Eishockey
Wie Arno Del Curto das Schweizer Eishockey in eine neue Dimension katapultierte

«Sehr, sehr hart – sehr, sehr nah»: Arno Del Curto war ein Trainer, der für seine Spieler deutliche Worte fand – und der ihre Sprache zu sprechen verstand wie kein anderer. Zwei Jahrzehnte ist es her, dass unter der Trainer-Legende mit der ganz eigenen Denkweise eine neue Eishockey-Generation heranwuchs, die das Schweizer Eishockey noch lange prägen sollte.

Marcel Kuchta
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Arno Del Curto konnte in der Garderobe deutliche Worte an seine Spieler richten. Die gingen dafür für ihn durchs Feuer.

Arno Del Curto konnte in der Garderobe deutliche Worte an seine Spieler richten. Die gingen dafür für ihn durchs Feuer.

Schweiz am Wochenende

Wir schreiben den 27. Dezember 1995. In einem Vorort von Boston bringt die U20-Eishockey-Nationalmannschaft die haushoch favorisierten Kanadier an den Rand einer Niederlage. 1:2 lautet das Endresultat. Für die Schweizer Nachwuchsauswahl, die damals gerade der Zweitklassigkeit entronnen war und in den Jahren zuvor gegen Kontrahenten dieses Kalibers regelmässig zweistellige Schlappen kassierte, war diese knappe Niederlage mehr als nur eine Ehrenmeldung. Es war schon fast ein Meilenstein.

Der damalige Nationalmannschafts-Direktor und jetzige CEO der ZSC Lions, Peter Zahner, erinnert sich auch über 20 Jahre später noch genau daran, was nach jenem Spiel passierte: «Der kanadische Trainer lobte unsere Mannschaft überschwänglich, sprach davon, dass wir läuferisch, spielerisch und physisch überlegen waren.» Und wie war das Befinden des Schweizer Headcoachs Arno Del Curto? Zahner: «Er war ausser sich vor Wut über die Niederlage, faltete seine Spieler in der Garderobe fürchterlich zusammen.»

Erweckungserlebnis für das Schweizer Eishockey

Für den damaligen Schweizer U20-Trainer spielte es keine Rolle, wie grossartig sich seine Mannschaft gegen den scheinbar übermächtigen Kontrahenten verkauft hatte. Del Curto hasste es, zu verlieren. Noch mehr hasste er es, ehrenvoll zu verlieren. Und das bekamen seine Jungs zu spüren.

Diese Episode zeigt: Jene Junioren-WM in Boston war ein eigentliches Erweckungserlebnis für das Schweizer Eishockey. Erstmals konnte eine Schweizer Nachwuchsauswahl mit den weltbesten Spielern ihrer Altersstufe mithalten. Zwar gewann man am Ende nur eines von sechs Spielen. Aber man schaffte den Klassenerhalt, was zuvor nur in Ausnahmefällen gelungen war.

Und noch viel wichtiger: Man brachte die Favoriten mit einer unnachgiebigen, völlig untypisch schweizerischen Spielweise an den Rand der Verzweiflung. Da war nichts mehr zu sehen von Zurückhaltung, Angst und Ehrfurcht. Diese Mannschaft trug ganz klar die Handschrift von Arno Del Curto.

Eine neue Denkweise

Mit dieser Mannschaft wuchs unter der Führung von Del Curto eine Spielergeneration – die «Boston-Generation» genannt – heran, die das Schweizer Eishockey gut zwei Jahrzehnte lang prägen und an die Weltspitze heranführen sollte. Darunter waren jetzige Legenden wie Mathias Seger, Mark Streit, Reto von Arx, Sandy Jeannin oder Martin Plüss.

Das Turnier in Boston und die Zusammenarbeit mit Del Curto katapultierte dieses Quintett von talentierten Eishockey-Spielern in eine andere Dimension. «Arno hat eine ganz neue Denkweise mitgebracht. Er glaubte daran, dass wir nah dran sind an den grossen Mannschaften. Er sprach nicht vom Abstiegskampf, sondern vom Erreichen des Viertelfinals, von Medaillen. Er hat uns den Glauben in die eigenen Fähigkeiten richtiggehend in die Köpfe eingepflanzt», erinnert sich Mathias Seger.

