Leichtathletik-EM
Die Schwinger als Konkurrenz – der Boom in der Schweiz hat die Wurfdisziplinen links liegen gelassen

Die Schweizer Leichtathletik geht durch die Decke. Doch der Höhenflug ist eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Wenn Leistungssportchef Peter Haas von fünf Medaillen als Ziel für die EM in Berlin spricht, denkt er ausschliesslich an Erfolge auf der Bahn und im Marathon.

Rainer Sommerhalder
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Die einzige Mohikanerin: Die Innerschweizer Hammerwerferin Nicole Zihlmann (32) ist im Schweizer EM-Team bei den Wurfdisziplinen eine Einzelkämpferin.

Die einzige Mohikanerin: Die Innerschweizer Hammerwerferin Nicole Zihlmann (32) ist im Schweizer EM-Team bei den Wurfdisziplinen eine Einzelkämpferin.

Keystone

Lauf- und technische Disziplinen halten sich bei Swiss Athletics bei weitem nicht die Waage. Jüngste Beispiele gefällig? Die Delegationen an den diesjährigen Grossanlässen. EM Berlin: 52 Teilnehmer insgesamt, davon 6 in technischen Disziplinen. U20-WM: 22 insgesamt, 1 in technischen Disziplinen. U18-EM: 38 insgesamt, 10 in technischen Disziplinen.

Besonders prekär ist die Situation in den sogenannten Wurfdisziplinen (Kugel, Hammer, Diskus, Speer). Da bestand das Schweizer Aufgebot bei allen drei internationalen Meisterschaften aus einem einzigen Athleten.

Werner Günthör kein Vorbild

Peter Haas sieht mannigfaltige Gründe für das Ungleichgewicht. «Es ist uns in der Tat nicht gelungen, etwas auszulösen», sagt der 63-Jährige. Kugelstoss-Gigant Werner Günthör, zwischen 1987 und 1993 dreimal Weltmeister, zog als Vorbild offensichtlich weniger als andere Stars. Zu unerreichbar waren die Leistungen des athletischen Prototypen eines Werfers.
Haas, der in Berlin seinen Abschied als Leistungssportchef von Swiss Athletics gibt, findet wie gewohnt selbstkritische Worte für eine unbefriedigende Situation.

Peter Haas, Leistungssportchef von Swiss Athletics «Junge Talente mit den gewünschten Eigenschaften gehen lieber zum Schwingen oderzum Nationalturnen.»

Peter Haas, Leistungssportchef von Swiss Athletics «Junge Talente mit den gewünschten Eigenschaften gehen lieber zum Schwingen oderzum Nationalturnen.»

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

«Wir haben in der Schweiz bei den Wurfdisziplinen zu wenig Kompetenz in den Vereinen», lautet eine von vielen Erklärungen. Eine andere tönt ebenso simpel wie nachvollziehbar: «Hammerwurf ist nun mal nicht so sexy wie Sprint». Spannend auch sein Verweis auf ein sportliches Schweizer Unikum als übermächtige Konkurrenz: «Junge Talente mit den gefragten Eigenschaften gehen lieber zum Schwingen oder zum Nationalturnen.»

Zu guter Letzt backt auch der Verband im technischen Bereich zu kleine Brötchen. Als die vier Jahre lang fliessende Geldquelle der staatlichen Subventionen nach der Heim-EM 2014 in Zürich versiegte und Swiss Athletics zum Sparen zwang, wurde der technische Bereich besonders gerupft. Kommt hinzu, dass einige der wenigen Talente wie etwa der Baselbieter Kugelstösser Gregori Ott aus gesundheitlichen Gründen entscheidend zurückgeworfen wurden.

Schwieriger Weg an die Spitze

Haas hat Verständnis für das kleine Interesse bei vielen Vereinen für die Werfer. Die Plätze im Nachwuchs seien vielerorts ausgebucht. Da setze man halt nicht unbedingt auf jene Disziplinen, die einerseits zusätzliche Betreuer erfordern und andererseits technisch derart komplex sind, dass die Ausbildung eines jungen Athleten «sich nicht so einfach gestaltet».

Trotz allem mag die internationale Bedeutungslosigkeit der Schweizer Werferszene überraschen. Schliesslich besteht der Mehrkampf im Rahmen des UBS Kids-Cups, der am Ursprung des Schweizer Leichtathletik-Nachwuchsbooms steht, auch aus einem Ballwurf. Es gibt also ein potenzielles Kandidatenfeld von jährlich 150 000 Kindern. «Wir müssen beim Kids-Cup besser hinschauen und systematischer die talentierten Werfer ansprechen», fordert Haas.

Werfer wie einst die Sprinter?

Dies macht aber nur Sinn, wenn man für die so Entdeckten bessere Angebote machen und Gruppen mit Werfern bilden kann. Es benötigt also Plätze in Vereinen mit Förderungspotenzial. «Aber derzeit ist niemand gezwungen, in diese Richtung zu investieren», stellt Haas fest.
Trotzdem bleibt er zum Ende seines 18-jährigen Wirkens als Leistungssportchef gedämpft optimistisch. «Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass die Schweiz im Sprint je um internationale Medaillen wird mitlaufen können.

Und schon sind wir dort.» Zumal die Statistik einem Schweizer Werfer die grössere Chance offenbart, international zu reüssieren. Die weltweite Konkurrenz ist deutlich kleiner als auf der Bahn. «Es gibt also keinen Grund, wieso wir das nicht machen sollten», sagt Haas, betont aber auch, «ohne besondere Anstrengungen bringen wir dieses Ungleichgewicht nicht weg.»