Interview
Eishockey-Präsident René Fasel rechtfertigt Besuch beim Diktator: «Ich wollte Lukaschenko in die Augen schauen»

Die Bilder sind um die Welt gegangen und haben eine Welle der Empörung ausgelöst: Eishockey-Weltpräsident René Fasel, 70, umarmt Alexander Lukaschenko, den letzten Diktatoren Europas. Nun spricht René Fasel erstmals offen darüber. Er sagt, warum er nach Weissrussland gereist ist, was er dort getan hat und ob eine Weltmeisterschaft noch möglich ist. Sein Fazit: «Ich fühle mich wie ein Hamburger, so sind wir durch die den Fleischwolf gedreht worden.»

Klaus Zaugg
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IIHF-Präsident René Fasel während des Gesprächs mit Weissrusslands Dikator Alexander Lukaschenko.

IIHF-Präsident René Fasel während des Gesprächs mit Weissrusslands Dikator Alexander Lukaschenko.

Nikolai Petrov / AP (11. Januar 2021

War Ihnen bewusst, was Ihr Besuch in Minsk auslösen könnte?

René Fasel: Ja sicher war mir bewusst, wie heikel die Reise nach Minsk ist.

Warum sind Sie zusammen mit Ihrem Generalsekretär Horst Lichtner das Risiko dieser Reise eingegangen?

2017 ist die WM 2021 mit nur einer Stimme Differenz zu Finnlands Bewerbung Weissrussland und Lettland zugesprochen worden. Bereits 2014 hatten wir die WM in Minsk ausgetragen und sie wurde ein grosser Erfolg. Die politische Situation seit den Wahlen im letzten Sommer in Weissrussland ist bekannt. Wir befassen uns seit dem letzten Sommer intensiv mit dieser Situation und uns ist nach eingehender Analyse im Dezember klar geworden: wir müssen mit den Verantwortlichen des weissrussischen Verbandes, mit den Vertretern der Regierung aber auch der Opposition das Gespräch suchen. Wir haben den Besuch sorgfältig vorbereitet und sind mit dem ausdrücklichen Einverständnis unseres Councils (des zwölfköpfigen Führungsgremium des internationalen Verbandes – die Red.) nach Minsk gereist.

Sie haben auch mit der Opposition gesprochen?

Ja.

Mit wem?

Auch mit einer Person, die Swetlana Tichanowskaja nahe steht. Es ist nicht einfach, mit der Opposition in Weissrussland in Kontakt zu kommen, weil sie nicht organisiert ist und weil es keine Partei, aber viele Einzelinteressen gibt. Wir haben mit verschiedenen Vertretern direkt telefoniert und unsere Absicht für ein Treffen erklärt und das ist sehr geschätzt worden.

Hat man Sie gebeten, Forderungen bei Lukaschenko vorzubringen?

Nein, keine Forderungen. Wir haben nach Gesprächen die Liste der Themen erweitert, die wir mit Lukaschenko besprechen wollten. Die Bitte um ein vorheriges Treffen mit Vertretern der «Belarus Solidarity Sports Foundation» haben wir hingegen abgelehnt. Wir wären dadurch unter Druck gekommen.

Wie ist dieser Besuch bei Alexander Lukaschenko abgelaufen?

Horst Lichtner und ich sind am letzten Sonntag über München nach Minsk geflogen und haben das Treffen mit Lukaschenko noch am Sonntagabend mit den Vertretern des weissrussischen Verbandes vorbereitet. Wir machten unmissverständlich klar, dass dieses Treffen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Medien bleibt.

Also auch keine TV-Kameras.

Ja, auch keine TV-Kameras. Im Vorfeld einer WM ist es üblich, dass wir uns mit den Vertretern des Gastgeberlandes treffen und uns war die Brisanz dieses Treffens vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage sehr wohl klar.

Aber die TV-Kameras waren dann doch da.

Wir sind am Montag gegen 10.00 Uhr im Regierungspalast angekommen. Es war ein offizieller Empfang mit dem Präsidenten des Eishockeyverbandes und dem Sportminister und wir warteten gemäss Protokoll auf die Ankunft von Lukaschenko. Ich kenne ihn seit 20 Jahren und eine Umarmung ist bei einer Begrüssung in diesem Kulturkreis üblich wie bei uns ein Händedruck. Ich kann Sie übrigens beruhigen: er und ich hatten schon Covid. Es gab also kein gesundheitliches Risiko. So sind diese Bilder entstanden und sie bedeuten nicht, dass wir mit der politischen Situation in Weissrussland einverstanden sind. Es war ganz einfach ein Zusammentreffen von zwei Personen, die sich seit 20 Jahren kennen. Nicht mehr und nicht weniger.

Vor laufenden Kameras. Haben Sie das realisiert?

