Den Schritt vom Ausnahmetalent zum Siegfahrer hat Stefan Küng noch nicht geschafft. Vor seiner fünften Saison in der Elite aber sind die Voraussetzungen besser denn je, den Vorschusslorbeeren gerecht zu werden. Der 25-Jährige ist die Rolle als Helfer und Lehrling los und kann nun meistens auf eigene Rechnung fahren.

Talentproben hat er mit Etappensiegen an der Tour de Suisse und an der Tour de Romandie schon abgegeben. Mit dem Wechsel in die französische Equipe Groupama FDJ, einem Rennstall der World Tour, soll aus dem früheren Junioren-Weltmeister ein Strassenprofi von internationalem Format werden.

Wechsel mit vielen Umstellungen

Die vergangenen sechs Jahre stand Küng mit dem in den USA lizenzierten Team BMC im Einsatz. Aber eigentlich war es eine Schweizer Mannschaft, mit dem im April 2018 verstorbenen Zürcher Andy Rihs als Geldgeber. Der Transfer nach Frankreich war für Küng mit vielen Umstellungen verbunden. Mass am neuen Velo nahm er schon nach dem Ende der vergangenen Saison. Sechs Sattelmodelle gelangten zur Prüfung. «Ich bin eigentlich ein pflegeleichter Typ, aber solch wichtigen Sachen muss man ernsthaft auf den Grund gehen.»

Am Mittwoch, 20. Februar, startet Küng zu seinem ersten Rennen in dieser Saison. Der in Winterthur wohnende Thurgauer beteiligt sich an der Algarve-Rundfahrt. Schon am Freitag kann er ein erstes Resultat von Bedeutung für seine neue Mannschaft ergattern. In Lagoa ganz im Süden Portugals steht ein Zeitfahren über gut 20 Kilometer auf dem Programm. Prüfungen gegen die Uhr sind Küngs Paradedisziplin. Die Distanz an der Algarve-Küste ist auf seine Fähigkeiten zugeschnitten. «Die Strecke ist anspruchsvoll, aber sie liegt mir», sagt Küng.

Im vergangenen Jahr beendete Küng das Zeitfahren der «Volta Algarve» auf dem dritten Platz. Vom einem Sieg in dieser Woche will er nicht sprechen, aber er ist in Form. «Die Vorbereitung verlief ideal. Die Werte und das Gefühl sind sehr gut», sagt der neben Silvan Dillier beste Schweizer Veloprofi.

Nicht zu unterschätzende Standortbestimmungen

Der 28-jährige Dillier ist seit 2018 ebenfalls in Frankreich, bei AG2R unter Vertrag. Der Aargauer bestritt sein erstes Saisonrennen schon am 6. Februar im Rahmen der Valencia-Rundfahrt, die er als Zweiter der Bergpreiswertung beendete. Seit Samstag nimmt Dillier an der Oman-Rundfahrt teil.

Das alles sind Vorbereitungsrennen von minderer Bedeutung für Profis mit gehobenen Ansprüchen. Aber die Standortbestimmungen sollen nicht unterschätzt werden. Ansehnliche Resultate – auf welcher Ebene auch erzielt – sind Balsam auf die Seele jedes Rennfahrer.

Algarven-Rundfahrt als Annäherung an Paris–Roubaix

Ernst wird es in den Frühlingklassikern in Flandern und im Norden Frankreichs. Paris–Roubaix, das Monument mit dem vielen Kopfsteinpflaster, hat es Küng besonders angetan. Auch Dillier, der in der vergangenen Saison hinter Superstar Peter Sagan den hervorragenden zweiten Platz belegte.

Die Algarve-Rundfahrt ist für Küng die erste rennmässige Annäherung an den Pavé-Klassiker Paris–Roubaix vom 14. April. In Portugal sitzt der ehemalige Profi Frédéric Guesdon als Directeur sportif im Mannschaftswagen Küngs.

Tipps von Altmeister Guesdon

Der heute 47-jährige Franzose ist mit 17 Starts Paris–Roubaix–Rekordteilnehmer (zusammen mit dem Amerikaner George Hincapie). Guesdon ist auch der letzte Franzose, der auf der Rennbahn in Roubaix triumphierte. Das war 1997. Nun steht Guesdon Küng mit Rat und Tat zur Seite. «Wir verstehen uns. Wir haben fast immer die gleichen Ansichten», sagt Küng.

Geldgeber des Rennstalls Groupama ist eine Versicherung. Paris-Roubaix ist im Frühling das mit Abstand wichtigste Rennen für die Franzosen und einheimischen Sponsoren. Neben Küng steht mit Arnaud Démare ein weiterer Klassikjäger im Team. Der Franzose ist endschnell und gewann 2016 Mailand–Sanremo. Küng sagt: «Ich werde mehr in die Fluchtgruppen gehen. Démare ist unser Trumpf, wenn die Entscheidung in den Sprints fällt.»

Der lachende Dritte könnte Silvan Dillier sein.