Eishockey

Die vier Schweizer Schlüsselspieler an der Eishockey-WM

Nino Niederreiter (rechts) ist einer der Schweizer WM-Hoffnungsträger.

Nino Niederreiter (rechts) ist einer der Schweizer WM-Hoffnungsträger.

Offensive Zeitenwende: Erstmals haben wir an einer Weltmeisterschaft mit Niederreiter und Andrighetto zwei NHL-Stürmer – zusammen mit Moser und Martschini sind sie die Schweizer Hoffnungsträger.

Hnat Domenichelli kennt alle Facetten des Spiels. Der in der Schweiz eingebürgerte Kanadier arbeitet heute als TV-Kommentator und Spieleragent. Er stürmte während seiner Karriere für Kanada (U20-WM), in der NHL, in der NLA und 2010 am olympischen Turnier in Vancouver für die Schweiz. Nun ist dem 40-Jährigen in Moskau ein Licht aufgegangen.

«Ich habe das Aufgebot von Patrick Fischer studiert und mich über einige Namen gewundert. Und da habe ich gemerkt, dass sich die Zeiten geändert haben», sagt Domenichelli. «Wir wollten schon damals in Vancouver offensiv spielen. Aber wir konnten nicht. Weil wir den Puck fast nie hatten. Wir waren spielerisch zu wenig gut, wir konnten den Puck gegen die Besten der Welt nicht behaupten. Also musste Trainer Ralph Krueger vor allem defensiv starke Spieler aufbieten, die ohne Puck spielen konnten. Sonst hätten wir gar nicht mithalten können und wären überrannt worden.»

Nino Niederreiter (Minnesota Wild) 8.September 1992,188 cm/95 kg. Diese Saison: 82 NHL-Spiele (20 Tore und 23 Assists) in der Qualifikation und 6 Spiele (1 Tor/5 Assists) in den Playoffs für Minnesota. Bereits 2010, 2012 und 2013 bei der WM und 2014 bei Olympia. Der erste Schweizer, der sich als Stürmer in der NHL ganz durchgesetzt hat. Best verdienender Schweizer Stürmer aller Zeiten mit 2,66 Millionen Dollar Jahressalär.

Nino Niederreiter (Minnesota Wild) 8.September 1992,188 cm/95 kg. Diese Saison: 82 NHL-Spiele (20 Tore und 23 Assists) in der Qualifikation und 6 Spiele (1 Tor/5 Assists) in den Playoffs für Minnesota. Bereits 2010, 2012 und 2013 bei der WM und 2014 bei Olympia. Der erste Schweizer, der sich als Stürmer in der NHL ganz durchgesetzt hat. Best verdienender Schweizer Stürmer aller Zeiten mit 2,66 Millionen Dollar Jahressalär.



Die Schweiz spielte bei Titelturnieren das best organisierte, aber langweiligste Hockey. Die Nordamerikaner höhnten über «Football on Ice». Selbst spielerisch himmelhoch überlegene Gegner bissen sich die Zähne aus. Wir hatten die taktisch beste Nationalmannschaft der Welt. Aber erst die taktische Öffnung unter Sean Simpson brachte 2013 im besten Wortsinne den Schritt nach vorne: erstmals den WM-Final und eine Medaille.

Stürmen statt mauern

Das «Silber-Wunder» markiert eine offensive Zeitenwende. Nun haben wir genug Spieler, die auch auf WM-Niveau mit dem Puck umgehen und sich mit und nicht nur ohne Puck durchsetzen können. Zu den Zeiten von Krueger hatten wir noch keinen einzigen Stürmer in der NHL.

Erst unsere Torhüter und Verteidiger waren gut genug für die wichtigste Liga der Welt. Noch haben wir Schweizer zwar keinen Wayne Gretzky oder Sidney Crosby. Aber zum ersten Mal sind unsere Schlüsselspieler nicht mehr «nur» die Torhüter, kräftige Defensiv-Center und wehrhafte Verteidiger.

Simon Moser (SC Bern) 10. März 1989, 187 cm/98 kg. Diese Saison: 50 Spiele (16 Tore und 17 Assists) in der Qualifikation und 14 Spiele (2 Tore/6 Assists) in den Playoffs für den SC Bern. 2011, 2012, 2013 und 2014 an der WM und 2014 bei Olympia. Die etwas weniger dynamische NLA-Version von Nino Niederreiter. Verletzungen und Krankheit haben den 27-jährigen Emmentaler zwischen 2013 und 2015 wohl die NHL-Karriere gekostet.

Simon Moser (SC Bern) 10. März 1989, 187 cm/98 kg. Diese Saison: 50 Spiele (16 Tore und 17 Assists) in der Qualifikation und 14 Spiele (2 Tore/6 Assists) in den Playoffs für den SC Bern. 2011, 2012, 2013 und 2014 an der WM und 2014 bei Olympia. Die etwas weniger dynamische NLA-Version von Nino Niederreiter. Verletzungen und Krankheit haben den 27-jährigen Emmentaler zwischen 2013 und 2015 wohl die NHL-Karriere gekostet.



