Pferdesport

Diese Profirennreiterin trotzt der Kritik an ihrem Beruf: «Galoppieren ist für Pferde das Natürlichste der Welt»

Karin Zwahlen gehört zu den besten Berufsrennreiterinnen der Schweiz. Im Porträt erzählt sie, weshalb sie so erfolgreich ist und wie Laienwissen und Klischees ein falsches Bild des Pferdesports erschaffen.

Box reiht sich an Box. Darin Pferde, schwarz, weiss, braun. Allesamt gross und kräftig. Es riecht nach Körperwärme und Tau. In der Mitte des Stalls dampft auf einem Haufen der Pferdemist. Karin Zwahlen geht auf eine der Boxen zu. Ihre dunkelblonden Haare zusammengebunden, ihre Fingernägel rot lackiert, schwarze Leggins, rote Jacke, Stiefel.

Sie begrüsst die braune Stute darin, tätschelt ihr den Hals und krault ihr die Stirn. «Das ist Fairy Wish. Mit ihren zwei Jahren eine unserer Jüngsten», sagt Zwahlen. «Kürzlich ritt ich mit ihr das erste Rennen. Wir haben es souverän gewonnen.» Ein verschmitztes Lächeln.

Die 36-Jährige ist Berufsrennreiterin, auch Jockey genannt. Seit acht Jahren arbeitet sie im Rennstall von Andreas Schärer in Dielsdorf. Ihr erstes Rennen ritt sie bereits mit sechs Jahren auf einem Shetlandpony. «Meine Eltern hatten einen Bauernhof und meine grosse Schwester wünschte sich unbedingt ein Pferd. Da musste ich natürlich auch eins haben», sagt sie und lacht.

Im Alter von zehn Jahren ritt sie ihr erstes Fohlen ein. «Mit jungen Pferden arbeite ich immer noch am liebsten», sagt Zwahlen. Dann folgte die dreijährige Lehre zur Berufsrennreiterin in Avenches. Heute arbeitet sie mit den Englischen Vollblütern, die deren Besitzer Schärers Rennstall anvertrauen. Und sie ist erfolgreich: 63 Siege kann Zwahlen mittlerweile auf ihrem Konto verbuchen. Damit zählt sie zu den drei besten Profirennreiterinnen der Schweiz.

Ein guter Jockey braucht Talent und das richtige Gewicht

«Karin ist eine Bereicherung für jeden Pferdestall», sagt Schärer auch gleich, während Zwahlen das Pferd putzt und herrichtet. Als Trainer hält er stets ein waches Auge auf seine vierbeinigen Schützlinge. «Was sie geschafft hat, schaffen nicht viele.» Schärer spricht in höchsten Tönen von seiner Angestellten. Sein Ton bleibt dabei aber nüchtern, wodurch das Lob authentisch und echt wirkt. «Sie ist sehr fleissig, beweist eine unvergleichliche Leistungsbereitschaft und ein grosses Verantwortungsgefühl für diese wertvollen Geschöpfe», sagt Schärer. «Aber was sie zu einer wirklich guten Rennreiterin macht, sind ihr Einfühlungsvermögen und ihr Talent.» Auf die lobenden Worte des Trainers gibt sich die Reiterin bescheiden:

Auch körperlich muss ein Jockey die richtigen Voraussetzungen mit sich bringen. Klein, schlank, drahtig – Zwahlen hat die perfekte Figur für ihren Beruf. Als Frau hat sie es etwas leichter, ihr Gewicht zu halten als Männer, von denen der Sport normalerweise dominiert wird. 52 Kilogramm darf sie auf die Waage bringen, damit sie zu einem Rennen zugelassen wird – mit Sattel und Ausrüstung. Ist sie darunter, muss sie Bleigewichte in den Sattel packen. Ist sie darüber, muss sie eine Busse zahlen oder kriegt gar eine Verwarnung.

Ist also stets strenge Diät angesagt? «Ich achte schon auf mein Gewicht», meint Zwahlen. Sie treibe auch neben dem Reiten viel Sport, gehe schwimmen und jogge mit ihren zwei Hunden regelmässig von ihrem Wohnort in Niederhasli zum Stall. Und ausserdem sei Pizza eh nicht so ihr Ding.

