann damit umgehen.

Seit Sie im Rollstuhl sind, fühlen Sie sich weniger eigenständig.

Ich will so leben, wie davor. Das ist dasselbe wie beim Erwachsen werden. Wenn man 18 wird, will man auch ein eigenes Auto oder eine eigene Wohnung. Man will Eigenständigkeit. Und ich will ohne Probleme irgendwo hinrollen können, ohne mir grosse Gedanken machen zu müssen.

Wenn wir im Gespräch Ihren Unfall aufarbeiten, fühlen Sie sich dann wie in einer Therapie?

Tatsächlich fühlten sich Interviews für mich eine Weile an wie Therapiesitzungen. Interviews sind gut, um zu reflektieren. Es gibt Dinge, die ich im Alltag nicht realisiere. Wenn ich aber darüber spreche, merke ich: «Wow, ich habe Fortschritte gemacht.»

Bei was fällt ihnen das auf?

Der ganze Autotransport ist zum Beispiel anders. Am Anfang brauchte ich über zwanzig Minuten, um aus dem Auto auszusteigen. Heute schaffe ich das in drei bis vier Minuten. Das macht schon stolz.

Gab es nach ihrem Unfall auch Situationen, in denen Sie sich selber nicht mehr helfen konnten?

Ja, zum Glück ist das viel besser geworden. Wenn ich nicht mehr weitergekommen bin, habe ich meinen Lebensgefährten angerufen, der mich dann tragen musste. Mittlerweile kriege ich den Transport hin, auch wenn alles länger dauert als früher.

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie seit Ihrem Unfall mehr über den Weg zu einem Termin nachdenken als über den Termin selber.

Das ist etwas Blödes. Ich muss mir immer überlegen: «Ist der Weg machbar? Wie sieht es da genau aus? Hat es Stufen?» Viel zu oft beschäftige ich mich mit der Frage, wie ich wohin komme, anstatt, dass ich mich auf wichtige Termine richtig vorbereite.

Seit Juni 2018 sind Sie querschnittgelähmt. Welche Bilder haben Sie vor Augen, wenn Sie an den Unfall zurückdenken?

Da sind gar keine Bilder. Ich bin sehr froh, dass ich vom Aufprall nichts mehr weiss. Ich weiss nur, wie ich am Fahren bin. Dann ist es schwarz. Ich kann mich erst wieder daran erinnern, wie ich wach werde. Das ist aber auch gut so. Ich gucke wohl auch dadurch anders auf eine Radrennbahn, als wenn ich mich an alles erinnern könnte. Nach dem Unfall hatte ich sehr grosse Schmerzen. Darauf möchte ich aber nicht zurückschauen.

Haben Sie den Kontakt zu dem niederländischen Nachwuchsfahrer gesucht, der den Unfall verursacht hat?

Nein, bisher nicht.

Weil Sie wütend auf ihn sind?

Ich bin nicht wütend auf ihn, von Anfang an nicht. Ich habe ihm nie die Schuld gegeben. An dem Tag gibt es so viele Personen, die Schuld haben könnten. Die Trainer, die hätten sehen müssen, dass ich angefahren komme. Oder die Ausbildner, die dem Fahrer viel früher hätten beibringen müssen, wo man starten darf und wo nicht. Denn eigentlich ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass während des Trainingsbetriebs auf der Gegengerade keine stehenden Starts gemacht werden dürfen. Wenn man «fliegend» vorbei kommt, fährt man enorm schnell. Da man in der Kurve nach innen liegt, sieht man für etwa fünf Meter fast nichts. Und genau an jener Stelle stand er. Ich habe sogar vorher geschaut, da war aber niemand. Er kam wie aus dem Nichts.

Wie würden Sie damit umgehen, wenn Sie ihm morgen begegnen würden?

Ich weiss ja gar nicht, ob er mich sehen will. Er hat sich auch nicht gemeldet. Aber wenn ich mir vorstelle, ihn morgen zu treffen, wäre das sehr hart. Ich wüsste nicht, wie ich damit umgehen würde. Er ist die Personifizierung des Unfalls. Aber wer weiss: Vielleicht kommt das irgendwann.

Kristina Vogel war zweifache Weltmeisterin und holte zweimal Olympia-Gold.

Kristina Vogel war zweifache Weltmeisterin und holte zweimal Olympia-Gold.

Sie sagten einmal, dass Sie sich seit dem Unfall freier fühlen. Inwiefern?

Davor war ich manchmal bescheuert. Der Alltag ist schnell, man macht vieles, obwohl man lieber Nein sagen würde. Zum Beispiel im Sport. Da war ich die Gejagte. Ich kam in die Radrennbahn und wusste: «Es wollen mich alle verlieren sehen.» Ich wollte diesen Erwartungen gerecht werden, setzte mich enorm unter Druck. Dabei vergass ich, dass ich den Sport liebe. Erst nach dem Unfall war mir bewusst: «Ich habe den geilsten Job der Welt gehabt.»

Ist diese Erkenntnis nicht schmerzhafter, jetzt wo Sie wissen, dass Sie diesen Beruf nicht mehr ausüben können?