An der WM in Moskau sind auch schnelle, wendige und kräftige Stürmer Schweizer Schlüsselspieler. Zum ersten Mal überhaupt haben wir zwei NHL-Stürmer (Nino Niederreiter und Sven Andrighetto) im WM-Team. Sie bringen die nordamerikanischen Elemente ins Spiel, die uns in der Vergangenheit oft fehlten: direkter Zug aufs Goal, Schusskraft, Wasserverdrängung, Schnelligkeit, Standfestigkeit.


Patrick Fischer ist der erste Nationaltrainer, der die Spieler hat, um den Viertelfinal zu stürmen und nicht dazu verurteilt ist, sich unter die besten acht zu mauern. Tempo statt Taktik. Wilde Junge statt schlaue Routiniers. Temperament statt Abgeklärtheit. Offensive statt Defensive. Spektakel statt Langeweile. Kreativität statt Disziplin. Risiko statt Berechenbarkeit. Mit dem Puck statt ohne den Puck.

Martschini als Prototyp

Vier Stürmer verkörpern diesen neuen offensiven Jugendstil. Berns Simon Moser (27), Zugs Lino Martschini (23), Montreals Sven Andrighetto (23) und Minnesotas Nino Niederreiter (23). Lino Martschini ist der Interessanteste dieser vier. Er ist sozusagen die schweizerische Alternative. Die sportliche «Swissness».

Er hat sich als Junior zwei Jahre lang auf höchster nordamerikanischer Juniorenstufe durchgesetzt, ist aber das «Endprodukt» der helvetischen Hockeykultur: eigentlich zu leicht und zu klein – aber intelligent, beweglich, schlau und schussstark. Entweder gut genug für die NHL oder so sein wie Lino Martschini – das ist heute das neue Anforderungsprofil für einen WM-Stürmer.

Lino Martschini (EV Zug) 21. Januar 1993, 165 cm/68 kg. Diese Saison: 50 Spiele (26 Tore und 28 Assists) in der Qualifikation und 4 Spiele (0 Tore/5 Assists) in den Playoffs für den EV Zug. Der Grossbub der Turnerlegende Ludek Martschini ist der kleinste NLA-Stammspieler. Diese Saison war der 23-Jährige bester Torschütze mit Schweizer Pass. Erstaunliche Schusskraft, phänomenale Spielintelligenz und die schnellsten Füsse aller Schweizer.

Lino Martschini (EV Zug) 21. Januar 1993, 165 cm/68 kg. Diese Saison: 50 Spiele (26 Tore und 28 Assists) in der Qualifikation und 4 Spiele (0 Tore/5 Assists) in den Playoffs für den EV Zug. Der Grossbub der Turnerlegende Ludek Martschini ist der kleinste NLA-Stammspieler. Diese Saison war der 23-Jährige bester Torschütze mit Schweizer Pass. Erstaunliche Schusskraft, phänomenale Spielintelligenz und die schnellsten Füsse aller Schweizer.



Lino Martschini ist für die NHL und eigentlich auch für ein WM-Aufgebot zu klein (165 cm) und zu leicht (68 kg). Aber er ist einfach zu schnell, zu beweglich und zu schussstark um eine WM zu Hause vor dem TV-Apparat zu verfolgen. Vor einem Jahr hat Nationaltrainer Glen Hanlon den «Zauberzwerg» nicht für die WM aufgeboten.

Selbst Patrick Fischer war sich seiner Sache nicht ganz sicher. Lino Martschini hat das letzte WM-Testspiel gegen Deutschland (4:3 n.V) noch als 13. Stürmer begonnen. Doch dann erzielte er gegen die robusten Gegenspieler zwei Treffer und wurde zum besten Spieler gewählt. Nun beginnt er die WM heute im ersten Sturm neben Denis Hollenstein und Andres Ambühl.

Sven Andrighetto (Montreal Canadiens) 21. März 1993, 178 cm/85 kg. Diese Saison: 44 NHL-Spiele (7 Tore und 10 Assists) für die Montreal Canadiens und 26 AHL-Spiele (10 Tore/13 Assists) für St. John’s. Zum ersten Mal bei der WM. Eine «Westentaschen-Version» von Nino Niederreiter. Schnell, furchtlos auf dem Weg zum Tor und schussstark. Aber der 23-jährige Zürcher ist nicht ganz so kräftig, standfest und zweikampfstark wie Niederreiter. Ein kleiner Nachteil.

Sven Andrighetto (Montreal Canadiens) 21. März 1993, 178 cm/85 kg. Diese Saison: 44 NHL-Spiele (7 Tore und 10 Assists) für die Montreal Canadiens und 26 AHL-Spiele (10 Tore/13 Assists) für St. John’s. Zum ersten Mal bei der WM. Eine «Westentaschen-Version» von Nino Niederreiter. Schnell, furchtlos auf dem Weg zum Tor und schussstark. Aber der 23-jährige Zürcher ist nicht ganz so kräftig, standfest und zweikampfstark wie Niederreiter. Ein kleiner Nachteil.

Martschini läuft und tanzt und skort in der Liga – und kann es auch auf WM-Niveau. «Ich spiele mein Spiel, egal ob gegen Langnau oder gegen Kanada. Wenn ich auf einmal denke ‹oh, das sind jetzt die Kanadier!› würde ich mich verkrampfen.» Es ist das gesunde Selbstvertrauen einer neuen Spielergeneration.

Meistgesehen

Artboard 1