Kommentar

Nach dem Ausschluss von Russland für Olympia und WM: Warum trotzdem grosse Skepsis angebracht ist

Rainer Sommerhalder
WADA sperrt Russland für vier Jahre

WADA sperrt Russland für vier Jahre

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat im Skandal um manipulierte Daten aus dem Moskauer Labor eine Vierjahressperre gegen Russland verhängt. Somit dürfen russische Sportler nur unter bestimmten Voraussetzungen an grossen Sportereignissen teilnehmen.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur schliesst Russland wegen der Manipulation von Labordaten für vier Jahre von Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und allen anderen Sportgrossereignissen aus. Aber folgen den starken Worten ebensolche Taten? Der bisherige Umgang mit dem russischen Dopingskandal lehrt uns Skepsis.

Am Montag hat die Exekutive der Welt-Antidoping-Agentur Wada ihren Vorschlag abgegeben, wie der Sport auf die perfide Täuschung durch Russland reagieren soll. Das Land wird für vier Jahre von Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften sowie anderen Grossereignissen ausgeschlossen. Russischen Sportlerinnen und Sportlern, die nachweisen können, dass sie sich einem unabhängigen Testprogramm unterworfen haben, ist es jedoch erlaubt, unter neutraler Flagge an Sportgrossereignissen wie den Sommerspielen 2020 in Tokio oder den Winterspielen 2022 in Peking teilzunehmen.

Die russischen Behörden hatten als bisherigen Höhepunkt des nunmehr fünfjährigen Dopingskandals im Januar massiv gefälschte und gelöschte Daten des Moskauer Kontrolllabors an die Wada übergeben. Anstatt nun endlich das Ausmass des systematischen Dopings belegen und die gedopten russischen Athleten der Jahre 2012 bis 2015 zur Rechenschaft ziehen zu können, wurden die Dopingwächter von den Russen erneut schamlos an der Nase herumgeführt.

Während die Russen keinerlei Mentalitätswandel erkennen lassen und ihren Betrug am Weltsport wahlweise mit «technischen Problemen» oder als «Komplott des Westens» abtun, kündigen die Hüter der Fairness eine harte Bestrafung an. Russland soll für vier Jahre nicht an Olympischen Spielen und an Weltmeisterschaften teilnehmen können. In dieser Zeit dürfen auch keine Welttitelkämpfe in Russland stattfinden. Bereits vergebene Events müssen zurückgegeben werden. Rund zehn grosse Sportanlässe wären davon betroffen.

Falls Russland den Vorschlag der Wada-Exekutive nicht akzeptiert, wovon auszugehen ist, wird die Antidopingorganisation den internationalen Sportgerichtshof in Lausanne anrufen. Dieser wird im Verlauf des Frühjahrs endgültig und für die Sportverbände verbindlich eine Entscheidung treffen. Wer sich nicht an diese hält, muss ebenfalls mit harten Konsequenzen rechnen.

Die grosse Tradition des Sports im Aussitzen von Krisen und die Nähe vieler internationaler Sportorganisationen zu russischen Politikern, Oligarchen oder Sponsoren lassen viele zweifeln, ob die Taten dieses Banns mit der Wucht der Worte mithalten werden.

Bestes Beispiel für die Skeptiker ist einmal mehr das Internationale Olympische Komitee. Das IOC unterstützt zwar «die härteste Bestrafung der Verantwortlichen», behauptet aber im selben Atemzug, dass die Verantwortung bei der Politik liege und der russische Sport an den Manipulationen nicht beteiligt war. Man ignoriert damit, dass in einem Land wie Russland Sport und Politik untrennbar miteinander verbunden sind. Viele Funktionäre in der Exekutive des russischen olympischen Komitees verfolgen eine Laufbahn in der Politik. Und hat nicht die Weltleichtathletik soeben die gesamte Führung des russischen Verbandes wegen des Verdachts der Manipulation gesperrt? Das IOC verteilt hier einen Schwarzen Peter in bester russischer Tradition: Dort gilt immer noch der in die USA geflüchtete Moskauer Laborleiter Grigori Rodtschenkow als korrupter Einzeltäter.

Erst seit April 2018 kann die Wada dank des neuen Reglements kraftvoll auf systematische Verfehlungen reagieren. Theoretisch sprechen wir im aktuellen Fall von den stärksten Sanktionen, die es im Sport je gegeben hat. Und in der Praxis? Der Teufel liegt im Detail. So stehen im Fussball weder die Spiele der EM-Endrunde 2020 in Russland noch die Qualifikationspartien für die WM 2022 auf einer ­Sanktionsliste. Und auch der Champions League Final 2021 in St.Petersburg ist nicht vom Bann betroffen. Nur wenn es Russlands Fussballer an die Endrunde in Katar schaffen, müsste man ihnen dannzumal die Hymne, die Flagge, den ­Namen und theoretisch auch Putin auf der Tribüne wegnehmen. Ob das so passieren wird?

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