Skispringen
Ein Sport kämpft ums Überleben

Nach Simon Ammanns Olympiasiegen ist nicht nur der erwartete Skisprung-Boom in der Schweiz ausgeblieben, sondern zugleich die Basis für künftige Erfolge weggebrochen. Es gibt kaum mehr Schanzen im Land.

Simon Steiner
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Fristet das Skispringen bald nur noch ein Schattendasein: Simon Ammann springt von der Engelberger Sprungschanze.

Fristet das Skispringen bald nur noch ein Schattendasein: Simon Ammann springt von der Engelberger Sprungschanze.

Keystone

Simon Ammann ist in den letzten Wochen nicht viel weiter gekommen bei seinem Projekt, die Telemark-Landung vom linken auf das rechte Bein umzustellen. Ein Grund dafür ist die mangelnde Sprungpraxis. Während an den Weltcupstationen meist der Wind einen geregelten Trainingsablauf verhinderte, fehlt es zu Hause schlicht an Trainingsmöglichkeiten.

Es gibt in der ganzen Schweiz keine Anlage, wo Sprünge unter weltcupähnlichen Bedingungen möglich sind. Die Titlisschanze in Engelberg, wo dieses Wochenende zwei Weltcupspringen stattfinden, wird jeweils erst kurz vor den Wettkämpfen hergerichtet. Und die Schanzen im nationalen Leistungszentrum in Einsiedeln sind nur auf den Sommerbetrieb ausgerichtet. Das heisst: Die im Winter übliche Anfahrt in der Eisspur und die Landung auf Schnee lassen sich dort nicht üben.

Schlechte Infrastruktur

Das Nationalteam kann dieses Manko mit viel Reiseaufwand zumindest halbwegs kompensieren, in dem es für einzelne Trainingsblöcke auf Schanzen im Ausland ausweicht. Schlimmer sieht es beim Nachwuchs aus, der noch stärker auf lokale Trainingsmöglichkeiten angewiesen ist. Dort macht sich das Schanzensterben stärker bemerkbar, zu dem es in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Schatten von Ammanns Erfolg gekommen ist. Im Zug der Materialentwicklung verschärfte der Welt-Skiverband FIS die Sicherheitsanforderungen. Vor den baulichen Anpassungen schreckte man vielerorts zurück und überliess die Anlagen dem Zerfall oder Abbruch.

Die Skisprungschanzen in Einsiedeln

Die Skisprungschanzen in Einsiedeln

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Dabei fehlen vor allem Kinderanlagen. Neben Einsiedeln sind solche faktisch noch in Gibswil (Zürcher Oberland), Wildhaus (Toggenburg), Marbach (Entlebuch) und St. Moritz zu finden, auch dort allerdings teilweise in veraltetem Zustand. «Die Situation ist ernüchternd», sagt Berni Schödler, Chef Skisprung bei Swiss-Ski. «Mit unserer Infrastruktur sind wir gegenüber anderen Wintersport-Nationen meilenweit im Hintertreffen.»

Der Wille wäre vorhanden

An Ideen fehlt es nicht, doch so manches Schanzenprojekt hat sich in den letzten Jahren in Luft aufgelöst. Das Problem ist praktisch immer die Finanzierung. Das Geld ist auch der Grund, weshalb in St. Moritz ein Desaster droht. Die Gemeinde hatte sich vor zwei Jahren für den Neubau der alten Olympiaschanze und die Sanierung von drei kleineren Schanzen für 11,5 Millionen Franken ausgesprochen. Bei der Detailplanung zeichneten sich jedoch erhebliche Mehrkosten ab, weshalb die Bevölkerung im kommenden Juni voraussichtlich über einen Nachtragskredit von 8,39 Millionen befinden muss.

Scheitert das Projekt, werden die Topspringer im Winter hierzulande auch in Zukunft keine adäquate Trainingsmöglichkeit haben. Für einen Lichtblick in der Schweizer Skisprung-Szene sorgt dafür der Neubau der Anlage in Kandersteg, der im nächsten Jahr abgeschlossen sein sollte. Neben dem Trainingsbetrieb werden dann im Berner Oberland wieder nationale Wettkämpfe und internationale Nachwuchsanlässe bis hin zu Junioren-Weltmeisterschaften stattfinden können.

Die alte Olympiaschanze in St. Moritz.

Die alte Olympiaschanze in St. Moritz.

Keystone

Berni Schödler hofft zudem, dass die Eröffnung der Anlage auch im lokalen Skiklub zu einer neuen Skisprung-Dynamik führt. Die Zukunft der Sportart in der Schweiz hängt derzeit an wenigen aktiven Zellen, in denen ehemalige Athleten Jugendliche dafür begeistern können. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Zahl der lizenzierten Springer in den letzten Jahren mit rund 100 konstant geblieben ist.

Verschiedene Nachwuchsprojekte

«Es ist extrem erfreulich, mit wie viel Drive in einzelnen Klubs gearbeitet wird», sagt Schödler. Solche Gruppen existieren gegenwärtig rund um die Schanzen in Gibswil, Marbach und Wildhaus sowie mit Abstrichen in Einsiedeln und St. Moritz. Im Vallée de Joux und in Gstaad halten die früheren Spitzenspringer Sylvain Freiholz und Christian Hauswirth die Bewegung am Leben, obwohl die dortigen Schanzen nicht mehr brauchbar sind. Beiderorts gibt es Projekte für neue Kinderschanzen, ansonsten bieten sich die Anlagen im französischen Jura an.

In den aktiven Regionen setzt Swiss-Ski auch mit seinem Nachwuchsprojekt «Simon Ammann Jump Parcours» an. Je eine Woche lang sind Schulklassen aus der Umgebung eingeladen, auf drei Kleinstschanzen das Springen kennenzulernen. Im Unterschied zu einem früheren Projekt im Anschluss an Ammanns Olympiaerfolg von 2002, als man mit einer mobilen Schanze durch Schweizer Städte tourte, werden Interessierte gleich mit dem lokalen Skiklub in Kontakt gebracht.

«Nach Salt Lake City spürten wir bei Kindern zwar ein grosses Interesse am Skispringen, aber an den wenigsten Orten gab es Klubs, welche sie hätten abholen können», sagt Gary Furrer, der damalige Skisprung-Chef und heute Breitensportverantwortliche bei Swiss-Ski. Die Hoffnung lebt, der Sportart so zu neuem Schwung zu verhelfen.

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