Lausanne galt bisher als das welscheste aller welschen Sportunternehmen. Manchmal viel Geld, manchmal Schulden, aber nie wirtschaftliche Stabilität. Ein begeisterungsfähiges Publikum, aber keine Meisterfeier, ja noch nicht einmal eine gewonnene Playoff-Serie in der höchsten Liga und keine sportliche Kontinuität.

Die Polemik um die welsche Mentalität im Hockey kommt aus Hockey-Mutterland Kanada. Dort sind Spieler welscher Herkunft (also mit französischer Muttersprache) traditionell als «french frogs» («welsche Frösche») verhöhnt worden. Als zu weich für richtiges Hockey. Heute gilt die Bezeichnung «french frog» in Kanada nach einem entsprechenden Gerichtsurteil als rassistisch.

Sind auch unsere Welschen zu weich für erfolgreiches Hockey? Wer will, kann als Beweis anführen, dass seit 1973 (La Chaux-de-Fonds) nie mehr ein Klub aus der Romandie den Titel geholt hat. Biel ist ebenso wie Fribourg zweisprachig und die Klubs dieser Städte gelten nicht als welsch.

Das Problem dürfte erstens sein, dass die Emotionen bei den Klubs im Welschland zu oft in den Büros so gross waren wie in der Arena. Zweitens fehlt seit der Amerikanisierung unseres Sports in der Westschweiz das Geld, um ein Meisterteam im Fussball oder Eishockey aufzubauen. Sonst hätte Chris McSorley in Genf längst die Meisterschaft gewonnen. Servette galt lange als die bestfunktionierende Sportfirma der Romandie und erreichte zweimal (2008, 2010) das Playoff-Finale.

Langnau welscher als Lausanne

Nun ist Lausanne drauf und dran, das beste Sportunternehmen des Welschlandes zu werden. Die Mannschaft hat so viel Substanz, dass sie sich in den nächsten Jahren zu einem Titelkandidaten entwickeln wird. Noch ein Sieg gegen Langnau und dann hat Lausanne zum ersten Mal in seiner Geschichte (seit 1922) in der höchsten Liga eine Playoff-Serie gewonnen.

Das Erfolgsgeheimnis ist so einfach wie polemisch. Der HC Lausanne hat beschlossen, nicht mehr welsch zu sein. Beim 2:1 in Langnau war Stürmer Benjamin Antonietti der einzige Welsche in der Mannschaft von Ville Peltonen. Bei Langnau waren es doppelt so viele.

Nämlich zwei: Torhüter Damiano Ciaccio und Verteidiger Anthony Huguenin. Die SCL Tigers aus dem Herzland der alemannischen Schweiz sind also welscher als der HC Lausanne. Lausanne spielt inzwischen ein durch und durch rationales, «unwelsches» Eishockey. Bis ins letzte Detail durchorganisiert und mit höchster Präzision und Disziplin umgesetzt.

Das ist der Grund, warum Langnau so grosse Schwierigkeiten hat: die Emmentaler sind dann erfolgreich, wenn sie mit ihrem durchorganisierten Spiel einen nominell besseren Gegner am Entfalten des spielerischen Potenzials hindern können. Lausanne spielt das gleiche Hockey. Aber mit mehr Talent.

Geld für Verstärkungen

Auch neben dem Eis ist nichts mehr frankophon. Der Mehrheitsaktionär ist ein Amerikaner, der Hauptsponsor ein Rohstoffhändler, der als reichster Engländer gilt, der Trainer kommt aus Finnland, seine beiden Assistenten auch, und General Manager Sacha Weibel stammt aus der Ostschweiz. Wahrlich, Lausanne hat beschlossen, nicht mehr welsch zu sein.

Dieses neureiche Lausanne, das die Wurzeln zu seiner Heimaterde gekappt hat, ist mit Abstand der gefährlichste Herausforderer der etablierten Klubs in der Deutschschweiz. Noch sind mindestens zwei «Kaisertransfers» erforderlich, um ein Titelfavorit zu werden. «Kaisertransfers» sind eine Frage des Geldes und Lausanne hat dieses Geld, um diese Transfers in den nächsten drei Jahren zu machen.