Eigentlich hätte das Interview zwischen den beiden zurückgetretenen Eishockey-Legenden Martin Plüss (41) und Mathias Seger (41) schon im vergangenen Herbst, vor dem Beginn der Meisterschaft stattfinden sollen. Zustande kam es schliesslich kurz vor dem Playoff-Auftakt – unter veränderten Vorzeichen.

Mathias Seger hatte seinen Vorruhestand bereits wieder beendet, nachdem er von ZSC-Lions-Trainer Arno Del Curto gefragt worden war, ob er den Posten des Assistenten übernehmen möchte. Er setzte sich trotzdem in Olten, auf halber Strecke zwischen Plüss’ Heimat Bern und seinem Wohnort Zürich, mit seinem langjährigen Nationalmannschaftskollegen an den Tisch.

Martin Plüss, was haben Sie gedacht, als Sie von Mathias Segers Engagement als Assistenztrainer bei den ZSC Lions hörten?

Mathias Seger: Die armen Spieler! (lacht)

Martin Plüss: Ich finde, es ist ein cooler Entscheid. Die Kombination mit Arno Del Curto und Michael Liniger ist sehr reizvoll. Schade aber, dass die Lions den Sprung in die Playoffs verpasst haben.

Dürfen Sie das als ehemaliger Kloten-Junior überhaupt sagen?

Plüss: (schmunzelt) Das ist ja jetzt personenbezogen. Aber ich finde es sehr spannend und es interessiert mich, wie er das Ganze erlebt hat.
Und, wie war es?

Seger: Schwierig! Ich stand das erste Mal auf der «anderen» Seite. Der Kampf um die Playoff-Plätze war sehr spannend. Eine Phase, in der unheimlich viel Druck zu spüren war und der mentale Aspekt einen grossen Einfluss hatte. Ich konnte auf jeden Fall sehr viel lernen. Leider haben wir es am Ende nicht geschafft.

Aber brauchten Sie diesen Druck, wenige Monate nach dem Ende Ihrer Karriere als Spieler, wirklich schon wieder?

Seger: Doch. Denn das ist der Aspekt, der Dir als ehemaliger Sportler am meisten fehlt.

Plüss: In Bern hatte es immer wieder Feuer unter dem Dach. Viele hat das gestört. Ich habe das immer als spannend empfunden. Das sind doch die Momente, in denen es wirklich interessant wird. Klar ist es lässig, wenn alles rund läuft. Aber gerade in kritischen Phasen, wie am Ende der Qualifikation, kommen doch die Qualitäten eines Typs wie Segi viel besser zur Geltung. Darum beurteile ich es als einen cleveren Schachzug von Arno Del Curto, dass er ihn mit ins Boot geholt hat. Selbst wenn es jetzt nicht gut herausgekommen ist. Segi hat schon als Spieler auch dann immer Leistung gebracht, wenn es draussen geregnet hat. Und nicht nur, wenn die Sonne geschienen hat.

Dann stimmt es, wenn man sagt, dass die Emotionen nach dem Ende der Sportlerkarriere am meisten fehlen?

Plüss: Ja, wenn man ein Wettkampftyp ist, wie wir beide es immer waren, dann kann man das nicht kompensieren. Das gibt Dir nur der Spitzensport. Ich treibe auch jetzt noch Sport. Aber es nicht mehr dasselbe.

Was fehlt einem nicht?

Plüss: Ich sehe jetzt noch deutlicher, wie hart unser Job ist. Jetzt kann ich in die Ferien und muss nicht daran denken, zu trainieren. Ich kann am Wochenende dann ins Bett gehen, wann ich will. Ich kann mit den Kindern Ausflüge machen, wann ich will und muss keine Rücksicht nehmen. Man vermisst zwar einige Sachen aus dem Sportleralltag. Aber man gewinnt auch viel.

Seger: Dessen muss man sich nach dem Karrierenende erst mal bewusst werden. Man geniesst dann die Momente, die man mit der Familie hat, umso mehr. Wichtig ist, und das habe ich schon als Eishockey-Profi immer befolgt, dass man die Herausforderungen immer bewusst annimmt. Dass man sich nicht unter Druck setzen lässt.

Plüss: Ich denke, das ist uns beiden während unserer Karriere immer recht gut gelungen. Wir sind sehr pragmatisch an die Aufgaben herangegangen.

Ihr hattet beide das Glück, dass ihr bis ins hohe Alter von 40 Jahren spielen konntet. Dann seid ihr – von aussen betrachtet – unter unterschiedlichen Gesichtspunkten zurückgetreten. Bei Ihnen, Martin Plüss, hatte man das Gefühl, dass Sie locker auf höchstem Niveau hätten weiterspielen können. Bei Ihnen, Mathias Seger, sprach man schnell mal davon, dass es das berühmte Jahr zu viel war. Wie haben Sie das erlebt?

