EM-Zehnkampf beginnt
Ausnahmekönner Simon Ehammer verrät sein Verhältnis zu den zehn Geliebten

Emotionen und Zahlen: Das Schweizer Leichtathletik-Supertalent skizziert, was er bei seinen Einsätzen liebt und was er weniger mag. Wir zeigen in einer Grafik, wo Ehammer im Vergleich zu den besten Mehrkämpfern und zu den Spezialisten steht.

Rainer Sommerhalder, Ralf Streule und Jana Breder (Grafik)
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Simon Ehammer bereitet sich in Teufen mit Trainer René Wyler auf den EM-Zehnkampf vor - immer im Fokus der Medien.

Simon Ehammer bereitet sich in Teufen mit Trainer René Wyler auf den EM-Zehnkampf vor - immer im Fokus der Medien.

Rainer Sommerhalder / Aargauer Zeitung

Zehn Disziplinen muss ein Mehrkämpfer können. Doch nicht immer sind die Einsätze, bei denen man sportlich brilliert, auch diejenigen, die man am meisten liebt. Simon Ehammer gewährt uns einen Einblick in die Beziehung zu seiner Sportart.

Dazu betrachten wir in grafischer Form, wo die Schweizer Leichtathletik-Hoffnung im Vergleich zu den besten Zehnkämpfern, den besten Spezialisten aus dem eigenen Land und dem Weltrekord steht. Die Unterschiede sind in verschiedener Hinsicht erstaunlich.

100 m

«Es ist nicht meine absolute Lieblingsdisziplin. Ich mache sie primär gerne, weil ich schnell bin. Und sie ist extrem wichtig als Einstieg in den Zehnkampf. Man kann hier sowohl viele Punkte wie auch ein gutes Gefühl für den weiteren Verlauf des Wettkampfs holen. Es ist in diesem Fall eine Beruhigung: Die Form passt, es kann losgehen! Ich trainiere spezifisch den 100-m-Lauf nie. Wir haben Start- und Beschleunigungstraining. Der Rest kommt vom wöchentlichen Hürdentraining und vom Weitsprung, wo die Beschleunigung ebenfalls eine entscheidende Rolle spielt.»

Weitsprung

Der Weitsprung ist Ehammers Paradedisziplin: Er hält den Schweizer Rekord und den Weltrekord innerhalb eines Zehnkampfs.

«Ich freue mich einerseits enorm auf den Weitsprung, weil ich weiss, dass ich nach zwei Disziplinen ganz vorne sein und ein Polster auf einige Athleten schaffen kann, das mir gegen den Schluss hin hilft. Andererseits hat nach Götzis jetzt jeder die Erwartung, der Ehammer müsse mindestens 8.20 m springen. Ich selber weiss jedoch, was realistisch ist.

Man darf nicht erwarten, dass ich jedes Mal so weit springe. Meine Konstanz ist derzeit zwischen 8.10 m und 8.20 m – und wenn ich einmal einen erwische, dann geht es auf 8.30 m. Ich bin mir aber sehr, sehr sicher, dass ich in München einen Sprung rauslasse, der wieder sehr weit geht. Zudem habe ich mir zum Ziel gesetzt, eine Weite zu zeigen, die auch bei den Spezialisten fürs EM-Podest reichen würde.»

Kugelstossen

Der Rückstand auf die Spezialisten ist im Kugelstossen ganz allgemein gross: noch nie holte ein Zehnkämpfer mehr als 950 Punkte.

«Wir haben nochmals den Fokus auf Stossen und Werfen gelegt und ich habe einen intensiven Trainingsblock hinter mir. Ich fühle mich sehr gut. Ich hatte während meiner Spitzensport-RS eine sehr gute Konstanz erreicht und in der Halle 15 Meter geschafft. Dann musste ich aber wegen meiner Verletzung im vergangenen Jahr länger aufs Kugeltraining verzichten, weil die Drehbewegung zu sehr schmerzte.

Es ist eine Disziplin, bei welcher du dich ein wenig erholen kannst. Der Einsatz ist dreimal sehr kurz und intensiv. Und sie macht mir sehr viel Spass – es ist auch meine beste Wurfdisziplin. Wenn dir ein toller Stoss gelingt, ist es ein wahnsinnig schönes Gefühl. Du musst dazu als Basis nicht einmal höhere Kraftwerte haben, sondern es technisch im Ring einfach perfekt treffen. Und schon fliegt die Kugel fast einen Meter weiter.

