Orientierungslauf

Die Schweiz steht vor der grössten Herausforderung seit Jahren

Gold für die Frauen-Staffel, Silber für die Männer – die WM 2018 in Lettland war für die Schweiz erfolgreich. Und jetzt ein Jahr später? (SWISS ORIENTEERING/Remy Steinegger)

Gold für die Frauen-Staffel, Silber für die Männer – die WM 2018 in Lettland war für die Schweiz erfolgreich. Und jetzt ein Jahr später? (SWISS ORIENTEERING/Remy Steinegger)

An der WM im Orientierungslauf in Norwegen hat die Schweiz vier Trümpfe für einen Titel. Warum trotzdem ein neues Zeitalter beginnt.

Es ist ein Ritterschlag, in Skandinavien OL-Weltmeister zu werden. Zwar war die Schweiz in den vergangenen 20 Jahren die erfolgreichste Nation in dieser Sportart. Im ewigen Medaillenspiegel der Weltmeisterschaften jedoch liegen die beiden traditionellen OL-Länder Schweden (164 Medaillen) und Norwegen (137) noch immer deutlich vor den Schweizern (115).

Besonders wichtig ist im Orientierungslauf der Heimvorteil. Gerade die norwegischen Wälder unterscheiden sich in der Charakteristik stark von jenem Gelände, in welchem die Schweizer Athletinnen und Athleten normalerweise trainieren. Umso grösser der Aufwand, den das Schweizer Kader für die Titelkämpfe in Norwegen betrieb. 60 Trainings vor Ort absolvierte die Nationalmannschaft gemeinsam, dazu kamen teilweise mehrmonatige individuelle Aufenthalte in Norwegen.

Technisch und physisch sehr herausfordernde Wettkämpfe gepaart mit dem Auftritt quasi im Wohnzimmer der stärkstmöglichen Gegnerschaft bilden für die heute Dienstag südlich von Oslo beginnenden Weltmeisterschaften eine ultimative Herausforderung für das Schweizer Team. Dazu kommt ein Faktor, welcher einen WM-Titel erst recht zur Herkulesaufgabe macht. Erstmals finden die Titelkämpfe der Orientierungsläufer nach Wald- und urbanen Disziplinen getrennt statt (siehe Artikel unten).

Die Bilanz zeigt, wie viel Potenzial die Schweiz mit dieser Zweiteilung für die WM in Norwegen verliert. Sie hat in den letzten zehn Jahren alleine im Sprint neun WM-Titel gewonnen und in den beiden im Wald ausgetragenen Einzelwettkämpfen Lang und Mittel „nur“ deren acht. In der Königsdisziplin Langdistanz warten die Schweizer Männer seit 2009 auf einen Weltmeister, bei den Frauen gab es seit dem Rücktritt von Simone Niggli-Luder im Jahr 2013 kein Einzelgold im Wald mehr.

Diese vier Schweizer Trümpfe sollen den Norwegern und Schweden die WM-Titel streitig machen:

Daniel Hubmann gewann drei Medaillen an den letzten Weltmeisterschaften in Lettland. (SWISS ORIENTEERING/Remy Steinegger)

Daniel Hubmann gewann drei Medaillen an den letzten Weltmeisterschaften in Lettland. (SWISS ORIENTEERING/Remy Steinegger)

Daniel Hubmann (36)

Der Thurgauer ist nicht nur der älteste Schweizer WM-Teilnehmer, er ist mit 27 Medaillen und acht Titeln auch der mit Abstand erfolgreichste. Hubmann war 2009 auch der letzte Schweizer Weltmeister auf der Langdistanz. Er wird in allen drei Rennen (Lang, Mittel, Staffel) laufen, strebt nach eigenen Worten bei jedem Einsatz eine Medaille an und «träumt von WM-Gold». Das Mitteldistanz-Rennen zum Auftakt ist sein 50. WM-Einsatz. „Ein Medaillengewinn ist sicher schwieriger als auch schon, aber emotional wäre ein Podestplatz in Norwegen eine spezielle Sache“, sagt Hubmann. Er hat letztes Jahr bei den Titelkämpfen in Lettland mit drei Medaillen bewiesen, dass mit ihm nach wie vor zu rechnen ist. Anderseits sagt er auch: «Als 20-Jähriger war der Gewinn eines WM-Titels ein Lebenstraum, dem ich alles untergeordnet habe. Mit der Familie haben sich die Prioritäten verändert. Ich muss nicht mehr unbedingt Weltmeister werden.»

Bänderriss fünf Wochen vor der WM – reicht die Zeit für Matthias Kyburz, um Topleistungen zu zeigen? (SWISS ORIENTEERING/Remy Steinegger)

Bänderriss fünf Wochen vor der WM – reicht die Zeit für Matthias Kyburz, um Topleistungen zu zeigen? (SWISS ORIENTEERING/Remy Steinegger)

Matthias Kyburz (29)

