Ski Alpin
Die Schattenmänner des Slaloms treten ans Licht

Seit je waren die Slalomfahrer die Stiefkinder von Swiss Ski – sukzessive entwickelt sich die Sorgen- zur Paradedisziplin. Beim Slalom von Adelboden beansprucht die Schweiz sieben ihrer neun Startplätze – doppelt so viele wie noch vor drei Jahren.

Richard Hegglin
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Luca Aerni auf dem Weg zu seinem 5. Platz in Madonna di Campiglio.

Luca Aerni auf dem Weg zu seinem 5. Platz in Madonna di Campiglio.

Keystone

Die Statistik zeigt ein unmissverständliches Bild. 116-mal stellten die Schweizer Abfahrer einen Weltcupsieger. Die Slalomfahrer dagegen weisen nur mickrige 15 Erfolge aus. Und der erfolgreichste Slalomfahrer bleibt weiterhin Dumeng Giovanoli, der in den Pionierzeiten des Weltcups zweimal siegte. Auch der letzte Weltcupsieg liegt schon neun Jahre zurück – ein Paradigmawechsel ist überfällig.

Ale Swiss Ski die WM-Medaille verpasste

Zwar egalisierten später Pirmin Zurbriggen oder Didier Plaschy die Bestmarke von Giovanoli, aber darüber hinaus kamen auch sie nicht. Das vermeintliche Zwischenhoch Mitte des letzten Jahrzehnts mit den Siegen von Marc Berthod (in Adelboden mit Startnummer 60!) und Marc Gini auf der Reiteralm sowie den Podestplätzen von Silvan Zurbriggen und Daniel Albrecht fiel aus unterschiedlichen Gründen wieder in sich zusammen.

Inzwischen wird auch im Verband mehr Gewicht auf diese Disziplin gelegt. Das war im letzten Jahrhundert noch anders: Als Michael von Grünigen 1996 in der Sierra Nevada 46 Jahre nach dem WM-Titel von Georges Schneider völlig unerwartet wieder eine WM-Medaille gewann, war die gesamte Swiss-Ski-Leitung schon abgereist zu den Junioren-Weltmeisterschaften auf dem Hoch-Ybrig. MvG, sonst ein eher stiller Zeitgenosse, liess sich zu einer Brandrede hinreissen: «Das zeigt, welchen Stellenwert Swiss Ski dem Slalom beimisst. Die haben eine Medaille gar nicht verdient.»

Ein Vorweise-Team im Weltcup

Dank der Erfolge an Junioren-Weltmeisterschaften wuchs nun ein Slalom-Team zusammen, das höchst erfreuliche Perspektiven aufweist. Ausser Routinier Marc Gini, der nach einer fast vierjährigen Verletzungspause mit umgestellter Technik wieder auf dem Weg nach vorne ist, sind alle andern deutlich unter 25-jährig. Fünf von ihnen, Reto Schmidiger, Justin Murisier, Ramon Zenhäusern, Luca Aerni und Daniel Yule, errangen WM-Medaillen bei den Junioren.

Die Ski-Welt beneidet uns um dieses Team, zumal bis zum letzten Jahr die Hälfte aller Weltcup-Fahrer zum Teil deutlich über 30 Jahre alt war.

Die Youngster-Truppe hat auch schon den einen oder andern Pflock eingeschlagen. Mit Yule (6. und 9.) sowie Aerni (5.) errangen sie schon drei Top-Ten-Plätze. Das gelang in andern Disziplinen nur noch Carlo Janka (2× 5. und 8.), Patrick Küng (9.) sowie Gino Caviezel beim Parallel-Riesenslalom (7.).

Schmidiger, Zenhäusern und Niederhäusern schafften mit höheren Nummern die Qualifikation oder verpassten diese nur um Hundertstelsekunden. Und mit «Nobody» Marc Rochat (27. mit Nr. 62 in Santa Caterina) trat einer in den Vordergrund, der jahrelang fast nur verletzt war – auch solche Leute erhalten eine Chance.

