Doping bei Olympia
Immer mehr Dopingtests, aber weniger positive Fälle – was bedeutet das?

Nie gab es rund um Olympische Winterspiele mehr Dopingkontrollen als bei Peking 2022. Die Chance, dass damit bedeutende Fälle von Sportbetrug aufgedeckt werden, ist trotzdem klein. Zumindest in diesen Tagen.

Rainer Sommerhalder
Drucken
Dopingtests werden bei den Olympischen Spielen viele gemacht. Trotzdem werfen sie Fragen auf.

Dopingtests werden bei den Olympischen Spielen viele gemacht. Trotzdem werfen sie Fragen auf.

Bild: Keystone

«Warten wir doch ab, wie die Bilanz in 10 Jahren aussieht.» Soll uns der Satz von Benjamin Cohen, dem Direktor der Internationalen Dopingtest-Organisation (ITA) nun er- oder entmutigen? 6200 Dopingtests wurden bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio vorgenommen, sogar eine fünfstellige Zahl im Vorfeld. Doch mit sechs überführten Sportlerinnen und Sportler während des Anlasses und sieben vor Beginn der Wettkämpfe, ist die Anzahl positiver Fälle im Vergleich zum Aufwand gering.

Dies erstaunt auch angesichts der Tatsache, dass immer mehr sogenannte intelligente Tests gemacht werden, Athletinnen und Athleten also gezielt nach Risikoabwägungen und Verdachtsmomenten getestet werden. Zudem haben sich die Analysemethoden der Antidopinglabore in jüngster Zeit markant verfeinert und verbessert. Die Chance, hängen zu bleiben, sollte also höher sein als je zuvor. Doch aufgrund der Feststellung, dass die positiven Fälle aber nicht steigen, ergibt sich die Frage: Sind aus all den internationalen Stars geläuterte Musterschüler geworden?

Cohen wird an der offiziellen Pressekonferenz der International Testing Agency (ITA) diese Frage gestellt. Zuvor hatte der Schweizer ITA-Direktor einmal mehr Testrekorde verkündet. Ein Expertengremium empfahl im Vorfeld der Spiele unangekündigte Tests bei 5400 Athletinnen und Athleten. 95 Prozent dieser Personen wurden in den vergangenen fünf Monaten tatsächlich auch mindestens einmal getestet.

Alle Tests werden in China ausgewertet

Während den Spielen in China selbst werden 2900 Tests vorgenommen. Erstmals wird dabei der von der Schweiz mitentwickelte Dried-Blood-Test, mit einer viel einfacheren Blutentnahme an der Fingerkuppel, als vollwertige Methode eingesetzt.

Cohen sagt auf die Frage nach den geläuterten Athletinnen und Athleten, es sei schwierig, die Wirksamkeit des Antidoping-Kampfs einzig aufgrund der nackten Zahlen rund um den Anlass zu beantworten. Es gebe heutzutage so viele Möglichkeiten, Täterinnen und Täter zu überführen.«Es ist also möglich, dass solche bereits Wochen vor Olympia aufgrund unserer Arbeit aus dem Verkehr gezogen wurden.» Tatsächlich entzog beispielsweise der Internationale Leichtathletik-Verband 20 Sportlerinnen und Sportlern die Teilnahmeberechtigung für Tokio aufgrund Verstössen gegen die Dopingreglemente vorzeitig.

Und wer nicht heute erwischt wird, der hoffentlich spätestens in zehn Jahren, wie Benjamin Cohen die Erfolgsbilanz gerne komplettiert sehen möchte. Alle entnommenen Dopingproben in Peking werden in der Nähe von Lausanne für zehn Jahre gelagert und spätestens dann mit neusten Testmethoden nochmals analysiert. Diese Praktik hat bei den Sommerspielen 2008 in Peking und 2012 in London mehr als hundert Betrüger nachträglich überführt. Aber eben, wie befriedigend ist es, wenn die Ranglisten des grössten Sportanlasses der Welt eine Dekade später neu geschrieben werden müssen?

Erinnerungen werden auch wach angesichts der Tatsache, dass alle entnommenen Dopingproben im Labor von Peking untersucht werden. 2014 in Sotschi manipulierten die russischen Gastgeber in ihrem eigenen Labor Hunderte von Tests. Verdacht auf staatlich gefördertes oder zumindest geduldetes Doping gab es in der Vergangenheit auch in China. Es stellen sich also auch hier Fragen: Wie sehr kann man einem autokratischen Staat vertrauen, dass er die eigenen Athletinnen und Athleten gleich behandelt wie alle anderen? Einem Staat, der in vielen Belangen von Menschenrechten eine sich selber gegenüber absolut unkritische Haltung vertritt.