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Ein Betriebsunfall der Innerschweizer Schwinger

Der Moment der Entscheidung: Nick Alpiger (oben) drückt Christian Schuler ins Sägemehl.

Der Moment der Entscheidung: Nick Alpiger (oben) drückt Christian Schuler ins Sägemehl.

Die Innerschweizer Schwinger geben den Sieg am eigenen Teilverbandsfest in Flüelen her. Der Aargauer Nick Alpiger profitiert - und kann seinen Sieg selber fast nicht glauben.

Sonntagmorgen, kurz vor 7 Uhr. Pascale Alpiger ist auf dem Festareal in Flüelen angekommen. Sie ist die Mutter des Schwingers Nick Alpiger und Medienchefin des Aargauer Schwingerverbands. Ihr Wochenende sei intensiv, sagt sie. Am Samstag besuchte sie den Fricktaler Abendschwinget, am Sonntagmorgen ist sie bereits in Flüelen. Sie wirkt noch etwas müde. Aber nicht in ihren kühnsten Träumen hätte sie wohl gewagt zu prophezeien, dass ihr Sohn an diesem Abend den Siegermuni gewinnen würde.

Der 22-jährige Schwinger aus Staufen im Kanton Aarau bekommt ein Best-of der Innerschweizer Szene zugeteilt. So wie das allen ambitionierten Gästen in dieser Sportart widerfährt. In den ersten drei Gängen traf er auf zwei Eidgenossen und stand zur Mittagspause dennoch bei drei Siegen. Im vierten Gang folgte Christian Schuler, der letztjährige Co-Festsieger. Schuler bremste den aufmüpfigen Gast mit einem Gestellten. Und so sah die Zwischenrangliste nach vier Gängen so aus, wie man sich das aus Innerschweizer Optik wünscht. Der überraschend stark aufschwingende Benji von Ah führte, Schuler auf dem zweiten Platz, auf Rang 3a Joel Wicki.

Schulers Meisterstück

Christian Schuler gehört seit Jahren zu den besten Schwingern der Innerschweiz. Doch in der jüngsten Vergangenheit verlor er seinen Leaderstatus. Die nächste Generation um Joel Wicki, Pirmin Reichmuth und Sven Schurtenberger übernahm das Kommando. In die laufende Saison fand Schuler nie richtig hinein, er verlor zu viele Gänge, die er hätte gewinnen müssen. Doch ausgerechnet gegen einen der neuen Leader gelang ihm gestern ein Meisterstück. Im dritten Gang gewann er nach drei Sekunden gegen Sven Schurtenberger mit innerem Haken. Schuler war gut drauf, körperlich und mental.

sagte der knapp 32-Jährige. Er nehme sich für den weiteren Festverlauf vor, gelassen zu bleiben. Mit Gelassenheit, aber vor allem auch mit einem weiteren Sieg im fünften Gang gegen Joel Ambühl qualifizierte er sich für den Schlussgang.

Die hoch gehandelten Favoriten Joel Wicki, Pirmin Reichmuth und Sven Schurtenberger verpassten dies. Wicki und Reichmuth stellten ihre ersten Gänge, Schurtenberger hatte sich die Niederlage gegen Schuler eingehandelt. «Ein Schlaf-Gang» seinerseits sei das gewesen, sagte Schurtenberger. Reichmuth sprach davon, wachgerüttelt worden zu sein. Nach dem Gestellten gegen Armon Orlik zum Auftakt handelte er sich die erste Niederlage der Saison ein – gegen Benji von Ah. «Ich ging in letzter Zeit zu wenig konsequent an die Sache heran», sagte Reichmuth. «Ich bin froh, dass es jetzt passiert ist und nicht im August.» Wicki hatte die besten Aussichten der drei. Er wäre bereit gestanden, um den Festsieg zu erben, sofern die Schlussgang-Teilnehmer gestellt hätten.

Keine Worte! 
Keine Worte!

Dass Wicki nicht erben würde, stand schnell fest. Nick Alpiger gewann mit Lätz nach 24 Sekunden. Sechs Jahre nach dem Triumph von Bruno Gisler in Emmen, siegte wieder ein Nordwestschweizer am Innerschweizerischen. Alpiger kämpfte erfolglos gegen die Tränen. Es sei mit Abstand das grösste, was er je erreicht habe, sagte er. «Ich glaube es noch gar nicht. Keine Worte! Keine Worte! Das ist wirklich der absolute Wahnsinn. Als kleiner Gast aus der Nordwestschweiz hier gewinnen, das geht gar nicht.»

Nick Alpiger (rechts)  jubelt nach seinem Sieg im Schlussgang gegen Christian Schuler.

Nick Alpiger (rechts) jubelt nach seinem Sieg im Schlussgang gegen Christian Schuler.

Wohl fragten sich auch einige Innerschweizer wie das gehen konnte. Alpiger hatte das härteste Programm abzuspulen. Fünfmal musste er gegen einen Eidgenossen antreten, zweimal gegen Christian Schuler. Alpiger tankte sich als Einzelkämpfer durch dieses gut besetzte Fest, er erwischte einen ausgezeichneten Tag. Ohne seine Leistung zu schmälern: Die Innerschweizer dürften diesen Festausgang als Betriebsunfall verbuchen und den Blick auf die kommenden Bergfeste auf Rigi (14. Juli) und Brünig (28. Juli) richten. Und letztlich vor allem auf das Eidgenössische Ende August. Matthias Sempach, in Flüelen erstmals als SRF-Experte im Einsatz, sagte im Hinblick auf den Saisonhöhepunkt: «Ich zähle die Innerschweizer nach wie vor zu den Topfavoriten. Sie haben nebst den Bernern mittlerweile auch das beste Mittelfeld. Und am Eidgenössischen wird über acht Gänge geschwungen, nicht über sechs.» Pascale Alpiger, der Mutter des Siegers, dürfte dies egal sein. Ihr Sohn war nach sechs Gängen der Beste auf Platz. Das feierte sie. Mit einer Nase voll Schnupftabak, vom Kampfrichter spendiert.

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