Der Unterschied zwischen einem gelungenen Versuch und einem ungenügenden ist wohl nirgends so deutlich spürbar wie beim Kugelstossen. Wenn du ihn nicht triffst, dann rupft es dir beinahe den Arm aus und die Finger tun weh. Wenn du einen raushaust, dann wird die Kugel federleicht. Es ist für mich realistisch, in München an die 15 Meter heranzustossen.»

Hochsprung

«Hochsprung ist die intensivste Disziplin des ersten Wettkampftages. Es dauert lange und wenn du Pech hast, läppern sich die Versuche zusammen – im schlimmsten Fall benötigst du auf fünf Höhen drei Versuche. Das kostet Kraft. Im Weitsprung und im Kugelstossen sind es definierte drei Durchgänge. Im Hochsprung kann von einer genialen Serie bis zu einem ziemlichen Murks alles passieren. Zwei gerissene Versuche auf der Anfangshöhe sind auch mental extrem unangenehm - wie überall, wo man kurz vor einem Nuller steht. In diesem Augenblick verrupft es dir beinahe das Herz. Es ist ein Gefühl, das man nicht erleben will.

Grundsätzlich beginnt man deshalb auf einer Höhe, wo man mit einem fokussierten Sprung nichts anbrennen lassen sollte. Beim Hochsprung ist für mich am wichtigsten, dass ich im Moment des Sprungs sehr konzentriert und konsequent bin. Ich weiss, dass ich im Wettkampf die Lockerheit brauche, um mich nicht zu verkrampfen. Aber im Moment des Sprungs muss ich sehr aktiv an die Aufgabe herangehen, um unnötige Fehlversuche zu verhindern. Die Lockerheit darf nicht in Passivität münden.»

400 m

«Zur letzten Disziplin des ersten Tages pflege ich ganz klar eine Hass-Liebe. Ich mache es grundsätzlich gerne, weil ich darin durchaus auch gut bin. Meine persönliche Bestzeit von 47.27 Sekunden ist zügig für einen Mehrkämpfer. Ich weiss aber auch, dass ich die 400 m noch schneller laufen kann. Ich werde in München sicher wieder eine 47er-Zeit abliefern. Aber es ist eine Disziplin, wo die Gefühlslage sehr schwankend ist. Vom Gefühl, jetzt einen rauszulassen bis hin zum Gefühl, dass der Körper schmerzt, ich einfach nur müde bin und diese Runde endlos weit scheint.

Ganz, ganz viele unterschiedliche Emotionen auf einmal, die aber abrupt enden, sobald ich im Startpflock kniee. Danach bin ich in einem Tunnel drin. Und der Lauf fühlt sich für die Zuschauer länger an als für den Athleten selbst. In den ersten 200 Meter das volle Tempo entwickeln, dann in der Kurve auf die kurzen Schritte fokussieren und auf die Zielgerade beschleunigen, um die Geschwindigkeit so lange wie möglich halten zu können. Der lange Tag, die Müdigkeit und den schmerzenden Körper spürt man dann erst wieder mit etwas Verzögerung im Ziel.»

110 m Hürden

Die 110 m Hürden sind nach dem Weitsprung Ehammers stärkste Disziplin.

«Eine meiner Paradedisziplinen. Es ist für einen Athleten immer gut, wenn man mit einer starken Disziplin in den Tag starten kann – zumindest für mich. Ein Niklas Kaul, der Weltmeister von 2019 aus Deutschland, kann damit umgehen, dass er dort Punkte verliert. Er weiss, dass seine Zeit noch kommt. Für mich hingegen ist es ein tolles Gefühl, wenn ich nach einem starken ersten Tag gleich wieder mit etwas loslegen kann, das ich gut mache und mich auch extrem darauf freue. Nochmals Punkte auf die Konkurrenz rauszuholen tut gut.»

Diskus

Die verflixte siebte Disziplin: Nirgends liegt Ehammers Punkteausbeute tiefer als im Diskuswerfen.

«Es ist meine schwächste Disziplin. Wir sind aber fleissig an der Arbeit. Ich muss mich nirgends so konzentrieren wie beim Diskus, weil der ganze Ablauf noch nicht perfekt automatisiert ist. Dort ist der Simon Ehammer sicher am ruhigsten und am zurückhaltendsten. Bei all den schnellkräftigen Disziplinen gibt es eine gewisse Konstanz, kann man bereits erbrachte Leistungen abrufen und funktioniert es deshalb mit einer gewissen Lockerheit.

