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Eine Thronbesteigung, die niemand erwartet hat

Der Moment des Sieges: Christian Stucki schreit seine Freude in den Zuger Himmel, nachdem er im Schlussgang Joel Wicki auf den Rücken gelegt hat.

Der Moment des Sieges: Christian Stucki schreit seine Freude in den Zuger Himmel, nachdem er im Schlussgang Joel Wicki auf den Rücken gelegt hat.

Wie Christian Stucki mit 34 Jahren Schwingerkönig wurde und seine Karriere krönte.

Nie mehr seit dem 28. Juni 1838 sind so viele Menschen zu einer Thronbesteigung herbeigeeilt. Um die 400 000 waren nach London gekommen, um bei der Krönung der 18-jährigen Victoria zur Königin des britischen Weltreiches dabei zu sein. Sie sollte einer ganzen Epoche («Viktorianisches Zeitalter») ihren Namen geben. Mehr als 150 Jahre später gilt es, den König der ältesten Demokratie zu krönen. Mehr als 300 000 eilen nach Zug. Christian Stucki wird am 25. August 2019 den Thron besteigen. Anders als Queen Victoria steht sein Name nicht für den Beginn einer neuen Ära. Eher setzt er den Schlusspunkt hinter die ruhmreichste Epoche der Berner Herrschaft mit vier verschiedenen Königen in neun Jahren: Kilian Wenger, Matthias Sempach, Matthias Glarner, Christian Stucki.

Nie zuvor sind in der Schweiz für ein Sportereignis so viele Menschen zusammengeströmt. Das mag zeigen, dass das «Eidgenössische» in Zug eine viel grössere Bedeutung als ein Sportanlass hat. Es ist ein politisches und kulturelles Ereignis. Was den Amerikanern die Super Bowl, das ist den Schweizern das alle drei Jahre stattfindende «Eidgenössische»: das Zelebrieren der eigenen Identität in Zeiten der Globalisierung. Und kein Ort hätte besser dafür geeignet sein können als Zug, die Welthauptstadt des Rohstoffhandels. Hier ist die Schnittstelle zwischen weltumspannendem ­Kapitalismus und tief verwurzelter eidgenössischer Eigenart. Zug 2019 wird das grösste, beste «Eidgenössische» der Geschichte. Wie sehr dieses «Eidgenössische» unser Land bewegt hat, wird sich noch einmal im Dezember zeigen: als erster Schwinger der Geschichte wird Christian Stucki zum Sportler des Jahres gewählt.

Zug 2019 steht auch für sportliche Dramatik. Schon am ersten Tag stürzen Titanen wie Samuel Giger und Pirmin Reichmuth. Der König von 2002, ­Arnold Forrer, muss die Bühne schon am Samstagabend sieglos verlassen.

Der Triumph über das ewige Gesetz

Und wieder zeigt sich: Schwingen ist, wenn am Ende Innerschweizer verlieren und Berner siegen. Mehr als 20 Könige kommen aus dem Bernbiet. Aber erst ein einziger aus der Innerschweiz. Die Innerschweizer wären eigentlich zahlreicher. Sie haben eine mindestens so lange Geschichte in diesem Sport. Aber sie sind so verschieden, dass sie einfach nicht dazu in der Lage sind, für den grossen eidgenössischen Hosenlupf eine gemeinsame Strategie zu entwerfen. Nur der Einzelgänger Harry Knüsel hat es bis heute geschafft. Er wurde 1986 König.

Oder kann Joel Wicki König werden? Er tritt am Sonntagnachmittag unbesiegt und in Höchstform zum Schlussgang an. Aber mit Christian Stucki bekommt er einen Gegner, der so gross und schwer und standfest ist, dass er ihn nicht aus Stand und Gleichgewicht zu bringen vermag. Mit dem er schon im 5.Gang nicht über einen Gestellten (Remis) hinausgekommen war. Der wirblige Supertechniker (183 cm/104 kg), der spektakulärste Schwinger dieses ­Festes, der Publikumsliebling, zerbricht am Titan aus dem Bernbiet. Christian Stucki (198 cm, mindestens 140 kg) legt gleich am Anfang alles in einen Angriffsschwung, entfaltet seine Kraft wie ein Naturereignis und gewinnt nach 40 Sekunden.

Stucki triumphiert damit auch über ein scheinbar «ewiges Gesetz». Er krönt seine Karriere im Alter von 34 Jahren – ernsthaft damit gerechnet hat niemand mehr. Denn es galt: wer älter ist als 31 kann nicht mehr König werden. Seit dem ersten Eidgenössischen 1895 haben nur zwei Könige nach dem 30.Geburtstag den Thron bestiegen. Werner Bürki 1941 und Matthias Glarner 2016. Beide waren 31. Joel Wicki wird nur «Erstgekrönter». Wie Geni ­Hasler 1989 hinter dem Berner ­Adrian Käser. Aber er ist erst 22 und der Mann der Zukunft.

Die frischgekrönte Königin Viktoria notierte damals nach ihrer Thronbesteigung in ihr Tagebuch: «Ich kann wirklich nicht ausdrücken, wie stolz ich mich fühle, die Königin einer solchen Nation zu sein.» Würde Christian Stucki auch Tagebuch führen, so hätte er wahrscheinlich am Sonntagabend nach seiner Thronbesteigung, nach einem so grandiosen Fest, einen ähnlichen Eintrag gemacht.

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