Es ist schmerzhafter, dass ich realisiert habe, dass ich mich gar nie so unter Druck hätte setzen müssen. Dass ich entspannter hätte sein können. Dieses Gefühl nehme ich nun mit. Ich sage mir: «Ich muss nichts, aber ich kann, wenn ich möchte.» Ich muss keine Interviews geben, muss nicht in die Presse oder ins Fernsehen. Ich kann aber meine Geschichten erzählen, wenn ich das möchte.

Sie lagen 2009 zwei Tage im Koma. Warum kamen Sie nach dem ersten Unfall nicht zur selben Erkenntnis?

Damals war die Situation eine andere, ich war eine andere. Zwar war ich schon sechsfache Juniorenweltmeisterin, aber sonst hatte ich noch nichts erreicht. Mit meiner Karriere konnte und wollte ich zu jenem Zeitpunkt nicht abschliessen. Ich wollte unbedingt grosse Erfolge erreichen. Wäre ich damals querschnittgelähmt geworden, hätte ich stärker getrauert. Dadurch hätte ich Dinge nicht machen können. Dinge, die ich jetzt gemacht habe. Ich war Weltmeisterin, ich war Olympiasiegerin. Damals wären diese Träume geplatzt.

Sie haben einer Schweizer Zeitung noch nie ein so grosses Interview gegeben, obwohl Sie zwei olympische Goldmedaillen gewonnen haben. Wie sehr stört es Sie, in der Öffentlichkeit auf den Unfall reduziert zu werden?

Irgendwie ist es traurig, dass einige Leute erst jetzt realisieren, wie erfolgreich ich gewesen bin. Das stelle ich selbst bei meinen ehemaligen Teamkolleginnen fest. Für sie wäre es die grössere Geschichte gewesen, wenn ich einmal Zweite geworden wäre, statt erneut Weltmeisterin. Die jetzige Aufmerksamkeit sehe ich aber als Chance. Ich sehe mich als Sprachrohr für all diejenigen, für die man sich einsetzen muss. Das muss ich nutzen, solange man mich noch hören möchte. Wer weiss, vielleicht ist das mein letztes Interview und danach interessiert sich niemand mehr. Dann will ich die Chance genutzt haben.

Wir treffen uns in Erfurt bei der Radrennbahn. Welche Gefühle haben Sie heute, wenn Sie eine solche Bahn sehen?

Ausschliesslich positive. Wir sind hier in meiner Heimatstadt Erfurt, die ich liebe. Und es ist die Anlage des Sports, den ich liebe. Daran hat sich durch meinen Unfall nichts verändert. Ich habe früh verstanden, wie meine Diagnose ist. Sogar noch bevor es mir die Ärzte mitteilten. Ich habe Zeit gehabt, zu überlegen, was das für mich bedeutet und es verarbeitet. An der Liebe zum Sport hat sich dadurch nichts geändert, dass ich ihn selber nicht mehr ausüben kann. Für mich ist es immer noch der beste Sport, den es gibt.

Was macht Radbahnfahren aus?

Es ist wie auf einer Achterbahn. Dieser Mix aus Kraft, Explosivität und Taktik gibt es in keiner anderen Sportart. Du fährst durch die Kurve und es macht einfach Spass. Da glitzert es bei mir immer noch.

Ordnen Sie Ihre Erfolge heute anders als vor dem Unfall?

Ich glaube, das hat weniger mit dem Unfall, dafür mehr mit dem Alter zu tun. Wenn man älter wird, lässt man mehr Revue passieren. Ich blicke auf eine grossartige Zeit zurück, bei der die beiden Olympia-Goldmedaillen natürlich herausstechen. Schön ist es auch, dass ich bis zum Schluss bei den Konkurrentinnen gefürchtet war.

Dies obwohl, Ihnen ein gewollter Rücktritt verwehrt blieb.

Irgendwann wäre ich sowieso zurückgetreten. Ich hätte sicher noch bis zu den Olympischen Spielen weitergemacht, vielleicht noch ein bisschen länger. Dass es jetzt früher vorbei war, muss ich akzeptieren.

Welche Rückmeldungen haben Sie nach dem Unfall von Ihren Konkurrentinnen und ihre Teamkolleginnen erhalten?

Alle sind sich bewusst, dass der Unfall jedem hätte passieren können. Vielleicht auch darum habe ich unglaublich viel positive Rückmeldungen erhalten, die Anteilnahme war enorm gross. Es war schön zu sehen, dass wir zwar Konkurrentinnen waren, aber in schwierigen Situationen auch füreinander da sein können.

Heute sind Sie Fernsehexpertin beim ZDF. Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie Ihre ehemaligen Kolleginnen verfolgen?

Manchmal nerve ich mich enorm, wenn eine Fahrerin, die ich früher hätte schlagen können, einen Taktikfehler macht. Dann wäre ich schon manchmal noch gerne am Fahren.

Wären Sie also eine gute Taktiktrainierin?

