Eishockey
Der totale Fehlstart

Die Niederlage gegen den Aufsteiger hinterlässt eine beängstigend lange Mängelliste. Das verheisst für den weiteren Turnierverlauf wenig Gutes.

Marcel Kuchta aus Prag
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Der Österreicher Konstantin Komarek verwandelt gegen Reto Berra den entscheidenden Penalty.

Der Österreicher Konstantin Komarek verwandelt gegen Reto Berra den entscheidenden Penalty.

KEYSTONE

Kommen wir zu Beginn zu der positiven Erkenntnis aus dem ersten WM-Auftritt der Schweizer gegen Österreich: Andres Ambühl war gut.

Und jetzt zu den negativen Punkten: Wo soll man da beginnen? Beim wirren Coaching von Nationaltrainer Glen Hanlon? Beim miserablen Zweikampfverhalten der Spieler? Bei der fehlenden Intensität? Beim dysfunktionalen Powerplay? Bei der (einmal mehr) mangelhaften Chancenauswertung? Beim Totalausfall von Damien Brunner? Bei der Überheblichkeit und Eigensinnigkeit von Kevin Fiala? Bei der Unfähigkeit, gegen den spielerisch limitierten Aufsteiger dreimal eine Führung über die Runden zu bringen? Die Mängelliste ist lang. So lang, dass die Niederlage der Schweizer in ihrem WM-Auftaktspiel nichts anderes als logisch ist. Doch der Reihe nach.

Kritikpunkt 1: Das Coaching. Als die Schweizer neun Minuten vor Schluss mit 3:2 in Führung gingen, liess Hanlon nur noch mit drei Linien spielen und sorgte mit den sich daraus ergebenden Umstellungen mehr für Verwirrung als für Beruhigung. Wer schon im ersten Turnierspiel gegen einen Gegner wie Österreich derart die Kräfte bündeln muss (Roman Josi stand über 28 Minuten auf dem Eis!), der hat in seine Mannschaft offensichtlich kein Vertrauen.

Kritikpunkte 2/3: Das Zweikampfverhalten: Die Österreicher gewannen gefühlte 80 Prozent der Duelle um die Scheibe. Womit sich gleich Kritikpunkt 3 anschliesst: Die Schweizer schienen gar nie ins Spiel zu finden und liessen jede Intensität vermissen. Ein designierter Energiespieler wie Dino Wieser verteilte keinen einzigen Check. Die Körperchargen der Schweiz während der ganzen Partie liessen sich an einer Hand abzählen. «Wir haben zu wenig Drecksarbeit verrichtet», zeigte sich Reto Suri selbstkritisch.

Kritikpunkt 4: Das Powerplay: Im ersten Drittel hatten die Schweizer mit einer 1:0-Führung im Rücken dreimal die Chance, mit einem Mann mehr das wichtige 2:0 zu erzielen. Besonders die erste Überzahlformation mit Mark Streit und Roman Josi an der blauen Linie funktionierte überhaupt nicht.

Kritikpunkt 5: Die Chancenauswertung. Es ist das alte Lied im Schweizer Eishockey. Das Abschlussverhalten ist schwach. Kevin Romy vergab früh einen Penalty, der das beruhigende 2:0 bedeutet hätte. Zu schlechter Letzt verpasste Reto Suri eine Sekunde vor dem Ende der regulären Spielzeit eine riesige Chance zum 4:3-Siegtreffer.

Kritikpunkt 6: Damien Brunner. Es ist zwar hart, aus einem schwachen Kollektiv noch einen Spieler speziell herauszupicken. Aber in diesem Fall ist es unumgänglich. Ein Damien Brunner in dieser Verfassung ist an einer WM unbrauchbar. Wie er seinen Versuch im Penaltyschiessen versemmelte, war symptomatisch für seinen gesamten Auftritt.

Kritikpunkt 7: Kevin Fiala. Er ist ein Spieler mit riesigem Potenzial. Das liess er in der ersten Spielhälfte bei einigen Gelegenheiten aufblitzen. Doch danach war er nur noch ein Ärgernis mit seinen eigensinnigen Aktionen und den daraus resultierenden Puckverlusten.

Kritikpunkt 8: Die Unfähigkeit, dreimal eine Führung nicht über die Runden zu bringen: Österreichs Trainer Dan Ratushny brachte es nach dem Spiel auf den Punkt: «Meine Mannschaft hätte einige Gelegenheiten gehabt, den Kopf hängen und sich gehen zu lassen. Aber die Spieler gaben nie auf und konnten sich befreien.» Er meinte damit den frühen Rückstand, die vielen Schweizer Powerplays, die man überstehen musste, Andres Ambühls Shorthander oder die neuerliche Führung des Gegners gegen Ende des Spiels. Die Schweiz vermochte aus diesem für sie eigentlich günstigen Lauf der Dinge kein Kapital zu schlagen.

Was bedeutet dieser totale Fehlstart für den Turnierverlauf? Natürlich ist für die Schweizer nach einem Spiel noch nichts verloren. Es ist aber eine Steigerung an allen Fronten nötig, um diese Blamage auszuwetzen. Schon heute Abend gegen Frankreich muss ein Sieg her. Sonst droht der Kahn mit Captain Hanlon auf der Brücke unterzugehen.

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