Kritik am Pferderennsport: Laienwissen und Klischees

Inzwischen ist Fairy Wish gesattelt und bereit für das Training. Zwahlen führt die Stute in den Innenhof, sitzt auf und macht sich zusammen mit ihrer Gruppe auf den Weg zur Rennbahn. Auf einem Sandplatz nebenan traben sie noch ein paar Runden. Aufwärmen vor der Anstrengung. Sind die Pferde warm, treiben die Reiter sie zu einer Runde Galopp um die Rennbahn an. Im Training zeigen sie meistens nicht ihr volles Potenzial. «Es geht eher um die Ausdauer als um die Geschwindigkeit», sagt Zwahlen.

Renntraining mit Karin Zwahlen aus Niederhasli

Renntraining mit Karin Zwahlen aus Niederhasli

Jedes der 25 Pferde im Rennstall wird jeden Tag bewegt. Dabei steht hin und wieder auch gemütliches Ausreiten auf dem Programm. Am Abend dürfen die Tiere zudem auf die Sandpaddocks, wo sie sich wälzen und austoben können. Für Zwahlen ein absolutes Muss. «Der Auslauf tut ihnen gut. Für mich ist das Wohlergehen der Pferde das Wichtigste.»

Kritik am Pferderennsport kann Zwahlen deshalb nicht viel abgewinnen. Santa Anita Park, die berüchtigte kalifornische Todesrennbahn, wo sich Tiere immer wieder tödlich verletzen, Dorn im Auge aller Tierschützer – davon will sie nichts hören. «Man darf Pferderennsport in Amerika nicht mit dem hier in der Schweiz vergleichen», sagt sie bestimmt.

Hier würden strikte Vorgaben dafür sorgen, dass alles mit rechten Dingen zu und hergehe, dass weder Pferd noch Mensch unnötigen Risiken ausgesetzt würden. Dopingkontrollen, Tierarztbesuche, ausgeklügelte Futterpläne, geregelter Einsatz mit dem Stock, einer gepolsterten Gerte. «Ein guter Jockey kommt auch ohne klar», sagt Zwahlen. Nur Schläge auf die Schulter seien unabdingbar, um dem Pferd die Richtung vorzugeben.

Laut Zwahlen wissen viele Kritiker zu wenig über den Pferdesport Bescheid und stützen sich auf Klischees. Nachdem die Karriere als Profirennpferd mit zwölf Jahren vorbei ist, werden die Tiere geschlachtet. Humbug, sagt Zwahlen. «Dann gehen sie in die Zucht oder werden zum Freizeitpferd.» Die hohen Geschwindigkeiten provozieren Unfälle. Unsinn. «Galoppieren in der Herde ist für Pferde das Natürlichste der Welt.» Das Pferd ist nur ein Geldautomat. Schön wär’s. «Dafür ist das Preisgeld an Schweizer Pferderennen zu niedrig.» Anders als beispielsweise in Amerika würde es sich in der Schweiz nicht lohnen, ein Rennpferd nur des Geldes wegen zu besitzen.

Ein ganz normaler Bürojob? – «Langweilig!»

Wieso also dann? «Aus Leidenschaft», sagt Zwahlen und verdreht dabei lachend die Augen – so als wäre das eine blöde Frage. «Ich liebe die Tiere und ich liebe, was ich mache.» Die Geschwindigkeit, die Schönheit der Tiere, ihre Kraft. «Rennreiten ist einfach ein befreiendes Gefühl.» Ein anderer Beruf, bei dem sie nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen und stundenlang Pferdeboxen ausmisten müsse – unvorstellbar. «In einem Bürojob würde ich mich schnell langweilen. Ich bin zu gerne draussen.»

Zurück im Hof nimmt Zwahlen der verschwitzten Stute den Sattel ab und führt sie zuerst in die Dusche, danach zurück in ihre Box. Sie streicht ihr noch einmal übers Fell und gibt ihr etwas Heu, bevor sie sich das nächste Pferd vornimmt. Wieder derselbe Ablauf: Putzen, satteln, aufsteigen. Dann Schritt, Trab, Galopp und wieder zurück in den Stall.

Dort ist mittlerweile Ruhe eingekehrt. Die Rennreiter verziehen sich in ihre Nachmittagspause, die Pferde knabbern genüsslich ihren Hafer. Bevor auch Zwahlen geht, schaut sie noch bei ihrem Lieblingspferd vorbei. Muddy Waters. Ein Hengst. Stattlich, schwarz, schnell. Ihn will Zwahlen im nächsten Rennen reiten – und ihre Siegesreihe fortsetzen.

Hier sehen Sie Karin Zwahlen und Fairy Wish das erste gemeinsame Rennen in Dielsdorf gewinnen:

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