Eishockey-WM

Extrem – die Schweizer wenden die sportliche Katastrophe in letzter Sekunde ab

Im dritten Anlauf klappt es endlich. Die Schweizer Nationalmannschaft gewinnt das erste Spiel an der WM in Russland. In der Verlängerung trifft Blum zum 3:2 für die Schweiz.

Sieg! Die Schweiz hat gegen Dänemark in der Verlängerung (Eric Blum trifft nach 64:08) mit 3:2 gewonnen. Aber Sieg ist nicht einfach Sieg. Es gibt viele verschiedene Arten, ein Spiel zu gewinnen. Deshalb reden wir von verdienten, logischen, glücklichen, überraschenden oder gar sensationelle Siegen.

Eishockey-WM: Die Schweizer wenden die sportliche Katastrophe in letzter Sekunde ab

Eishockey-WM: Die Schweizer wenden die sportliche Katastrophe in letzter Sekunde ab

Im dritten Anlauf klappt es endlich. Die Schweizer Nationalmannschaft gewinnt das erste Spiel an der WM in Russland. In der Verlängerung trifft Blum zum 3:2 für die Schweiz.

Der Triumph der Schweiz über Dänemark, der erste bei dieser WM, ist statistisch die langweiligste Version des Erfolges. Es ist, gemessen an unserem Potenzial, bloss ein Pflichtsieg. Aber in Wirklichkeit ist es ein spektakulärer, dramatischer Sieg. Herausgespielt mit einer Mischung aus Bravado, Bravour und Broadway. Nach zwei Dritteln stehen die Schweizer so nahe am Abstieg wie nie mehr seit 1995. Dänemark führt 2:0. Die Wende beginnt mit einem Drama. Jesper Jensen, einer der wichtigsten Verteidiger der Dänen, muss in der 4. Minute des letzten Drittels nach einem fürchterlichen Check von Andres Ambühl auf der Bahre vom Eis geführt werden. Der Leitwolf der Eidgenossen kommt ohne Strafe davon. Von diesem Schock erholen sich die Dänen nicht mehr. Sie taumeln nun der Niederlage entgegen. Sie sind nicht mehr dazu in der Lage, den Wellen des eidgenössischen Angriffsspiels standzuhalten. Hätten die Schweizer ohne dramatische Umstände gewonnen, so müssten wir die vielen, in den letzten Tagen ausgiebig dargelegten Missstände erneut thematisieren. Die Baustellen sind noch nicht verschwunden. Das Boxplay funktioniert nicht, das Spiel ist immer noch chaotisch (gleich zwei Strafen weil zu viele Spieler herumkurvten, eine davon führte zum 0:1) – und so weiter und so fort.

Die Statistik, sonst die Mutter der Langeweile, erklärt uns für einmal den Unterhaltungswert unseres Spiels. Die Statistik beweist nämlich, dass die Schweizer tatsächlich die wildesten Angreifer dieser WM sind. 132 Torschüsse in bisher drei Partien. Zum Vergleich: Bloss 109 Torschüsse für die Kanadier und nur 111 für die Russen. Wir haben allerdings aus dieser offensiven Herrlichkeit nur 8 Tore gemacht. Die Kanadier 20 und die Russen 10. Am besten machen es die Finnen: 14 Tore aus lediglich 74 Schüssen.

Die Schweizer haben gegen Kasachstan ein 1:2, gegen Norwegen ein 1:3 und jetzt gegen Dänemark ein 0:2 aufgeholt. Nationaltrainer Patrick Fischer sagt: «Wir haben dreimal nach Rückständen nicht aufgegeben. Da muss man erst einmal eine zweite Mannschaft suchen, die dazu in der Lage ist. Es ist eine ehrliche, hart arbeitende Mannschaft.» Und so wird aus einem Sieg, der eigentlich bloss ein hässliches kleines Entlein ist, ein strahlend weisser Schwan, errungen mit einer Mischung aus Bravado, Bravour und Broadway.

