NFL Kolumne

Doch kein richtiges «Tanking»? Warum sich die Miami Dolphins in der Zwickmühle befinden

Den Vorwurf, dass die Dolphins absichtlich Spiele verlieren, kann ihnen nach dem Sieg keiner mehr machen.

Den Vorwurf, dass die Dolphins absichtlich Spiele verlieren, kann ihnen nach dem Sieg keiner mehr machen.

Die Miami Dolphins haben tatsächlich zum ersten Mal in dieser Saison einen Sieg eingefahren. Doch der Erfolg gegen die Jets wirft Fragen auf. Unter anderem auch, weil Führung und Team der Franchise nicht die gleichen Ziele verfolgen.

Das muss sich einer auf der Zunge zergehen lassen: Die Miami Dolphins gewinnen nach 329 Tagen wieder ein Football-Spiel. Mit 26:16 schickte das nominell schwächste Team der Liga die New York Jets am vergangenen Sonntag ins Tal der Tränen. 

Die Dolphins-Punkte im Schnelldurchlauf.

Passend dazu meinte Jets-Headcoach Adam Gase nach der Partie: «Alle fühle sich beschissen. Du investierst nicht all diese Zeit und Mühe, um hierher zu kommen und zu verlieren».

Aber zurück zu den Dolphins. Dieser Sieg wirft so einige Fragen auf, denn eigentlich rechnete niemand damit, dass die Franchise aus Miami in dieser Saison noch einen Erfolg verbuchen wird. 

Ob sich das Management der Dolphins wirklich über diesen Sieg freut?

Pole-Position verloren

Die Besitzer planen nämlich nicht mit kurzfristigem Erfolg. Dafür wurden sämtliche Schlüsselspieler im Tausch für Draft-Picks abgegeben. Der Rest könnte auch als Übergangstruppe bezeichnet werden. 

Ein wichtiger Bestandteil dieser sogenannten «Tanking»-Strategie: Quarterback Tua Tagovailoa beim nächsten Draft ergattern. Dem jungen QB-Talent wird eine grosse NFL-Karriere vorhergesagt. 

Für dieses Ziel sind die Dolphins nun nicht mehr in der Pole-Position, die wurde nämlich von den Cincinnati Bengals übernommen. Lustigerweise eine Franchise, die bis vor kurzem nie mit «Tanking» in Verbindung gebracht wurde und trotzdem alle Partien (0:8-Bilanz) verloren hat.

Ähnlich wie auch die Washington Redskins, die mit acht Niederlagen und einem Sieg ebenfalls die schlechtere Bilanz als die Dolphins aufweisen. Und auch die Atlanta Falcons und die New York Jets sind mit Dolphins auf Augenhöhe (alle drei mit einer 1:7-Bilanz) im Rennen um die richtig guten Picks beim nächsten Draft. Es ist schon fast beängstigend, wie viele Teams in dieser Saison so schwach performen. 

«Hatte die Hundeaugen satt»

Es stellt sich nun also die Frage, warum die Dolphins dieses Spiel überhaupt gewonnen haben. Zum einen ist beim «Tanking» für alle Spieler klar, dass sich das Team in einer Übergangsphase befindet und ihre Zukunft ungewiss ist.

Ein Team das erfolgreich «Tanking» betreiben will, gibt in der Regel alle wichtigen Spieler für gute «Draft-Picks» ab. Der Rest des Kaders ist da, damit das Team überhaupt Spiele bestreiten kann. 

Ein bestes Beispiel dafür ist Quarterback Ryan Fitzpatrick. Ursprünglich startete der 36-Jährige als Backup für den QB-Youngster Josh Rosen in die Saison. Da Rosen aber mittlerweile auf die Bank gesetzt wurde, darf Fitzpatrick nochmals ran. 

Der Oldie hat zwar noch einen Vertrag bis und mit nächste Saison, sofern die Dolphins aber «1st Overall Draft Pick» kriegen, wird er in der kommenden Spielzeit wohl keine grosse Rolle mehr für die Franchise spielen. 

Fitzpatrick bedankt sich bei seiner O-Line.

Logische Konsequenz: Er versucht nochmals abzuliefern. Und das hat er nun gegen die Jets getan. Sein zusätzlicher Antrieb: Er hat seinen beiden Jungs versprochen, dass sie bei jedem Sieg der Dolphins mit in die Umkleidekabine dürfen. «Ich hatte viel Druck, denn ich hatte die Hundeaugen satt, wenn ich vom Feld ging, ohne dass sie mit in die Umkleidekabine kommen konnten», so Fitzpatrick. 

Aufstrebender Coach

Auf der anderen Seite ist da der neue Coach Brian Flores. Sein Jubel nach dem Spiel gegen die Jets war besonders emotional nach dem Spiel gegen die Jets. Er widmete den Sieg seiner Mutter, die vergangenen März an Krebs erlag.

Für Flores ist es der erste Sieg als «Head Coach» in der NFL. Passend dazu verpassten ihm seine Spieler auch gleich ein «Gatorade»-Bad. 

Miami-Coach Flores erhält ein Gatorade-Bad.

Auch wenn die Niederlagen in dieser Saison dem 38-jährigen Flores wohl weniger angeheftet werden, wie sonst der Normalfall wäre, so will der Coach in seiner ersten Saison beweisen, dass er nicht nur eine Übergangslösung ist. Jeder Sieg mit der spielerisch wohl schlechtesten Mannschaft der NFL bestärkt seine Fähigkeiten als Trainer. 

Kein Tua für die Dolphins?

Und so werden sich die Dolphins wohl auch noch bei den restlichen Spielen in der Zwickmühle befinden. Mit einem Team, das eigentlich gerne gewinnen möchte und einer Franchise-Führung, die sich fragen muss, ob man um jeden Preis mit Tua einen neuen Quarterback-Superstar haben möchte, oder dem aufstrebenden Coach das Vertrauen schenkt. 

Schaut man sich nämlich die Formkurve genauer an (zuletzt unnötige Niederlage gegen die Redskins und gegen die Steelers und Bills lange auf Augenhöhe) so fällt auf, dass Miami immer stärker wird.

Kommt dazu, dass die Dolphins in den letzten sieben Partien auf sieben Teams treffen, die allesamt zu packen sind. Selbst die Patriots am letzten Spieltag – die ihr Team zum Schluss für die Playoffs schonen werden – könnten nämlich zu schlagen sein. 

Die Formkurve der Dolphins zeigt nach oben.

Lässt man Coach Flores also seine Arbeit weiter unbeeinflusst weiterführen, dann ist anzunehmen, dass die Dolphins zumindest das Direktduell gegen die Cincinnati Bengals gewinnen werden und damit das Duell um den besten Pick beim nächsten Draft verlieren. 

Für welchen Weg sich die Franchise-Führung entschieden hat, könnte bereits am kommenden Sonntag zu erkennen sein: Gegen die Indianapolis Colts sind die Dolphins zwar klarer Aussenseiter, doch sollte bei den Colts der Quarterback Jacoby Brissett (erlitt eine Knieverletzung am vergangenen Sonntag) ausfallen, so dürfen sich Fitzpatrick und Co. unter normalen Umständen berechtigt Hoffnungen auf einen weiteren Sieg machen. 

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