Das Hauptaugenmerk liegt bei der Erholung. «Es ist getan, was zu tun ist», sagt Matthias Sempach. Mit seinem Formstand ist der Schwingerkönig genauso zufrieden wie mit seinem Saisonverlauf. 13 Feste hat er bestritten, 10 davon Kranzfeste. Stets durfte er zur Krönung niederknien. Sempach sagt, dass das nun nichts zähle. Am nächsten Sonntag werde in Kilchberg derjenige Schwinger gewinnen, der einen perfekten Tag hat. «Die Tagesform ist wichtig. Sie entscheidet.» Er spricht aber auch von einer «königlichen Krönung», die für ihn der Triumph beim alle sechs Jahre stattfindenden Prestigeanlass wäre.

Geschenke kann Sempach in Kilchberg weder von der Einteilung noch von seinen Konkurrenten erwarten. Das stört ihn nicht. Als Schwingerkönig ist das für ihn Alltag. Er weiss allerdings auch, dass es in der langen Geschichte des Hosenlupfs einzig Ernst Schläpfer 1984 geglückt ist, den Kilchberger Schwinget als amtierender König zu gewinnen.

Umso mehr ist der Fokus des Berner Sennenschwingers darauf ausgerichtet, am kommenden Sonntag bereit zu sein. Angst vor dem Versagen und einer Niederlage hat und kennt er nicht. Sempach hat sich vor einem Jahr am «Eidgenössischen» in Burgdorf selbst bewiesen, dass er mit Druck umgehen kann. Bärenstark und ohne Schwäche setzte er sich durch und erfüllte sich seinen Kindheitstraum. «Das höchste der Gefühle», erklärt er, sei das. Ein vergleichbares Hochgefühl wäre für den 28-Jährigen der Triumph am Westufer des Zürichsees.

«Vor sechs Jahren hat wenig gefehlt. Trotz des Gestellten im Schlussgang gegen Christian Stucki sind meine Erinnerungen aber positiv. Keine Frage, ein Sieg am Kilchberger wäre eine grosse Sache, aber mein grösstes Ziel habe ich in Burgdorf 2013 erreicht. Alles, was für mich jetzt noch kommt, ist wie eine Zugabe.»

Mit Kilian Wenger und Titelverteidiger Stucki sieht Sempach zwei der härtesten Konkurrenten im eigenen Teilverband. Er sagt, dass die Berner Schwinger «natürlich die Favoritenrolle tragen». Der Alchenstorfer warnt gleichzeitig, den Tag vor dem Abend zu loben. «Der Sache zu sicher zu sein und die Konkurrenz aus der Ost- und Innerschweiz und vor allem aus der Nordwestschweiz zu unterschätzen, das ist falsch.

 An der Spitze hat sich nichts verändert. Die Leute, die in Burgdorf zu den Favoriten gehörten, sind es auch jetzt wieder.» Dazu komme der Toggenburger Daniel Bösch, der vor einem Jahr wegen eines Kreuzbandrisses passen musste. «Persönlich habe ich auch Bruno Gisler, Mario Thürig und Christoph Bieri auf der Rechnung», so der 194 Zentimeter grosse und 109 Kilogramm schwere Modellathlet.

 Wen er im ersten Gang, dem beim «Kilchberger» eine grosse Bedeutung nachgesagt wird, als Kontrahenten vorgesetzt erhalten wird, wartet Sempach mit Gelassenheit ab. «Um das Fest zu gewinnen, muss ich jeden Gegner schlagen.» Dass der Triumph auf dem Gutsbetrieb «Uf Stocken» schwieriger zu realisieren sei als beim «Eidgenössischen», glaubt er nicht. «Natürlich sind nur die 60 stärksten Schwinger dabei. Auf dem Weg zum Sieg in Burgdorf bekam ich aber auch keine leichten Gegner vorgesetzt.»

 Auf dem Brünig und beim eigenen Kantonalfest schwächelte Sempach zuletzt. Beunruhigen tut ihn das nicht. «Der Grat an der Spitze ist schmal. Man kann sich keine Fehler erlauben. Eine kleine Unaufmerksamkeit und man hat verloren.» Er habe seine letzten Kämpfe, insbesondere die Niederlagen gegen Arnold Forrer auf dem Brünig und Matthias Siegenthaler beim «Berner», analysiert und werde seine Lehren daraus ziehen.

 Die Tatsache, dass er nach seinem Triumph in Burgdorf das Training später als in den Vorjahren aufgenommen hat, habe sich aus seiner Sicht nicht als Nachteil herausgestellt. «Nach dem ganzen Rummel war es wichtig, abzuschalten. Als ich mit dem Training wieder begonnen hatte, habe ich es aber richtig und mit aller Konsequenz gemacht. Das war zwingend und zahlt sich nun aus. Glücklicherweise bin ich bis jetzt auch von Verletzung verschont geblieben.»

Unabhängig davon, wie die Saison endet: Sie ist für Sempach schon jetzt eine erfolgreiche. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Kilian Wenger zeigte er im ersten Amtsjahr als König kaum Schwächen, gewann das Emmentaler und Oberaargauer Gaufest, das Aargauer Kantonalfest, das Südwestschweizer Teilverbandsfest und triumphierte auf dem Weissenstein. Obwohl er sich mit Wenger nicht gerne vergleichen lässt, ist er überzeugt, dass ihm seine Erfahrung zugutekommt. «Ich weiss genau, wie hart Kilian trainiert hat. Er wurde aber mit 20 Jahren Schwingerkönig, ich bin jetzt 28 Jahre alt. Mein Leben hat sich nicht wie bei ihm von 0 auf 100 verändert. In seinem Alter muss man den Körper erst noch kennen lernen.»

Mit Roger Fuchs weiss Sempach ausserdem einen Manager um sich, der ihm den Rücken freihält. So kann er sich auf seine Arbeit im Sägemehl konzentrieren. «Selbstverständlich musste ich lernen, Prioritäten zu setzen und auch Anfragen abzusagen. Dank meinem eingespielten Umfeld habe ich die anspruchsvolle, aber unvergessliche Zeit gut gemeistert.» Der nächste Höhepunkt darf ruhig kommen.