Tour de France
Der nächste Rockstar erobert Bern

Rad Das Gurten-Festival war noch keine 24 Stunden verklungen, da hatte Bern bereits seinen nächsten Rockstar: Peter Sagan.

Michael Forster
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Der Fanklub von Peter Sagan feierte in Bern nicht nur den Sieg ihres Lieblings, sondern auch den Geburtstag seiner Frau Katarina.

Der Fanklub von Peter Sagan feierte in Bern nicht nur den Sieg ihres Lieblings, sondern auch den Geburtstag seiner Frau Katarina.

KEYSTONE

Der 26-jährige Sprint- und Eintagesspezialist mit schulterlanger Haarpracht zeigte in Bern, bei der allerersten Visite der Tour de France überhaupt, allen den Meister. Ganz in Grün spielte der Mann sein ganzes Repertoire, rockte zuerst das Feld, und später zusammen mit seinem Fanklub im Ziel. Um Haaresbreite zwar nur siegte er vor zwei Norwegern, doch das war seinen Anhängern egal. Die feierten ihr Idol, als hätte dieses soeben die Tour gewonnen.

Die Fans des endschnellen Slowaken haben lange vor der Ankunft der Fahrer den besten Riecher und platzieren sich nicht etwa entlang der letzten Meter vor, sondern ein paar Schritte nach der Ziellinie gegenüber dem grosszügigen Podest für die Siegerehrungen. Auf den besten Plätzen kosten sie den Moment dann so richtig aus. Es herrscht beinahe eine Stimmung wie an einem Eishockeyspiel in der nahen Postfinance-Arena. Der Anführer heizt die Menge mit seinem Megafon ununterbrochen an, diese antwortet lautstark mit «Wir sind hier zu Hause» zurück – auf slowakisch, selbstverständlich.

Gesalzene Preise an der Buvette

Eine Woche lang begleitet der Fanklub Peter Sagan während der Tour de France, länger, wirft ein Mitglied ein, sei dies nicht möglich. «Wir müssen zurück zur Arbeit», zudem, ergänzt er, könne man sich einen längeren Aufenthalt ganz einfach nicht leisten. «Ich habe ihm geraten, das Bier im nahen Coop zu besorgen, für 50 Rappen», meint ein anderer Fan, seit längerer Zeit in der Schweiz wohnhaft. Fürwahr: Die Preise entlang dem letzten Kilometer, auf welchem die Organisation der Tour de France die alleinigen Cateringrechte auszuspielen scheint, sind gesalzen. Man hat sich ganz offensichtlich dem Schweizer Standard angepasst und verlangt beispielsweise stolze neun Franken für einen Hotdog. Wie sich später herausstellt, wäre selbiger auch für
fünf Euro zu haben gewesen ...

Dennoch: Wer sich nicht an einer «Buvette officielle du Tour» verpflegen will, der muss laufen – und zwar weit. Entweder weg von der Strecke in Richtung Breitenrainquartier zu den nächsten Läden, oder entlang der unzähligen Distanztafeln und Lautsprecher, vorbei an der Flamme Rouge, dem letzten Kilometer, Richtung Aargauer Stalden. Zwar ist auch hier, rund 1,5 Kilometer vor dem Ziel, noch immer die ganze Strasse mit Absperrgittern und entsprechender Werbung eingekleidet, doch zumindest kulinarisch ist man dem goldgelben Buvetten-Zwang entkommen. Hier gibt es Wurst und Pommes – und kühles einheimisches Bier.

Norwegische Hoffnungen platzen

Doch nicht nur das. Man hat auch den vielleicht besten Überblick auf den letzten zwei Kilometern. In der leichten Rechtskurve kann man praktisch den ganzen Aargauer Stalden überblicken, den letzten Anstieg des Tages. Die Stimmung ist auch in diesem Bereich bestens. Der Strassenrand ist gesäumt, wie man es von der Tour de France eben kennt. Zu dritt, viert, ja fünft stehen die Zuschauer in diesem Abschnitt hintereinander, andere haben sich entschieden, den nicht allzu grossen, aber umso steileren Wiesenabschnitt in unmittelbarer Streckennähe zu besetzen. Eine gute Idee.

Schon lange bevor die ersten Fahrer auf die rund 1200 Meter lange gewaltige Zielgerade auf der Papiermühlestrasse einbiegen, kommt Leben in diesen finalen Abschnitt. Noch vor 12 Uhr beziehen die ersten Fangruppen Position, kleiden ihren Abschnitt an der Palisade mit Karton aus, platzieren bequeme Campingstühle. Doch anders als am Strand, wo bereitgelegte Badetücher meist den halben Tag einfach so daliegen, harren die Fans den ganzen Nachmittag an Ort und Stelle. Spielen Karten, holen sich eine Erfrischung von der Buvette, erzählen sich Geschichten.

Eine grössere Gruppe aus Norwegen, wo der Radsport ungemein populär ist, hat sich bei der 75-Meter-Tafel niedergelassen. Kurz vor 14 Uhr von einem Camping etwas ausserhalb Berns per Bus angereist, hoffen sie auf einen norwegischen Sieg. «Kristoff oder Boasson Hagen», sind sich die beiden älteren Ehepaare einig, sollten es richten. «Doch sehr wahrscheinlich wird es einer aus dem Quartett Sagan, Greipel, Degenkolb oder Cavendish machen. Am ehesten Sagan.»

Sie sollten recht behalten. Und so steigt die Party nicht 75 Meter vor dem Ziel, sondern rund deren 50 dahinter. Zweimal erreicht der Lärmpegel ein ohrenbetäubendes Ausmass, als Sagan für den Etappensieg geehrt, später noch ins grüne Trikot für den Punkteleader eingekleidet wird. Doch die Feier geht weiter, ein «Happy Birthday» wird angestimmt, als Sagans Frau Katarina von der ARD und weiteren TV-Stationen an ihrem Geburtstag interviewt wird. Und immer wieder werden «Peter-Sagan-Sprechchöre» angestimmt und die grosse Banderole mit dem Konterfei des amtierenden Weltmeisters ausgerollt. Mittlerweile sind seit der Siegerehrung mehr als 20 Minuten vergangen – und der Star des Tages wohl schon im Hotel unter der Dusche.

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