Kolumne

Die neu entdeckte Wanderlust

Einer der vielen Aussichtspunkte auf unserer Wanderung auf den Stand bei der Moosalp ob Bürchen.

Einer der vielen Aussichtspunkte auf unserer Wanderung auf den Stand bei der Moosalp ob Bürchen.

Lockdown sei Dank hatte ich Zeit, eine Woche im Wallis zu verbringen. Eine Zeit, in der ich eine neue Facette an mir kennen lernen durfte.

Meine linke Wade schmerzt. Ein bisschen. Oder eher ein bisschen fest. Mein rechter Oberschenkel auch. Und die Schultern. Wobei mir Letzteres unerklärlich ist. Ich meine: Wir waren doch wandern. Nur wandern. Nur? Nun ja. Wer mich kennt, wird eher denken: Du warst wandern? Du? Freiwillig? In deiner Freizeit? Geht’s dir denn gut?

Ja, es geht mir gut. Und ja auch zu allen anderen Fragen. Auch wenn es kaum wer glauben kann. Antworten wie «Du warst auf nem Berg? Mit nem Bähnli?» oder «Was machst du Meerjungfrau denn in den Bergen?», waren alles andere als überraschend. Insbesondere wenn diesen Nachfragen voraus ging, dass wir nicht einfach gewandert sind, sondern das über eine Distanz von 17,2 Kilometern getan haben. 600 Höhenmeter hoch und runter. Für zwei junge Frauen, die in ihren Vans und
Puma-Sneakern einfach ein bisschen wandern gehen wollten, um die schönste Aussichtsplattform erreichen zu können, ist das schon noch beachtlich. Oder um es in unseren Worten zu sagen: Das war krass.

Céline Feller, Sportredaktorin.

Céline Feller, Sportredaktorin.

Krasser ist jedoch, dass es Spass gemacht hat. Sehr sogar. Ja, wir hatten Momente, in denen wir uns und den brutalen Anstieg im Wald verfluchten, oder diese blöde Karte, die sich nicht drehen wollte und die Idee, überhaupt so etwas zu tun, statt einfach in der Sonne zu liegen. Aber das waren kurze Momente, welche von den wunderschönen Ausblicken und einer Art Runners High übertüncht wurden. Dieses Gefühl, einfach zu laufen, es zu können, ohne grosse Probleme. Immer weiter. Auch wenn man vor dem Start der Wanderung noch einen unnötigen Kilometer angehängt hat, weil man die Karte falsch gelesen hat.

Es war egal. Es hat sich gelohnt. So kann ich nun mit einer Prise Stolz sagen: Ich habe den Schweizer Nationalsport für mich entdeckt. Hätte jemand diese These vor drei Monaten aufgestellt – ich hätte gelacht. Ihn für dumm verkauft. Und daran gezweifelt, wie gut mich mein Gegenüber kennt. Es scheint nun aber eher so, als kenne ich gewisse Facetten von mir selber nicht. Oder ich habe sie vergessen.

Als Kind, als wir eine Ferienwohnung in Arosa hatten, waren wir oft wandern. Viel zu oft. Wer eine Wohnung hat, muss sie auch im Sommer nutzen, so die Logik der Eltern. Also bestiegen wir regelmässig und stundenlang irgendwelche Berge, mit vom Vater im Rucksack versteckten Steinen und einer Lust, die in etwa so gross war wie der höchste Hügel ­Hollands. Auch deshalb habe ich in den letzten Jahren nie den Impuls verspürt, die Wanderschuhe zu schnüren. Ich habe mich viel mehr lustig gemacht, wenn ich gesehen habe, wer das plötzlich alles tut. Und auch, wenn mir die Freundin meines Bruders dann noch sagt, wie schlimm ihr Muskelkater sei. Jetzt verstehe ich es. Ich fühle mich beim Aufstehen aktuell noch älter als ich das mit meinem lädierten Körper sonst schon tue.

Immerhin denke ich so aber immer wieder an diese Erfahrung. Diese neu entdeckte Wanderlust. Normalerweise benutze ich dieses Wort dann, wenn es mich gen Süden und an meinen Wohlfühlort, das Meer, zieht. Jetzt werde ich es im wörtlichen Sinne im Zusammenhang mit dem Besteigen eines Berges tun. Und diesen Sport in mein überschaubares Sport-Repertoire aufnehmen. Ich werde wieder wandern gehen. Aber nur, wenn ich es nach dieser Woche im Wallis nun samt Koffer noch die vier Stockwerke ohne Lift bis in meine Wohnung hoch schaffe. Da scheinen die 17 Kilometer gleich wie ein Klacks.

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