Plüss: Ich sage dazu nur so viel: Mit Segi auf dem Eis wurden sie Meister. Ich finde es immer heikel, wenn man von aussen Pauschalurteile fällt. Es kommt doch immer auch darauf an, welche Rolle man als Spieler dann jeweils hat. Ich bin überzeugt, dass er ein wichtiges Mosaiksteinchen beim letztjährigen Titelgewinn war.

Seger: Aber ich hatte am Ende ja keine grosse Rolle mehr auf dem Eis. Ich denke, die Mannschaft hatte in der laufenden Saison mehr mit dem ganzen Prozess zu kämpfen. Der Gewinn des Meistertitels, neuer Trainer, neue Spieler. Das braucht Zeit. Da spielen viele Faktoren eine Rolle.

Merkt man eigentlich, wann der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt gekommen ist?

Plüss: Das ist natürlich sehr individuell. In meinem Fall wusste ich, dass ich eine gute Saison hinter mir und genügend Möglichkeiten hatte, weiterzuspielen. Deshalb liess ich mir bei meiner Entscheidung so viel Zeit. Ich wollte testen, wie es ist, wenn ich nicht mehr spiele. Ich sah nicht ein, weshalb ich überhastet einen Entscheid fällen soll. Und letztlich ist es immer auch eine Frage des Angebots: Wenn für einen älteren Spieler immer noch ein Markt da ist und er einen Vertrag erhält, dann hat das seine Gründe.

Seger: Wichtig für mich als Sportler war immer, dass die Leidenschaft da ist. Solange man dieses innere Feuer spürt, soll man so lange spielen wie möglich. Irgendwann kommt im Spitzensport der Moment, wo man aufhören muss. Ich habe mein Karrierenende etwas hinausgezögert. Aber ich bin extrem glücklich, konnte ich dieses Jahr noch erleben.

Man lebt als Spitzensportler ja schon in einer Art Blase. Viele tun sich schwer damit, wenn sie plötzlich mitten im Alltag landen.

Plüss: Man muss sich bewusst sein: Wenn der Sport wegfällt, dann geht das private Leben trotzdem einfach weiter. Deshalb habe ich mein soziales Umfeld neben dem Eishockey immer sehr gepflegt. Dafür bin ich immer mal wieder angeeckt und auch kritisiert worden. Aber es gibt eben auch ein Leben ausserhalb des Hockey-Kosmos. Nach dem Rücktritt ging mein privates Leben darum gleich weiter und davon habe ich jetzt profitiert.

Seger: Alleine wenn man eine Familie hat, hat man automatisch ein soziales Umfeld, in welchem sich der Alltag nach der Karriere nicht gross verändert. Schon während meiner aktiven Karriere war mein Tagesablauf hauptsächlich bestimmt vom Familienleben.

Trotzdem: Ich stelle mir das schwierig vor. Man hat doch als Profisportler seinen geregelten Ablauf. Plötzlich fällt der weg. Muss man da seine Rolle innerhalb der Familie nicht neu finden und definieren?

Seger: Davor hatte ich schon Respekt. Man weiss ja nie, wie man auf so eine Veränderung reagiert.

Plüss: Von aussen betrachtet habe ich mir bei Dir keine Sorgen gemacht.
Seger: Ja, aber ich selber war wirklich unsicher, wie ich mich verhalten würde. Falle ich ein Loch?

Plüss: Ungünstig ist wahrscheinlich, wenn wirklich alles in der Familie übers Eishockey definiert ist. Wenn zum Beispiel der soziale Status der Kinder nicht mehr derselbe ist, nur weil der Vater nicht mehr spielt. Gut ist nur schon, wenn man sich, wie Segi, mit einem potenziellen Problem befasst und es proaktiv angeht.
Wie erklärt man seinen Kindern, dass man nicht mehr Eishockey-Profi ist?

Seger: Ganz einfach: «Papa ist zu alt!» (lacht)

Plüss: Es kommt darauf an, wie alt die Kinder sind. Ich habe meine Kids nie gross in meine Welt hineingezogen. Sie wussten zwar, dass ich Eishockey spiele. Aber was das genau bedeutet, konnten sie lange nicht genau einschätzen. Für meine Kinder änderte sich die Situation daher eigentlich nur zum Positiven, da ich jetzt mehr Zeit für sie habe. Ich persönlich habe darum von meiner Herangehensweise extrem profitiert.