Ja, vielleicht. Ich habe jetzt meine Trainerlaufbahn gestartet. Seit Anfang Monat bin ich Trainerin der Bundespolizei für Radsport. Dabei bin ich kein Headcoach, sondern für die Beurteilung und Betreuung der Athleten zuständig. Als Expertin bin ich im Radsport dafür zuständig, wer noch gefördert werden soll. Zunächst bin ich Praktikantin und schaue mir an, ob mir die Aufgabe gefällt und ob ich sie körperlich machen kann. Denn es gibt schon Dinge, die Trainer machen müssen, die für mich schwierig sind.

Zum Beispiel?

Viele Trainer laden zum Beispiel die Räder in den Bus. Das kann ich natürlich nicht. Das ist aber auch nicht so schlimm, dann machen es die Athleten selber. Mir macht eher die Tatsache Sorgen, dass es viele Radrennbahnen auf der Welt gibt, bei denen ich nicht alleine reinkomme.

Eigentlich müssten Sie gar nicht mehr arbeiten. Warum machen Sie es trotzdem?

Ich habe jahrelang von der Bundespolizei profitiert. Ich habe dafür Lohn gekriegt, dass ich meinen Sport ausübe. Nachdem ich jahrelang profitiert habe, ist es nun Zeit, etwas zurückzugeben. Ich will zeigen, dass es richtig war mich zu fördern.

Neben Polizistin und TV-Expertin sitzen Sie neu als Parteilose in der CDU-Fraktion des Erfurter Stadtparlaments. Warum wollten Sie in die Politik?

Kurz nachdem ich nach meinem Unfall an die Öffentlichkeit gegangen bin, wurde ich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Damals dachte ich mir: «Oh Gott, ich? Politikerin?» Zu jenem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wann ich das Krankenhaus verlassen kann. Im Dezember 2018 wurde ich wieder gefragt, kurz bevor die Kandidatenliste geschlossen wurde. Da war ich weiter und fragte mich: «Warum eigentlich nicht?» Ich habe viel von der Welt gesehen, habe Positives und Negatives wahrgenommen. Ich sehe, was in Erfurt gut ist und was vielleicht noch besser sein könnte.

Als neue Kandidatin haben Sie sogleich am meisten Stimme auf der CDU-Liste geholt. Hilft Ihnen dabei ihre Bekanntheit?

Es ist bestimmt ein Vorteil, dass man mich durch den Sport kennt. Viele wissen wohl auch, dass ich meine, was ich sage. Diese Ehrlichkeit ist in der Politik leider verloren gegangen ist. Ganz egal ob es in Deutschland, der Schweiz oder in Amerika ist.

Wofür setzen Sie sich ein?

Meine Themen sind Sicherheit, Sport und barrierefreie Inklusion. Wenn ich uneingeschränkt reisen kann, dann können das andere auch. Das gilt für andere Menschen mit einer Behinderungen, für Ältere oder auch solche, die für eine Weile Krücken haben. Für all jene Menschen setze ich mich ein. Als Polizistin ist mir zudem auch die Sicherheit wichtig. Ich möchte, dass das subjektive Sicherheitsgefühl in meiner Stadt so hoch bleibt, wie es ist. Und der Sport kann die Welt verändern. Nicht jeder kann Olympiasieger werden, aber jeder kann vom Sport profitieren. Wer Sport macht, ist leistungsfähiger, und man lernt das Miteinander.

Anfang September haben Sie wieder ein Rennen bestritten: auf einem Handbike. Streben Sie eine Karriere im Para-Sport an?

Es war lediglich eine Werbeaktion während der Deutschlandtour. Sie soll die Kinder dazu animieren, Sport zu machen. Auch wenn es kein richtiger Wettkampf ist, hat es dennoch grossen Spass gemacht.

Sie sind an den Rollstuhl gefesselt. Kann Ihnen Rollstuhlfahren dennoch auch Spass machen?

Nein, ich bin nicht an den Rollstuhl gefesselt. Der Rollstuhl gibt mir Freiheit. Und ja klar, kann es auch mal Spass machen. Bergab bin ich immer recht schnell, bergauf immer die letzte. Das ist wie früher, da hat sich also nicht viel geändert (lacht).

Sie wirken enorm positiv. Haben Sie sich nie gefragt: «Warum ich?»?

Das habe ich durch den ersten Unfall gelernt. Damals habe ich mich gefragt: «Warum? Weshalb? Wieso?» Ich habe aber rasch festgestellt, dass das Fragen sind, auf die es keine Antwort gibt. Sich darüber Gedanken zu machen, ist unnötig verschwendete Energie. Natürlich ist es «scheisse», dass ich nicht mehr gehen kann. Hätte ich mir ein Schicksal wählen können, hätte ich mir das sicher nicht ausgesucht. Ich kann aber nicht wählen. Stattdessen habe ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, Leute zu motivieren und zu zeigen, dass man mit dem Leben positiv umgehen kann.

Glauben Sie an Schicksal?

Früher habe ich das nicht, heute vielleicht. Es könnte sein, dass es immer mein Schicksal war, im Rollstuhl zu landen und ich beim ersten Unfall einfach Glück hatte. Dann habe ich nochmals neun Jahr geschenkt gekriegt.