Viel verlangt, viel zurückgegeben

Die Episode nach dem verlorenen Kanada-Spiel zeigt, dass Del Curto seine Ziele bisweilen mit dem emotionalen Vorschlaghammer zu erreichen versuchte. «Er liess keine Ausreden gelten. Er wollte immer, dass wir mutig sind, dass wir mehr wollen, als nur gut zu sein», erzählt der damalige Captain der Mannschaft, Sandy Jeannin, und erklärt, weshalb die Spieler trotz der psychologischen Achterbahn, auf der sich diese Teenager bisweilen befanden, für ihren Trainer durchs Feuer gingen: «Man hat ihm vertraut, wie man seinem eigenen Vater vertraut. Er hat von uns sehr viel verlangt, aber auch sehr viel zurückgegeben.»

Mark Streit, der damals als 77er-Jahrgang jünger war als viele seiner Mitspieler und Gegner, war primär froh, dass ihm Del Curto überhaupt die Chance gab, sich auf diesem Niveau zu bewähren. Und ihn faszinierte auch, wie sein Trainer die Mannschaft spielen liess. «Er wollte, dass wir offensiv spielen, dass wir Verteidiger den Puck schnell hinten rausspielen. Das hat mir sehr entsprochen und mir für meine weitere Karriere extrem geholfen», erinnert sich der Mann, der sich schliesslich als erster Schweizer Feldspieler in der NHL durchsetzen sollte.

Die Magie des Trainers

Wenn Peter Zahner heute erzählt, wie Del Curto nach seinem legendären Wutausbruch in der Nacht nach dem Kanada-Spiel von Hotelzimmer zu Hotelzimmer wanderte und seine Spieler im persönlichen Gespräch wieder aufbaute, dann ist sehr gut erkennbar, was die Magie dieses Trainers ausmacht und wie er seine Schützlinge prägte. «Er war sehr, sehr hart. Aber auch sehr, sehr nah», umschreibt Sandy Jeannin die grosse Stärke von Del Curto.

Mathias Seger sagt: «Er hatte einen tollen Zugang zu uns jungen Spielern. Er schaffte es, dass wir mutig wurden, dass wir mit Leidenschaft auftraten.» Dem pflichtet Mark Streit bei: «Er sprach unsere Sprache. Wir hörten ihm ganz einfach gerne zu.»

Die Saat, die Arno Del Curto damals in Boston streute, brachte bis zum heutigen Tag eine üppige Ernte für das Schweizer Eishockey im Allgemeinen, aber natürlich im Speziellen für den HC Davos, welcher diesen unkonventionellen Trainer wenige Monate nach der U20-WM unter Vertrag nahm. Von den Boston-Jungs spielten insgesamt deren elf früher oder später, kürzer oder länger unter Del Curto beim HC Davos. Der Rest ist Geschichte.

Die wichtigsten Vertreter der «Boston-Generation»

Sandy Jeannin 898 NLA-Spiele für die ZSC Lions, Davos, Lugano und Fribourg. 2-mal Meister mit Lugano. 236 Länderspiele.
5 Bilder
Mathias Seger 1167 NLA-Spiele für Rapperswil und die ZSC Lions. 6-mal Meister mit den ZSC Lions. 305 Länderspiele (Rekord), WM-Silber 2013.
Mark Streit 499 NLA-Spiele für Fribourg, Davos, die ZSC Lions und Bern. Meister mit den ZSC Lions. 820 NHL-Spiele, Stanley-Cup-Sieger mit Pittsburgh. 200 Länderspiele.
Martin Plüss (rechts) 956 NLA-Spiele für Kloten und Bern. 6-mal Meister (2 Kloten, 4 Bern). Schwedischer Meister mit Göteborg. 236 Länderspiele, WM-Silber 2013.
Reto von Arx 1004 NLA-Spiele für Davos. 6-mal Meister mit Davos. 19 NHL-Spiele. 105 Länderspiele.

Sandy Jeannin 898 NLA-Spiele für die ZSC Lions, Davos, Lugano und Fribourg. 2-mal Meister mit Lugano. 236 Länderspiele.

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