Analyse

Ein Sportdrama wie im Märchen: Der Aufschrei der Sportler geht über die Leichtathletik hinaus

Athletinnen kämpfen sich durch den 3000-Meter-Hürdenlauf an der Leichtathletik-WM in Doha.

Athletinnen kämpfen sich durch den 3000-Meter-Hürdenlauf an der Leichtathletik-WM in Doha.

Analyse zu den Negativschlagzeilen von den Leichtathletik-Titelkämpfen in Doha und den Folgen für die Fussball-WM.

Orientalische Märchen sind beliebt. Die Texte liebevoll ausgeschmückt, die Handlung oft dramatisch. Immer wieder geht es in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht um Betrug. Betrogen fühlen sich offensichtlich auch viele Sportlerinnen und Sportler – vom Gastgeber und dem Leichtathletik-Weltverband. Zu Dutzenden kritisieren sie in sozialen Medien die Zustände in Katar rund um die Weltmeisterschaften.

Man darf vermuten, dass hinter vielen negativen Posts ein grundsätzlicher Frust steckt. Die Athleten empfinden als Hauptdarsteller der Wettkämpfe keine Wertschätzung. Weder vom (fehlenden) Publikum, noch von den eigenen Verbandsfunktionären. Diese haben sie für den wichtigsten Event des Jahres an einen Ort verfrachtet, wo es für Leichtathletik weder eine Kultur noch gute Bedingungen gibt.

Das Aufbegehren der Sportler geht über die Leichtathletik hinaus

Katar ist seit einem knappen Jahrzehnt regelmässiger Veranstalter von sportlichen Grossveranstaltungen. Und muss sich in dieser Rolle unangenehme Fragen über Korruption, Menschenrechte und Stellung der Frau in der Gesellschaft gefallen lassen. Auch Sportler haben sich dazu schon pointiert geäussert. Kritik an den Hotels, am Essen oder an den Wettkämpfen hörte man jedoch weder von Handballern, Radfahrern oder Schwimmern, die in Katar ebenfalls Weltmeisterschaften austrugen.

Der Aufschrei der Leichtathleten ist auch im Kontext zu sehen, dass sich weltweit eine selbstbewusste Athletenbewegung formiert, die von den Sportorganisationen resolut mehr Mitsprache und finanzielle Beteiligung fordert. Deshalb zielt der Kern der derzeitigen Kritik eher auf den Verband als auf Katar.

Jeder Sportverband, der mit seinen Wettkämpfen in politisch oder gesellschaftlich schwierige Gegenden vorstösst, um dem Ruf des Geldes zu folgen oder neue Märkte zu erschliessen, sollte sich des Risikos bewusst sein. Unangenehme Wahrheiten werden schnell mit dem eigenen Sport verknüpft. Die Fifa etwa muss sich im Zusammenhang mit der Fussball-WM 2022 mehr mit Fragen des katarischen Arbeitsrechts als der eigenen Spielregeln auseinandersetzen.

Auch der Leichtathletik-Weltverband zieht nun einen gehörigen Schuh voll raus. Da passt es bestens zur Dramaturgie, dass die US-Behörden ausgerechnet während den Titelkämpfen einen der weltweit einflussreichsten Lauftrainer wegen Dopings sperren wollen und damit auf einen Schlag mehrere Medaillenanwärter in Katar auf den Mittel- und Langstrecken in Verruf bringen. World Athletics, wie sich der Verband neu nennt, wird den negativen Groove in diesen Tagen nicht los. Ob es ihm eine Lehre sein wird?

Auf dem falschen Fuss erwischt werden aber auch die Machthaber in Katar. Wenn sie schon die internationale Meinung nicht unterdrücken können, dann wenigstens zu ihren Gunsten nutzen. Doch derzeit läuft die Propaganda-Schlacht ganz und gar nicht nach dem eigenen Gusto. Vielleicht war man nach den Erfolgen bei Handball- oder Rad-WM ein wenig zu selbstsicher. Denn in Doha ist an allen Ecken und Enden zu spüren, dass die Leichtathletik-WM keine Priorität hat.

Wie in Ali Babas Märchenwelt versteckt sich hinter all den schönen Gewändern viel Tristesse. Die Strassen sind hoffnungslos verstopft, überall wird an der Infrastruktur gebaut. Und an die Bedürfnisse der Besucher, schnell ins Stadion zu kommen und nach den oft erst um Mitternacht endenden Wettkämpfen noch etwas zu essen oder zu trinken, wird nicht gedacht.

Katar wird eine perfekte Fussball-WM aus der Lampe zaubern

Trotzdem darf man darauf wetten, dass dies alles in zwei Jahren bei der Fussball-WM kein Problem mehr sein wird. Die unerträgliche Hitze weicht im November einer angenehmen Wärme. Die grosszügigen Zufahrtsstrassen zum Stadion werden fertig gebaut sein, die Toten auf den unzähligen Baustellen vergessen und längst ersetzt. Die Plätze auf den Tribünen gut gefüllt, weil Anreise und Hotelpreise auch während der Fussball-Endrunde äusserst moderat bleiben werden.

Katar braucht diesen Mega-Event nicht, um Geld zu verdienen, sondern jetzt erst recht für Propagandazwecke. Und das funktioniert hier im reichsten Land der Welt trotz seiner riesigen sozialen Ungleichheiten wie bei Aladdin im Märchen. Die Wunderlampe zaubert für die Fussball-WM den gewünschten Effekt hervor.

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