Man muss sich jedoch immer auch vor Augen führen, von wo ich beim Diskus herkomme und wo ich aktuell stehe. Dazwischen liegen bereits Welten. Wenn ich die zwei Eckpunkte abrufen kann, die beim Diskuswurf stimmen müssen, dann kann auch ich über 40 Meter werfen. Das primäre Ziel ist es, eine gewisse Konstanz zu erlangen und die Lockerheit zu gewinnen. Das kommt aber nur durch viel üben und das wird von Jahr zu Jahr besser.»

Stab

«Beim Gedanken an den Stabsprung kommt Vorfreude auf, weil es mir in diesem Jahr mega gut läuft. Es ist seit je her eine meiner absoluten Lieblingsdisziplinen. Es ist cool, wenn man auf Höhen springt, die nicht mehr jeder so einfach schafft. Ein tolles Feeling. Die Blockade vom vergangenen Jahr haben wir gut verarbeitet. Derzeit läuft es im Training enorm gut und es macht mir wirklich viel Spass, Stabsprung zu trainieren. Ich will auch in München im vorderen Drittel mitmischen und vielleicht wieder einmal eine persönliche Bestleistung abliefern.»

Speer

«Eine coole Disziplin, die ich sehr gerne mache. Wenn man meinen Trainer René Wyler fragen würde, wie ich früher geworfen habe, dann würde er sagen, es sei schon ein Wunder, dass ich damit 50 Meter geschafft habe. Jetzt sind 56 Meter und ich habe das Gefühl, in München kann es auch auf 58 Meter oder noch weiter gehen. Wir haben einen grossen Fokus aufs Werfen gelegt, wir haben beim Speer-Nationaltrainer Inputs zur technischen Korrektur geholt. Das Ziel ist es, mit meiner Power aus den Beinen auch weit werfen zu können.

Bis sich das in Resultaten widerspiegelt, braucht es einfach seine Zeit. Konstanz und Routine sind notwendig, um ein gewisses technisches Niveau im Wettkampf mit hoher Wahrscheinlichkeit abzurufen. Ich habe mich in dieser Saison konstant gesteigert. Es spricht nichts dagegen, dass dies auch bei der EM so weitergeht. Deshalb starte ich mit einer riesigen Freude in diese Disziplin.

Mit 60 Metern wäre ich schon ein ziemlich guter Zehnkampf-Speerwerfer. Dass es schon die neunte Disziplin ist, kommt mir vielleicht sogar entgegen, weil bereits eine gewisse Trägheit im Körper ist. Denn immer, wenn ich mit 110 Prozent Kraft werfen will, geht der Versuch nicht weit und wenn ich mit 90 Prozent werfe, gelingt er.»

1500 m

Die 1500 m sind eine Disziplin, die aus der Reihe tanzt: in keiner anderen ist die Punkteausbeute der Zehnkämpfer so tief.

«Wir trainieren den Mittelstreckenlauf nicht oft, weil bereits der Umfang des Trainings eine gewisse Ausdauer bewirkt. Wir imitieren die Disziplin mit Serien von 8 mal 100 Meter mit 30 Sekunden Pause dazwischen. Da geht es mehr um die richtige Atmung und sich selbst gegenüber streng zu sein, als um die Distanz.

Ich habe bis zum Wettkampf im Mai in Ratingen eineinhalb Jahre lang keinen 1500-er mehr absolviert. Deshalb fühlte ich mich vor dem Lauf ziemlich unsicher. Ich weiss zwar, wie es funktioniert, aber ich habe es lange nicht mehr erlebt. Früher habe ich diesen Lauf wirklich nicht gerne gemacht. Mittlerweile habe ich das abgelegt.

Kein Zehnkämpfer freut sich auf den 1500-m-Lauf. Wir sind nicht gemacht für eine solche Distanz, weil es etwas komplett anderes ist als die sonstigen Bestandteile eines Zehnkampfs. Es braucht auch hier noch etwas Zeit, bis sich meine Läufe konstant gut anfühlen. Vielfach musste ich auch nicht mehr unbedingt eine gewisse Zeit erreichen, um meinen Platz abzusichern. Dann wird es schwierig, sich wirklich zu quälen. Es ist auch eine Frage, ob sich das Risiko lohnt. Aber wenn ich muss, dann kann ich es auch!»