Der Aargauer ist auf einer Mission. In vier von fünf OL-Disziplinen war Kyburz bereits Weltmeister, nur auf der Langdistanz will es einfach nicht klappen. Besser als Fünfter war er an einer WM noch nie, obwohl seine Leistungen im Weltcup und an der EM beweisen, dass er auch hier das Potenzial zu Gold hat. Zwei Dinge stehen ihm diesmal im Weg. Zum einen der Einheimische Olav Lundanes. Die letzten drei WM-Rennen über die Langdistanz hat der 31-jährige Norweger gewonnen. Und nun tritt er zuhause an. Zum andern ein Bänderriss fünf Wochen vor den Titelkämpfen. Anstatt sich in Norwegen den letzten Schliff zu holen, hielt sich Kyburz zuletzt in Magglingen auf, um dank direktem Draht zu Arzt und Physio den Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen. Ob er bereit ist, wird sich erst im Wettkampf zeigen. „Noch habe ich Respekt vor dem Laufen im ruppigen norwegischen Gelände“, sagt er. An der WM müsse es ihm gelingen, die Gedanken an seinen Fuss komplett auszuschalten. Dass ihm die Wälder an der Südküste Skandinaviens liegen, hat Kyburz vor drei Jahren bewiesen, als er nur 50 Kilometer vom aktuellen WM-Ort Sarpsborg entfernt in Schweden Weltmeister über die Mitteldistanz wurde.

Sie mag offensive Ziele: Sabine Hauswirth möchte Medaillen gewinnen. (SWISS ORIENTEERING/Remy Steinegger)

Sie mag offensive Ziele: Sabine Hauswirth möchte Medaillen gewinnen. (SWISS ORIENTEERING/Remy Steinegger)

Sabine Hauswirth (31)

Die Bernerin hat im vergangenen Jahr in Lettland mit dem Gewinn von WM-Bronze auf der Langdistanz gezeigt, zu was sie fähig ist. Und im Gegensatz zu 2018 (Ermüdungsbruch) verlief die Saisonvorbereitung in diesem Jahr problemlos. Deshalb formuliert Hauswirth ihre Ziele auch offensiv: „Ich will um die Medaillen mitreden“. Ihr ist aber bewusst, „dass dies im nordischen Gelände etwas schwieriger wird“. Die Konkurrenz aus Skandinavien wird grösser sein als 2018. Bei ihrer achten WM-Teilnahme liegt der Fokus auch bei der Staffel. Die Schweizer Frauen sind Titelverteidiger und möchten den favorisierten drei skandinavischen Teams nur allzu gern erneut ein Schnippchen schlagen.

Erste WM bei der Elite und trotzdem schon Medaillenhoffnung: Simona Aebersold (Keystone)

Erste WM bei der Elite und trotzdem schon Medaillenhoffnung: Simona Aebersold (Keystone)

Simona Aebersold (21)

Die Bielerin war noch nie bei einer Elite-WM dabei und trotzdem gilt sie bereits als Schweizer Medaillenhoffnung. Aebersold ist zweifellos das grösste OL-Talent seit Simone Niggli-Luder. Bei den Junioren hat sie sagenhafte neun Weltmeistertitel gewonnen. Für die Premiere in Norwegen hebt die Studentin aber den Mahnfinger: „Die Konkurrenz ist viel grösser. Ich treffe hier auf alle Topläuferinnen, die den Sport professionell betreiben.“ Aebersold setzt sich deshalb bescheiden Top-10-Plätze zum Ziel. Für ein Diplom müsse alles stimmen. Trotzdem hat man bei ihr irgendwie das Gefühl, dass es gegen oben keine Grenzen gibt. Erst recht, wenn sie sagt: „Ich fühle mich im norwegischen Gelände stark.“

Ein neues Zeitalter beginnt

Eine OL-Weltmeisterschaft bestand während Jahrzehnten aus einem Einzellauf und einer Staffel. Erst 1991 kam mit der Kurzdistanz (heute Mitteldistanz) eine dritte Disziplin dazu. Vor 20 Jahren endeten die Bemühungen, mit dem Sport raus aus den dunklen Wäldern in urbanere Gebiete vorzustossen, um sichtbarer und damit auch interessanter für eine breitere Öffentlichkeit zu werden, mit der Lancierung des Sprintwettkampfs. Dieser wird inzwischen meistens in einer Stadt ausgetragen, etwa bei der Schweizer WM 2012 in Lausanne-Ouchy oder 2014 in Venedig. Vor fünf Jahren wurde zusätzlich eine Mixed-Staffel im Sprint mit zwei Frauen und zwei Männern lanciert.

Nun trennt der internationale OL-Verband die drei Walddisziplinen und die künftig um einen K.o.-Wettkampf erweiterte Sprint-WM und führt sie alternierend im Zweijahres-Rhythmus durch. Die Sprint-WM 2020 findet in Dänemark statt. Bei den Schweizer WM-Teilnehmern stösst dies auf Bedauern. Sie kritisieren, dass die WM damit auf nur vier Tage schrumpft, dass der Stimmungsbogen mit der städtischen Kulisse fehlt und dass man ein Hauptargument, mit den Sprint-Wettkämpfen neue OL-Nationen (etwa China, Südeuropa oder Nordamerika) zu erreichen, vorerst für die Weltmeisterschaften nicht in die Tat umsetzt. Zudem wird durch die Reduzierung der Startplätze und durch die Tatsache, dass ein guter Athlet nun problemlos das gesamte WM-Programm absolvieren kann, die Hürde für eine WM-Teilnahme höher. Anstatt wie zuletzt in Lettland 14 können diesmal nur 9 Schweizer Läuferinnen und Läufer antreten.

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