Skiakrobatik
Dreimal Salto, fünfmal Schraube, zwölf Meter Höhe: Noé Roths Flug an die Weltspitze

Für den Zuger Skiakrobaten Noé Roth beginnt heute die Weltcup-Saison. Er wird der Gejagte sein. Als knapp 20-Jähriger.

Claudio Zanini
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CH Media

Nach den ersten sechs Lebensjahren hatte es Noé Roth geschafft. Sein Vater baute ihm endlich eine Schanze, wenn auch eine kleine. Es ist der Anfang dieser Geschichte. Der Junge konnte sich fortan verwirklichen. Mit 13 Jahren sprang er schon mit einem doppelten Salto über die Schanze.

Junger Überflieger: Am 27. Dezember wird Noé Roth 20 Jahre alt.

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Pressedienst

«Schanzen und Flughöhen wurden im Gleichschritt grösser, die Sprünge komplizierter. Scheinbar mühelos flog Noé Roth an die Weltspitze der Skiakrobatik. Heute ist er 19-jährig und Gesamtweltcupsieger. In den Top 10 der Gesamtwertung sind alle älter als er. Roth sagt, er wäre zufrieden, wenn es einfach so weiterginge. Und dann sagt er noch einen Satz, den man so in der alpinen Skiwelt kaum hört:

Ich bin aber auch glücklich, wenn ich den Titel nicht verteidigen kann.

Noé Roth trägt eine Unbeschwertheit vor sich her, die vielleicht nur andere 19-Jährige verstehen können. In jeder Äusserung schwingt eine jugendliche Gelassenheit mit. Warum denn zweifeln, wenn am Ende eh alles gut kommt? Die schwierige Saisonvorbereitung wegen Corona? «Wir konnten unseren Plan eigentlich gut durchziehen.» Unfallrisiko in der Skiakrobatik? «Es gibt schon Abstürze, aber die sind meist nicht so gravierend.» Kurz vor dem Schanzensprung essen? «Kein Problem, ich kann alles behalten.» Ziele bei der WM? «Ja, die WM ..., die ist im Januar, nein ..., im Februar - glaube ich.»

Viele Akrobaten in der Familie

Die Eltern von Noé Roth waren auch Skiakrobaten. Seine Mutter Colette gewann 13 Weltcupsiege unter ihrem Ledignamen Brand. In der öffentlichen Wahrnehmung tauchte sie 1998 auf, als sie in Nagano Olympiabronze gewann. Nach der Olympiasaison trat sie zurück, gut zwei Jahre später kam Noé zur Welt.

Vater Michel war nicht ganz so erfolgreich als Skiakrobat, aber immerhin zweifacher Weltcupsieger und Europameister. Er war bis 1991 aktiv, danach trainierte er seine zukünftige Frau, heute ist er Nationaltrainer der Schweizer. Die beiden Geschwister von Michel Roth waren auch Skiakrobaten. Und sein Vater Willy war Schweizer Langlaufmeister und in der Nationalmannschaft der Viererkombination, einer ausgestorbenen Sparte, die aus Langlauf, Skispringen, Abfahrt und Slalom bestand.

Noé Roth bei der Weltmeisterschaft in Park City im Februar 2019.

Noé Roth bei der Weltmeisterschaft in Park City im Februar 2019.

George Frey/EPA

In der Familie wimmelt es von Sportskanonen. Der eingeschlagene Weg von Noé Roth wurde sehr einladend vorgespurt. Als Kleinkind schaute er bei den Trainings zu, etwa im sogenannten Jumpin im zürcherischen Mettmenstetten, einer Anlage mit Wasserschanze und Trampolins, ein Sehnsuchtsort für Kinder. Die Eltern schickten den Kleinen aber zuerst ins Kunstturnen, wo die koordinative Basis für das Springen gelernt werden kann. Eine dringende Voraussetzung für erfolgreiche Skiakrobatik ist es nicht, im Weltcup gibt es auch Athleten, deren sportliche Laufbahn im örtlichen Fussballclub startete.

Im Jumpin springen die Athleten über die Schanze in eine Art Sprudelbad. Wegen der gebrochenen Wasseroberfläche sind die Schmerzen wesentlich kleiner, falls einer im Training auf dem Rücken landen sollte. Noé Roth absolvierte in diesem Sommer die Spitzensport-RS in Magglingen, die meiste Zeit verbrachte er aber in Mettmenstetten. Zum ersten Mal gelang ihm in dieser Zeit der Full-Triple-Full-Full. Das sind drei Saltos und fünf Schrauben. Beim ersten Salto eine Schraube, beim zweiten Salto drei Schrauben, beim dritten Salto eine letzte Schraube. Vor ihm hat erst ein Athlet diesen Sprung geschafft. Man nennt ihn auch den «Hurricane». Beim Zuschauen wird verständlich, warum der Sprung so heisst.

Es braucht viel Aufbauarbeit, bevor er einen Sprung dieser Komplexität auf dem Schnee zeigen kann, wo die Flughöhe schnell einmal 12 Meter überschreitet. Zuerst übt er den Bewegungsablauf auf dem Trampolin, später probiert er es über die Wasserschanze. Zuerst auf der kleinen, später auf der grossen. Er sagt, ein Sprung müsse hundertprozentig sicher sein, bevor er ihn auf Schnee versucht. Für den Hurricane ist es noch zu früh diese Saison. «Es muss noch dran geschliffen werden. Ich spüre, wenn ich ready bin», sagt er. Er wird ihn für die olympischen Spiele in Peking aufsparen. Bei seiner Konkurrenz hat sich noch nicht rumgesprochen, dass er diesen in sein Repertoire aufnimmt.

Ob mit oder ohne Hurricane: Die anderen Nationen werden ohnehin auf das junge Schweizer Team schauen müssen, wenn am Freitag im finnischen Ruka die Saison beginnt. Nicht nur auf Noé Roth, sondern auch auf Pirmin Werner, der in der Gesamtwertung Vierter wurde. Wie Roth hat auch er Jahrgang 2000. Die beiden haben noch sehr viel vor sich. Nicht nur Peking 2022, sondern auch die übernächsten Winterspiele, vielleicht auch die überübernächsten. Nimmt man den ältesten aktiven Weltcup-Athleten als Referenz - den 40-jährigen Japaner Tabara Naoya - dann könnten die beiden Schweizer noch eine Ewigkeit weitermachen. Doch die ferne Zukunft ist nicht etwas, das Noé Roth beschäftigt. Er sagt:

Ich höre auf mein Gefühl, dann kommt es gut.

Bis jetzt ist er mit dieser Strategie gut gefahren.

Die gejagten Schweizer

Im finnischen Wintersportort Ruka, wo vor einer Woche der Langlauf-Weltcup startete, beginnt heute die Saison der Skiakrobaten. Das Schweizer Team besteht aus vier Athleten, drei Athletinnen sowie zwei Trainern und einem Physiotherapeuten. Nach den Erfolgen im letzten Winter gehören die Schweizer Männer zu den Gejagten. Die grössten Herausforderer sind die Russen und Chinesen. Wird der Weltcup gemäss Plan durchgeführt, kommen auf das Team von Noé Roth lange Reisen zu. Die nächste Station nach Finnland ist Russland, dann geht es weiter nach Nordamerika, nach Weissrussland und nach Kasachstan, ehe die Saison am 14. März 2021 in Russland beendet wird. Ausserdem soll Ende Februar die Freestyle-Weltmeisterschaft in China (Zhangjiakou) stattfinden. (cza)