Ihr habt beide Kinder, die im Verlauf eurer Karrieren zur Welt gekommen sind. Sieht man auch erst im Nachhinein, wie gross das Engagement der Familie, besonders der Partnerin, gewesen ist?

Plüss: Das waren zum Teil schon spezielle Momente. Da kommt das dritte Kind auf die Welt. Man kommt nach Hause, wo schon zwei Kinder warten. Und ich als Eishockeyspieler verabschiede mich dann mal eben für drei Tage und lasse alles zurück. Man sieht es zwar, weiss aber auch, dass man alles dem Eishockey unterordnen muss. Es erfordert eine grosse Toleranz vonseiten der Partnerin und den Kindern. Das ist etwas, was einem nach dem Karrierenende nochmals so richtig bewusst wird.

Sie, Mathias Seger, sind ein paar Monate nach Ihrem Rücktritt schon wieder im Business gelandet. Dabei wollten Sie ja Ihre Frau entlasten und als Hausmann fungieren. Gab das keine Diskussionen?

Seger: Kein Kommentar (lächelt). Das Gute ist, dass mein Einsatz ja zeitlich begrenzt ist. Leider ist das Saisonende ja nun früher da als erhofft. Das Hauptproblem war, dass wir die Betreuung der Kinder neu organisieren mussten. Aber wir haben zum Glück ein sehr gut funktionierendes Umfeld, welches uns geholfen hat.

Plüss: Ich finde es cool, dass er diese Aufgabe übernommen hat. Es war doch die ideale Möglichkeit, während eines begrenzten Zeitraums zu testen, ob so etwas funktioniert. Sonst muss man sich immer für ein ganzes Jahr oder länger verpflichten.

Seger: Ich sehe es weniger als Test, sondern mehr als Chance.

Plüss: Ja, aber so musstest Du nicht gleich von null auf hundert einsteigen. Und du bist eine Ergänzung des Trainerteams, wo Du Deine Fähigkeiten einbringen kannst.

Was kann man aus der Welt des Profisports ins normale Berufsleben mitnehmen?

Plüss: Ich denke, dass man als Teamsportler sehr viele Felder abdeckt, die man im Alltagsbusiness auch vorfindet. Stichwort Teamfähigkeit und Leistungsdruck. Man sieht, was gutes oder schlechtes Management bewirken kann. Man erkennt den positiven Einfluss von gutem Leadership und die verheerenden Auswirkungen von schlechten Führungsqualitäten. Gerade bei Grossklubs wie dem SC Bern oder den ZSC Lions, mit der permanent hohen Erwartungshaltung, lernt man diesbezüglich umso mehr.

Seger: Ich denke, dass man im Teamsport auch viel punkto sozialem Verhalten lernen kann. Unsere Gesellschaft wird tendenziell immer individualistischer.

Das habt ihr beide ja auch angesichts eurer immer jünger werdenden Mitspieler gut beobachten können.

Seger: Ja, in der Garderobe hast Du letztlich das Abbild des Wandels in der Gesellschaft. Aber ich sage nicht, dass die individueller handelnden Jungen schlechter sind. Es ist halt letztlich das Resultat einer gesellschaftlichen Entwicklung. Mit den sozialen Medien. Mit der immer grösser werdenden Erwartungshaltung. Die Drucksituationen, mit denen die jungen Menschen heutzutage umgehen müssen, sind eine riesige Belastung. Jeder versucht, sich irgendwie zu profilieren, seinen Platz zu finden. Dass dies dem Teamgedanken nicht immer zuträglich ist, ist daher logisch.

Plüss: Womit wir wieder beim Thema Leadership sind. Wie werden diese Jungen geführt? Welche Werte vermittelt man ihnen? Sagt man ihnen, dass sie ein wichtiger Baustein des Teams sind? Oder misst man sie an individuellen Zielen? Da hat ein Trainer – oder ein Sportchef – punkto Führungsqualitäten einen riesigen Einfluss.
Jetzt tönen Sie wie ein Trainer.

Plüss: Ich schliesse nicht aus, dass ich mal so etwas mache. Oder auf der Ebene Sportmanagement. Aktuell liegt mein Fokus auf meiner Ausbildung. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich so kurz nach meinem Rücktritt schon wieder so ein zeitintensives Engagement suchen sollte. Sonst hätte ich ja weiterspielen können. Momentan versuche ich, mir Optionen für die Zukunft zu erarbeiten.

Seger: Eishockey ist für uns beide eine Leidenschaft, die uns das ganze Leben lang begleitet hat. Das kann man nicht einfach abstellen.