«Nachhaltig in Erinnerrung bleiben nur Podestplätze»

Im Slalom-Team herrscht eine Leistungskultur, bei der keinem etwas geschenkt wird. Der neue Slalom-Chef Matteo Joris, ein Italiener aus Courmayeur, der Steve Locher abgelöst hat, bläut seinen Athleten ein: «7. oder 11. Ränge sind schöne Ergebnisse. Aber in zwei, drei Jahren hat man diese vergessen. Nachhaltig in Erinnerrung bleiben nur Podestplätze.»

Joris will «Athleten, die hungrig sind». Er nennt Beispiele aus seinem Heimatland: «Italien hat im Verband eine katastrophale Struktur. Aber das erzieht die Athleten zur Eigeninitiave. So haben ausgemusterte Leute wie de Aliprandini, Tonetti oder Ballerin dank persönlichem Engagement den Weg in den Weltcup zurückgefunden. Deshalb legt Joris seinen Athleten keinen roten Teppich aus: «Wer in den Weltcup will, muss im Europacup mindestens Fünfter werden.»

Gini und Rochat haben so Startplätze erkämpft. Markus Vogel, der im letzten Winter aus dem Kader fiel und privat weitertrainiert, verpasste diese Vorgabe knapp. Und wird deshalb heute in Adelboden nicht starten können. Von den 9 Startplätzen wird die Schweiz nur 7 beanspruchen. Immerhin: Binnen dreier Jahre haben sie die Zahl ihrer Startplätze verdoppelt – ein aussergewöhnlicher Leistungsausweis, den die Öffentlichkeit kaum wahrnimmt, der aber die Basis für kommende Spitzenresultate bildet.

Die Konkurrenten:

Daniel Yule (22 Jahre/25 WC-Slaloms/Bestresultat: 6. Rang): Er startet als Einziger in der ersten Gruppe und ist unser stärkster Trumpf. Yule: «Die Allerbesten bringen zwei Läufe ohne Fehler ins Ziel. Wenn mir das ebenfalls gelingt, reicht es für die Top 3.»

Luca Aerni (22/27/5.): Nach einem verpfuschten Winter wegen einer Diskushernie ist der Berner wieder absolut schmerzfrei. Aerni: «Ich kann Skifahren wieder geniessen und fahre immer am Limit. Wenns aufgeht, liegt ein Top-Ten-Platz immer drin.»

Ramon Zenhäusern (23/28/19.): Startet mit 30er-Nummer. Der 2-Meter-Mann verblüfft im Training und im Europacup (5 Podestplätze) immer wieder. Dort lässt er auch die Weltklasse hinter sich. Zenhäusern: «Noch fehlt ein Exploit im Weltcup.»

Reto Schmidiger (23/40/8.): Nach seinem 8. Rang in Lenzerheide 2011 geriet der dreifache Junioren-Weltmeister in einen Negativstrudel. Jetzt ist die Tendenz klar steigend. Schmidiger: «Die Form stimmt, auch wenn sich das erst einmal in Resultaten auszahlte.»

Bernhard Niederberger (22/16/21.): Einige Male verpasste er die Qualifikation nur knapp. Niederberger: «Es braucht noch den letzten Zacken, um im Rennen umzusetzen, was ich im Training zeige.» Gegenüber früher sind seine Leistungen stabiler.

Marc Gini (31/109/1.): Sein letztes zählendes Resultat erzielte er vor drei Jahren als 17. in Kranjska Gora. Während vier Jahren fast immer verletzt. Dank zwei Europacupsiegen kämpfte er sich zurück. Seine Einschätzung: «Ich bin noch eine halbe Sekunde zu langsam.»

Marc Rochat (23/2/27.): Seine Karriere war eine reine Tortur, seit 2008 regelmässig verletzt. Aussergewöhnliche Hartnäckigkeit. Als Sohn des Swiss-Ski-Vizepräsidenten genoss er eher einen Malus als Bonus. In seinem zweiten WC-Rennen wurde er 27. – und war enttäuscht!