Ich habe die Kameras bemerkt. Aber man hat uns zugesichert, die Bilder seien nur für den internen Gebrauch und nach fünf Minuten waren die Kameras weg. Ich habe nicht mehr realisiert, dass wir gefilmt worden sind. Alle haben auf den Präsidenten gewartet, alle waren angespannt und nervös und da haben wir uns auf das Wesentliche konzentriert und nicht mehr daran gedacht, ob es wohl Bilder gibt oder nicht.

Sie sind also in eine Falle getappt.

Freunde aus dem Osten sind der Meinung, dass wir hereingelegt worden sind. Wahrscheinlich ist meine Präsenz missbraucht worden. Ob das wirklich so ist, kann ich nicht sagen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Waren Sie sich bewusst, wie heikel ein persönliches Treffen mit einem international geächteten Staatschef sein kann – mit oder ohne Kameras? Warum sind Sie dieses Risiko eingegangen?

Der weissrussische Botschafter liess uns in der Vorbereitung des Besuches wissen, dass es nur ganz wenige Menschen gibt, die Lukaschenko empfängt und dass ich einer davon bin. Er liess auch durchblicken, dass wir durchaus auch kritische Fragen erörtern sollen. Ich habe eine Chance gesehen, diese WM vielleicht zu einer WM der Versöhnung zu machen, mit dieser WM den Dialog mit der Opposition anzuregen, den es zurzeit offenbar nicht gibt. Das ist das Drama: die Vertreter der Opposition sagen uns, dass sie diese WM wollen, es sei eine WM für das Volk. Aber es gibt offensichtlich keinen Dialog zwischen der Regierung und der Opposition.

Überschätzen Sie da nicht Ihre Möglichkeiten? War das nicht ein gefährlicher Versuch, sich mit dem Sport in die Politik einzumischen?

Wir waren uns bewusst, dass die Chance, etwas zu bewirken bei vielleicht einem Prozent liegt. Aber wenn es diese kleine Chance gibt, dann soll man es versuchen.

Wie ist das Gespräch mit Lukaschenko verlaufen?

Horst Lichtner und ich haben uns über eine Stunde lang mit ihm unterhalten.

Was waren die Themen?

Wir machten klar, dass eine WM ohne Veränderung der politischen Lage im Land nicht möglich ist.

Letztmals fand eine WM 2014 in Weissrussland statt - sie war ein grosser Erfolg. Das Bild zeigt Fans beim Spiel Finnland-Kasachstand.

Letztmals fand eine WM 2014 in Weissrussland statt - sie war ein grosser Erfolg. Das Bild zeigt Fans beim Spiel Finnland-Kasachstand.

Anatoly Maltsev / EPA (19. Mai 2014

Sie haben Forderungen gestellt?

Nein. Wir können keine politischen Forderungen stellen. Wir haben die Botschaft überbracht, dass wir mit der Durchführung einer WM in dieser politischen Situation im Westen ein Problem haben. Er sagte uns, es sei seine Aufgabe, für die Sicherheit in seinem Land zu sorgen und das Land gegen jede Bedrohung aus dem Ausland zu verteidigen. Die Opposition wird offenbar als Bedrohung empfunden.

Sind Ihre Vorschläge akzeptiert worden?

Zu 80 Prozent.

Zu 80 Prozent? Dann ging es wohl im Gespräch zu 80 Prozent um die rein organisatorischen Fragen rund um eine WM und nur zu 20 Prozent um Politik.

Das ist nicht schlecht formuliert. Er hat das Gespräch beinahe abgebrochen, als wir politische Themen wie die Verfassung und die Opposition zur Sprache gebracht haben.

Haben Sie auch die Situation der politischen Gefangenen angesprochen?

Er sagte, es gebe keine politischen Gefangenen. Menschen seien nach den Demonstrationen nicht wegen politischen Vergehen, sondern wegen Straftaten bei den Demonstrationen nach wie vor inhaftiert.

Und das glauben Sie?

Ich weiss es nicht.

Unter diesen politischen Gefangenen ist auch eine Schweizerin. Haben Sie das erwähnt?

Ja, beim Premier Minister!

Die Schweizerin Natallia Hersche bei einer Demo gegen Lukaschenko in Weissrussland.

Die Schweizerin Natallia Hersche bei einer Demo gegen Lukaschenko in Weissrussland.

Twitter

Kommt Sie frei?

Diese Frage kann ich nicht beantworten.

Ist es nicht ein wenig naiv zu glauben, dass Sie etwas erreichen können, wenn Sie die Durchführung einer WM mit einer Veränderung der politischen Lage verknüpfen?