Wie Neil Armstrong

Patrick Fischer ist ein grosser Kommunikator und nützt die besonderen Umstände dieses ersten WM-Sieges geschickt. Er wirkt ruhiger und gelassener. Die Anspannung ist gewichen. Er spricht eher noch leiser als sonst schon und erhöht so die Dramatik der Situation. Er hütet sich davor, zu triumphieren. Er weiss, dass noch nichts erreicht ist. Er hütet sich wohlweislich auch, gegen seine Kritiker zu sticheln. Er weiss zu gut, dass die Retourkutschen immer gefahren werden. Also spricht er darüber, wie schwierig die Situation nach zwei Niederlagen gewesen sei. Er mahnt, dass man vieles richtig gemacht habe. Er sei froh, dass es endlich gereicht habe. «Nur der Sieg zählt. Es ist so wichtig, dass sich die Spieler in der Kabine freuen können und nicht wieder eine Enttäuschung hinnehmen mussten. Ich gönne ihnen diese Freude extrem.» Er liebe diese Mannschaft, die an den Herausforderungen der letzten Partien gewachsen sei. Und er rühmt die gute Stimmung in der Kabine. Mit ziemlicher Sicherheit hat er recht. Denn Yannick Weber, der Verteidiger, der mit dem Anschlusstreffer zum 1:2 den Bann gebrochen hat, sagt: «Wir waren sicher, dass wir drei, vier Tore machen, wenn uns erst einmal eines gelingt.» Vieles mag im Spiel der Schweizer nicht stimmen. Aber der Mut ist ungebrochen.

Mit Neil Armstrong, dem ersten Menschen auf dem Mond («ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein grosser Schritt für die Menschheit») können wir die WM-Ausgangslage vor der Partie von heute gegen Lettland nun zusammenfassen: ein Sieg gegen Lettland wäre ein kleiner Schritt Richtung WM-Viertelfinal, aber ein grosser Schritt Richtung Klassenerhalt.

Dänemark - Schweiz 2:3 (2:0, 0:0, 0:2, 0:1) n.V.

Moskau. – 3590 Zuschauer. – SR Jerabek/Olenin (CZE/RUS), Chartrand-Piche/Otmachow (CAN/RUS). - Tore: 8. Storm (Daniel Nielsen, Nicklas Jensen/Ausschluss Hollenstein) 1:0. 19. Ehlers (Eller, Jannik Hansen/Ausschluss Marc Wieser) 2:0. 50. Yannick Weber (Simon Moser, Niederreiter) 2:1. 58. Niederreiter (Simon Moser, Diaz) 2:2. 65. (64:08) Blum (Ambühl) 2:3. - Strafen: 6mal 2 Minuten gegen Dänemark, 8mal 2 Minuten gegen die Schweiz.

Dänemark: Dahm; Nicholas Jensen, Jesper Jensen; Bödker, Lassen; Daniel Nielsen, Oliver Lauridsen; Markus Lauridsen, Emil Kristensen; Ehlers, Eller, Jannik Hansen; Nicklas Jensen, Madsen, Storm; Mads Christensen, Green, Björkstrand; Bau, Starkov, Poulsen.

Schweiz: Berra (40:07 - 40:29 Robert Mayer); Félicien Du Bois, Geering; Diaz, Blum; Yannick Weber, Schneeberger; Grossmann; Ambühl, Walser, Hollenstein; Niederreiter, Grégory Hofmann, Simon Moser; Andrighetto, Schäppi, Marc Wieser; Walker, Trachsler, Dino Wieser; Martschini.

Bemerkungen: Schweiz ohne Zurkirchen, Gaetan Haas und Christian Maier (alle überzählig). - Schüsse: Dänemark 28 (8-9-11-0); Schweiz 42 (16-9-14-3). – Powerplay-Ausbeute: Dänemark 2/7; Schweiz 0/5.

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