WM-Qualifikation
Die Schweizer Nati kann wohlgenährt in den Winterschlaf

Ein aufregendes Fussballjahr neigt sich dem Ende zu. Die schlechte Stimmung vor der EM hat sich nach dem Rekordstart in die WM-Qualifikation in eine äusserst positive gewandelt. Das war so nicht zu erwarten, findet Etienne Wuillemin.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
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Granit Xhaka (l.) füllt die Rolle des sportlichen Leitwolfs der Schweizer Nationalmannschaft aus – und hat die Lage auch gegen die Färöer jederzeit unter Kontrolle.

Granit Xhaka (l.) füllt die Rolle des sportlichen Leitwolfs der Schweizer Nationalmannschaft aus – und hat die Lage auch gegen die Färöer jederzeit unter Kontrolle.

Keystone

Der Bär hat die Prüfung bestanden. Mit vollem Bauch darf er sich in den Winterschlaf begeben. Im Wissen: Dieser Herbst war perfekt. Der Bär auf grosser Jagd – es war das Bild, das Nationaltrainer Vladimir Petkovic vor dem Spiel gegen die Färöer-Inseln entwickelte. Er forderte von seinem Team, noch einmal hungrig zu sein. Er forderte noch einmal einen überzeugenden Sieg, um dann im neuen Jahr die direkte Qualifikation für die WM 2018 in Russland anpeilen zu können.

Schweiz Färöer
13 Bilder
Dzemaili verpasst eine gute Kopfballchance.
In Hoffenheim aussortiert, in der Nati Stammkraft: Fabian Schär
Edimilson Fernandes durfte sich am Ende auch noch ei paar Minuten beweisen.
Schuss...
...Tor...und ab zum Jubeln: Eren Deriyok trifft zum 1:0.
Vor allem seine Kopfballstärke stellt Derdiyok gegen die Färöer immer wieder unter Beweis.
Hatschi. Valon Behrami schaut Blerim Dzemaili und Joan Edmundsson beim Zweikampf zu.
Granit Xhaka behauptet den Ball im Mittelfeld.
Admir Mehmedi ist nur per Grätsche vom Ball zu trennen.
Valon Behrami im Duell mit Joan Edmundsson
Ricardo Rodriguez kämpft mit der Schweiz gegen Solvi Vatnhamar um den Ball.
Valentin Stocker bekommt wieder einmal eine Chance von Beginn an.

Schweiz Färöer

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Petkovic hat seinen Sieg bekommen. Den vierten im vierten Spiel dieser Kampagne. In einer WM-Qualifikation hat die Schweiz noch nie so gut begonnen. Und überdies ist ihr auch die Egalisation des Rekords von 1970/71 gelungen, als sie ebenfalls mit vier Siegen in eine EM-Qualifikation startete. Damals reichte es dann doch nicht zur Endrunde, weil das Team noch überflügelt wurde von England. Dasselbe Schicksal soll uns nun erspart bleiben.

Zwei Unentschieden reichen

Sechs Spiele verbleiben 2017 in der WM-Qualifikation. Zweimal gegen Lettland, je einmal gegen die Färöer, Andorra, Ungarn und Portugal. Schon jetzt lässt sich sagen: Meistert die Schweiz neben der doppelten baltischen Hürde auch jene gegen die Aussenseiter Färöer und Andorra, dann reichen gegen Ungarn und Portugal im nächsten Oktober zwei Unentschieden, um direkt für die WM qualifiziert zu sein.

Das sind schöne Aussichten. Mit dem souveränen 2:0 gegen die Färöer gestern in Luzern ging ein Jahr zu Ende, das schlecht begonnen hat – und dann immer besser wurde. Es ist eine Entwicklung, die nach den verlorenen Testspielen im März gegen Irland und Bosnien nicht mal die grössten Optimisten vorausgesehen hätten. Trainer Petkovic war angeschlagen, aber es gelang ihm, das Team bis zur EM zu einen. In Frankreich zeigte die Schweiz ihr schönes Gesicht. Sie überzeugte, war immer leidenschaftlich und entfachte eine neue Euphorie im Land. Auch darum war das Spiel gestern schon seit Wochen ausverkauft.

2016 – das Jahr der vielen emotionalen Momente

12 Spiele hat die Schweiz 2016 bestritten. Sechs Siege, drei Unentschieden und drei Niederlagen stehen in der Bilanz. Was aber bleibt nach diesem teilweise sehr emotionalen Jahr? Zunächst einmal zählt der letzte Eindruck. Und der ist sehr gut. Es sind nicht nur diese vier Siege zuletzt, die auffallen. Der Schweiz ist es in vielen Phasen auch gelungen, einen attraktiven Fussball zu spielen. Die Spieler scheinen die Ideen des Trainers verinnerlicht zu haben. Bleibt zu hoffen, dass der Ist-Zustand mehr als nur eine Momentaufnahme ist.

Das sportliche Highlight dieses Länderspiel-Jahres war gewiss der Sieg im September gegen Europameister Portugal. Es war ein erster Beweis dafür, dass dieses Schweizer Team fähig ist, grosse Spiele zu gewinnen. Weitere müssen folgen. Und doch tut dieses Wissen gut, gerade nach dem enttäuschenden Ende des EM-Achtelfinals gegen Polen. Diese Niederlage nach Penaltyschiessen nagt noch heute. Dieser verpassten grossen Chance trauert weiterhin das ganze Land nach. Umso schöner, gelang es Petkovic und seinen Spielern, sogleich eine neue Türe aufzustossen.

Der Beginn eines neuen Zeitalters

Es war aber nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz ein bewegendes Jahr. Die Zeit von Captain Gökhan Inler als Nationalspieler ging zu Ende. Es war das nötige Ende einer Ära. Auch, um Granit Xhaka als neuen (sportlichen) Leitwolf zu installieren. Und Xhaka ist dieser neuen Rolle sichtlich gewachsen. Die wohl wichtigste Entwicklung betrifft aber das Verhältnis der Spieler untereinander im Team. Nachdem zum Ende des letzten Jahres die Probleme rund um den «Balkan-Graben» zum offensichtlichen Handicap geworden sind, haben sie es geschafft, sich anzunähern und sich gegenseitig mehr zu vertrauen.

So kann es im neuen Jahr weitergehen! Zunächst empfängt die Schweiz am 25. März in Genf Lettland. Der nächste Sieg wird gelingen. Es sei denn, Petkovics Bär ist so wohlgenährt, dass er es verpasst, rechtzeitig aus dem Winterschlaf zu erwachen.