Nations League

Ein Spiel für den Trainer, Geschenke der Defensive - vier Erkenntnisse zum Unentschieden gegen Deutschland

Es war ein grossartiges Spiel zwischen der Schweiz und Deutschland, am Ende stand ein 3:3-Remis. Silvan Widmer, Remo Freuler und Mario Gavranovic zählen zu den Gewinnern, die Defensive zu den Verlierern. Unsere vier Erkenntnisse des Spiels.

Ein Spiel für den Trainer

Das 3:3 war ein Spiel für Vladmir Petkovic.

Das 3:3 war ein Spiel für Vladmir Petkovic.

Als Vladimir Petkovic das 0:1 in Spanien analysierte, tat er das etwas zu sehr als Anwalt seiner Spieler. Und vergass dabei, die offensive Harmlosigkeit zu erwähnen. Als Petkovic nun über das 3:3 gegen Deutschland sprach, tat er das mit dem Bewusstsein, dass drei Gegentore selten für ein gutes Ergebnis reichen. Seine logische Folgerung: Eine Mischung aus defensiver Stabilität wie gegen Spanien und dem offensiven Verve aus der Deutschland-Partie wäre ideal.

Klar ist aber: Wer in Deutschland 3:3 spielt und dabei nur wegen - teilweise krassen - individuellen Fehlern nicht gewinnt, hat vieles richtig gemacht. Es war deshalb auch ein Spiel für den Trainer. Die Angst, dass es Petkovic vor lauter Fokus auf das schöne, gepflegte Spiel aus der Abwehr heraus, nicht gelingt, offensive Lösungen zu präsentieren, hat sich zunächst einmal verflüchtet. Petkovic hatte den Mut, neben den zwei Stürmern auch Shaqiri auflaufen zu lassen, und damit massgeblich dazu beigetragen, dass sich die Schweizer kreativ entfalteten. Auch wenn die Schweiz nun alle fünf Spiele des Herbsts nicht gewonnen haben, das Vertrauen der Spieler in ihren Trainer ist da. Sie setzen die Prinzipien meist um. Der Blick Richtung EM stimmt positiv.

Die Gewinner: Gavranovic, Widmer, Freuler

Mario Gavranovic jubelt mit Xherdan Shaqiri über seine beiden Tore.

Mario Gavranovic jubelt mit Xherdan Shaqiri über seine beiden Tore.

Test- und Nations-League-Spiele im Herbst haben immer auch etwas von einem Casting. Drei Spieler haben besonders überzeugt: Mario Gavranovic, Silvan Widmer und Remo Freuler.

Gavranovic ist der Stürmer von Dynamo Zagreb, der sich im Sommer bereits von Team und Fans verabschiedete, dann aber doch noch blieb - und seither einen tollen Lauf hat. Vier Tore in fünf Liga-Spielen. Und nun nach dem Doppelpack gegen Deutschland auch drei Tore in drei Nati-Einsätzen. Doch auch sein Wirken sonst auf dem Platz hat sich verändert. Er ist präsent, er ist in die Angriffe eingebunden, er läuft gut, verarbeitet Bälle toll. Kurz: In dieser Form und mit so viel Selbstvertrauen ein echter Gewinn für dieses Team. Die Frage ist: Kann er seine Form diesmal konservieren?

Ist einer der Gewinner: Silvan Widmer.

Ist einer der Gewinner: Silvan Widmer.

Widmer ist der Aussenläufer des FC Basel, der seit seiner Rückkehr in die Heimat vor zwei Jahren noch einmal erstaunlich an Reife gewonnen hat. Er ist defensiv solid, viel verlässlicher als sein Hauptkonkurrent Mbabu - und vergisst dabei auch nicht, offensive Akzente zu setzen. Wie er auch nach 80 Minuten noch die Kraft hat, um zum Sprint nach vorne anzusetzen, ist beeindruckend.

Remo Freuler erzielt gegen Manuel Neuer ein schönes Tor.

Remo Freuler erzielt gegen Manuel Neuer ein schönes Tor.

Freuler schliesslich ist der Mittelfeldmotor von Atalanta Bergamo, der bis anhin im Klub viel mehr überzeugte als in der Nationalmannschaft. Gegen Spanien wurde das wieder einmal deutlich, als er blass blieb und den Eindruck erweckte, im Schatten von Xhaka zu ersticken. Und nun: Welch grossartige Vorstellung gegen Deutschland! Ohne Zweifel die beste im Nati-Dress. Vielleicht liegt es daran, dass er und Xhaka zu zweit Herr über das Mittelfeld sein müssen und nicht mehr zu dritt. Freuler jedenfalls stopf Löcher ohne Ende. Er geht mit in den Angriff, bereitet ein Tor vor, schiesst eines selber. Und fällt immer wieder mit klugen Gedankenblitzen auf. So darf es gerne weitergehen.

Das Duo: Wie Xhaka von der Rückkehr Shaqiris profitiert

Übernimmt Verantwortung: Xherdan Shaqiri.

Übernimmt Verantwortung: Xherdan Shaqiri.

Die Rückkehr von Xherdan Shaqiri in die Startelf hat einiges ausgelöst im Schweizer Team. Es ist, als wäre dem Team plötzlich eine Last abgefallen. Die Last, Dinge zu tun, die eigentlich nicht zu den grossen Stärken gehören. Shaqiri steht für das Kreative, das Unberechenbare - zumindest an guten Tagen. Und es war schon erfreulich, dass er dieses Element auch jetzt, wo er noch nicht in Topform ist, ins Team zurücktragen konnte. Gewiss, er hatte auch einige Ballverluste zu viel, teilweise sind daraus gefährliche Gegenstösse entstanden. Eine Erkenntnis ist aber auch: Captain Granit Xhaka profitiert von der Präsenz Shaqiris. Weil er sich ganz auf seinen Job konzentrieren kann und nicht auch noch gegen vorne Alleinunterhalter spielen muss.

Die Sorgen: Viel zu viele Geschenke

Yann Sommer und seine Defensive fängt sich zu einfache Gegentore.

Yann Sommer und seine Defensive fängt sich zu einfache Gegentore.

Die Erkenntnis ist nicht neu, aber zunehmend besorgniserregend: Die Schweiz verteilt zu viele Geschenke. Normalerweise wird das bestraft - gegen fast jeden Gegner, nicht nur jene mit einem klingenden Namen. Warum die Schweiz derart viele Fehler begeht? Das ist die grosse Frage, die es zu klären gilt. Es ist fraglich, ob es dabei nur um fehlende Konzentration geht. Oder ob die Schweizer in der Abwehr zu häufig Dinge tun, die mit zu viel Risiko behaftet sind. Wer optimistisch sein möchte, denkt: Lieber die Fehler jetzt begehen als an der EM.

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