Nennen Sie es naiv und vielleicht bin ich ein Romantiker. Aber es war den Versuch wert. Durch meine persönliche Beziehung zu Lukaschenko konnten wir dieses Problem vortragen und man hat mir gesagt, ich sei einer der wenigen, denen er zuhöre. Wir sagten uns, dass wir eine minime Chance haben, etwas zu erreichen. Aber uns war immer klar, dass dabei das Image des Eishockeys und unseres Verbandes nicht aufs Spiel gesetzt werden darf.

Das ist nun passiert. Es ist die Rede von einer Schande fürs Eishockey. Selbst in Ländern, die sich nicht für Eishockey interessieren.

Aber: Es nicht zu versuchen, war keine Option. Ich fühle mich wie ein Hamburger, so sind wir durch die den Fleischwolf gedreht worden. Sie können sich nicht vorstellen, welcher Hass mir in den sozialen Medien entgegenschlägt. Die Frage, ob wir es uns leisten können, eine WM in diesem Land durchführen zu können, haben wir uns immer und immer wieder gestellt. Deshalb sind wir nach Minsk gereist. Um mit den Menschen dort zu reden und um herauszufinden, ob es vielleicht doch möglich ist. Ich wollte auch Lukaschenko in die Augen schauen und wissen, ob es geht. Das sind wir den Menschen dort schuldig. Aber auch uns. Wir haben einen Vertrag mit den Organisatoren. Den können wir nicht einfach aus politischen Gründen auflösen.

Können Sie aus diesem Vertrag herauskommen?

Diese Frage kann ich noch nicht beantworten.

Aber unter den gegebenen Voraussetzungen ist eine WM in Minsk ja eigentlich nicht mehr möglich. Die Bilder mit ihrer Umarmung haben alles zerstört.

Ich bin nicht befugt, diese Frage zu beantworten.

Wer kann diese Frage beantworten?

Die zwölf Mitglieder unseres Councils.

Dann gibt es bald Entscheidung.

Ja, wahrscheinlich nächste Woche.

Was wird sein, wenn das Council entscheidet, Weissrussland die WM zu entziehen?

Es gibt einen Plan B.

Sie wissen also schon, wo die WM stattfinden wird, wenn Minsk nicht möglich ist?

Nein. Aber es werden Gespräche geführt.

Über eine WM nur in Lettland oder eine WM in Dänemark oder in der Slowakei?

Ich kann diese Frage nicht beantworten.

Aber die WM wird stattfinden? Notfalls auch ohne Zuschauer?

Ja, die WM wird durchgeführt. In welcher Form wissen wir noch nicht. Aber wir sind dazu in der Lage, eine WM auch ohne Zuschauer durchzuführen.

Was wäre eigentlich, wenn Ihr Besuch in Minsk die Lage nicht so verschärft hätte?

Wir hatten die Bereitschaft zum Dialog signalisiert. Der nächste Schritt wäre gewesen, mit der Opposition zu reden und zu vermitteln.

Die Bilder haben diesen Bemühungen sozusagen den Stecker gezogen.

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Das hat sich in dieser Situation gezeigt. Aber Bilder können auch tausend falsche Worte sagen. Wie in diesem Fall.

Mit Verlaub: Sie glaubten wirklich, während der WM so etwas wie einen Burgfrieden im Land zu erreichen? Dass alle Auseinandersetzungen ruhen wie einst während den Olympischen Spielen in der Antike? Dass ein Dialog zwischen Regierung und Opposition in Gang kommt?

Wir haben Nord- und Südkorea dazu gebracht, eine gemeinsame Frauenmannschaft für die Olympischen Spiele von 2018 zu bilden. Wie ich schon sagte: Unsere Chance lag bei vielleicht einem Prozent. Aber wir mussten den Versuch machen.

Welche Rolle kann der Sport spielen, um die ethische Situation zu verbessern?

Diese Frage stellen wir uns nicht erst heute. Schon Baron Pierre de Coubertin hat unter dem Eindruck des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 versucht, mit dem Olympischen Gedanken über den Sport verfeindete Völker auf dem Spielfeld zu versöhnen. Dahinter mag Naivität sein. Aber ich glaube nach wie vor an die versöhnende Kraft des Sportes. Gerade im Eishockey. Während des Kalten Krieges hat Eishockey so viel zur Verständigung zwischen Ost und West beigetragen. Denken Sie nur an die Serie zwischen den kanadischen NHL-Profi und den Sowjets im Jahre 1972. Die Helden von damals treffen sich noch heute.–

Ihre Amtszeit wäre eigentlich vor einem Jahr mit der WM 2020 in der Schweiz nach 26 Jahren zu Ende gegangen. Ärgert es Sie, dass sie nun zum Abschluss Ihrer Laufbahn noch in dieses Abenteuer hineingerutscht sind?

Nein. Ich bin von allen Seiten gebeten worden, noch ein Jahr zu machen um diese schwierigen Herausforderungen zu meistern. Aber einfach ist es nicht.