Eishockey
NHL-Scouts an U18-WM: Ein Rudel von einsamen Wölfen

Gegen 300 Talentspäher verfolgen die U18-Weltmeisterschaft in Zug und Luzern. Unter ihnen auch Ville Sirén, Chefscout der Columbus Blue Jackets – und mit Ex-Spieler von Olten und Bern.

Marcel Kuchta
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Ville Sirén bei der Arbeit. Als Talentspäher verfolgt er die U18-WM.

Ville Sirén bei der Arbeit. Als Talentspäher verfolgt er die U18-WM.

Manuel Geisser

Es hat etwas von einem Familientreffen. In der Luzerner Tribschen-Eishalle scheinen sich die meisten Zuschauer auf der Tribüne persönlich zu kennen. Hier ein nettes «Hallo», dort ein träfer Spruch, da ein kräftiger Händedruck. Von den gut 300 Leuten, die sich an diesem Freitag-Nachmittag in der etwas provinziellen Arena verlieren, um dem Duell zwischen den USA und der Slowakei beizuwohnen, gehört ein Grossteil zu der Spezies der Talentspäher. Zu dieser zählt auch Ville Sirén. Finne, 51 Jahre alt. Ehemaliger Verteidiger mit NLA-Vergangenheit. Zwischen 1995 und 1998 spielte er für den EHC Olten und den SC Bern. Mit dem SCB wurde er 1997 Schweizer Meister.

Mit der Schweiz verbinden ihn also schöne Erinnerungen. Jetzt verbringt er wieder ein paar Tage in seiner ehemaligen, temporären Wahlheimat. Sirén hat während der U18-WM in Luzern sein Basislager aufgeschlagen. Das Hotel befindet sich in Fussmarschdistanz zum Eisstadion. Den zweiten Spielort Zug erreichen die Talentspäher innert nützlicher Frist mit dem Auto. Ville Sirén wechselt nach dem Nachmittagsspiel die Lokalität. Am Abend steht in der Bossard-Arena der erste Auftritt der Schweiz gegen Finnland auf dem Programm. Wirklich neue Erkenntnisse erhofft er sich allerdings nicht: «Bevor man an die U18-WM kommt, muss man sowieso schon alle Spieler kennen. Man muss sie in ihren Ligen so oft wie möglich beobachten.»

Wo sind die «versteckten Juwelen»?

Sirén hat vor allem Jonas Siegenthaler und Denis Malgin, die beiden grossen Talente der Schweizer, im Auge – und er hat sie auch bereits mehrmals im Dress der ZSC Lions observiert. «Sie haben den Vorteil, dass sie schon in den NLA-Playoffs Erfahrung sammeln konnten und mit Marc Crawford einen NHL-Coach haben, der ihnen wertvolle Tipps geben kann», schwärmt Sirén. Mit seiner positiven Einschätzung ist er aber bei weitem nicht alleine. «Alle Teams haben inzwischen so viele Talentspäher, dass es unter den Scouts eigentlich keine Geheimnisse mehr gibt», betont Sirén und fügt lächelnd an: «Aber es gibt sie schon noch, die versteckten Juwelen, über die man in der Gegenwart der Konkurrenz nie spricht.» Denn, so Sirén, die anderen Scouts seien schliesslich seine «schlimmsten Feinde».

Damit macht der Chefscout der Columbus Blue Jackets auch deutlich, dass der Verdrängungs- und Konkurrenzkampf im Milliarden-Business NHL enorm ist. Und somit auch der Druck, entscheidende Beiträge für den sportlichen Erfolg zu liefern. Dabei lässt sich gerade die Arbeit der Talentspäher nur langfristig messen. «Man muss lange warten und viel Geduld haben, bis sich ein Spieler voll entwickelt hat. Ein paar erreichen schon nach fünf, andere aber vielleicht erst nach zehn Jahren ihren höchsten Level», sagt Sirén. Geduld ist allerdings nicht bei allen NHL-Organisationen die grösste aller Tugenden. Dabei hat gerade Sirén bewiesen, dass man mit guten Drafts (Talentziehungen) eine Mannschaft recht schnell renovieren kann. Er war zusammen mit dem jetzigen GM der Blue Jackets, Jarmo Kekalainen, neun Jahre lang verantwortlich für das Scouting der St. Louis Blues, die sich nach einer Durststrecke unter den Spitzenteams der NHL etabliert haben.

150-Prozent-Job Spielerscout

Wenn Ville Sirén von seinem Job erzählt, dann spürt man, dass er seine Arbeit liebt – trotz den Nachteilen, die er mit sich bringt. «Man braucht Leidenschaft. Man muss Eishockey lieben. Denn der Job kostet viel Energie. Es sind nicht nur die Spiele. Man muss planen, organisieren, reisen, rapportieren.» Zwischen August und April sei man als Scout fast pausenlos unterwegs. «Wirklich frei habe ich im Juli, wenn der der NHL-Draft vorbei ist.»

Ville Sirén wohnt seit eineinhalb Jahren in den USA. Seinen elfjährigen Sohn, der bei der Mutter in Finnland lebt, sieht er nur punktuell. «Wenn man Familie hat, braucht man viel Support und Verständnis», betont der 51-Jährige und sagt: «Die lange Abwesenheit von zu Hause ist am schlimmsten. Aber das gehört zum Job. Und schliesslich werde ich für etwas bezahlt, was ich liebe.» Sirén erzählt nachdenklich von einsamen Stunden in der Provinz. «Man ist viel alleine unterwegs. Nur an den Spielen trifft man andere Scouts.» Dort bilden die einsamen Wölfe dann wieder ihr Rudel.