Schweizer Nationalmannschaft
Das Phänomen Haris Seferovic und sein nächster Anlauf

Haris Seferovic (25) sucht sein Glück. Manche bezeichnen ihn als «Phänomen», manche sehen ihn als grosses Rätsel. Doch nachhaltig war er noch nie erfolgreich. Wie lange halten die Zeichen auf Besserung diesmal?

Etienne Wuillemin
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Aufregende Zeiten für den Natistürmer: Haris Seferovic beantwortet die Fragen der Journalisten vor dem Spiel gegen Andorra.

Aufregende Zeiten für den Natistürmer: Haris Seferovic beantwortet die Fragen der Journalisten vor dem Spiel gegen Andorra.

Keystone

Manchmal ist Haris Seferovic ein eiskalter Vollstrecker, ein Stürmer, den jeder Trainer gerne im Team hat. Einer, der aus jeder halben Chance ein Tor macht. Tore, die mitunter ziemlich schön anzusehen sind und wichtig obendrein.
Manchmal ist Haris Seferovic aber auch ein zweifelnder Rebell, ein Stürmer, der jeden Trainer zur Weissglut bringt, egal ob auf oder neben dem Platz. Einer, der Chancen zuhauf vergibt, mitunter auch mal mit einer Tätlichkeit auffällt.

Seferovic mit Freundin Amina.

Seferovic mit Freundin Amina.

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Vielleicht trifft es «Phänomen» am besten. Manche sehen in ihm ein grosses Rätsel. Ein Mann, der die Schweiz einst zum U17-WM-Titel geschossen hat. Der an der WM 2014 mit seinem Tor in der Nachspielzeit gegen Ecuador das ganze Land in Euphorie versetzt und die Tür zum Achtelfinal weit aufgestossen hat.

Seferovic einmal nachhaltig erfolgreich?

Haris Seferovic ist erst 25 Jahre alt. Und trotzdem hat er schon mehr erlebt als andere in ihrem ganzen Leben als Fussballer. Er hat in der Schweiz, in Italien, Spanien sowie Deutschland gespielt. Und nun macht er sich auf, Portugal zu erobern.
Benfica Lissabon heisst sein neuer Verein seit diesem Sommer. Und wie so häufig ist ihm der Start prächtig geglückt. In den ersten fünf Spielen hat er vier Tore erzielt. Am letzten Wochenende blieb er erstmals im Benfica-Trikot torlos.

Seferovic feiert mit den Benfica-Fans.

Seferovic feiert mit den Benfica-Fans.

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Die Frage lautet, ob es Seferovic endlich einmal gelingt, nachhaltig erfolgreich zu sein. Die offensive Spielart Benficas kommt ihm entgegen. Er sagt: «Vergleiche sind nie einfach. Aber bei einem Verein wie Frankfurt, der zuerst auf die Defensive achten muss, verbraucht man als Stürmer viel mehr Kraft mit Laufen und Kämpfen. Und dann fehlt einem vielleicht im entscheidenden Moment vor dem Tor genau die Konzentration oder Energie.»

Die neue Heimat gefällt

Seferovic schwärmt von seiner neuen Heimat, von der Sonne vor allem. Mit seiner Freundin Amina hat er leicht ausserhalb der Innenstadt ein Haus bezogen. Die Stadt selbst kennt er trotzdem schon gut. Er erzählt: «Ich erhalte viel Besuch. Und habe darum schon die eine oder andere Busrundfahrt durch Lissabon hinter mir.»

Seferovic lässt es sich gut gehen.

Seferovic lässt es sich gut gehen.

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Sollte Seferovic endlich zur Konstanz finden, so wäre das auch fürs Nationalteam von Vorteil. Acht Tore hat er in 41 Spielen erzielt. Das ist eigentlich zu wenig für sein Talent. Das WM-Qualifikationsspiel gegen Andorra kommt wie gerufen, um sein Selbstvertrauen auch im roten Nati-Trikot wieder aufzubessern.

Haris Seferovic über...

... seine Rolle in der Nati: «Ich habe schon einen gewissen Wert, bin immer dabei. Das ist natürlich top von Herrn Petkovic, dass er auch in schwierigen Zeiten an mir festhält. Die Kollegen machen schon ab und an Spässe, dass ich wieder mal ein Tor schiessen soll (lacht). Wir sind ein ziemlich gutes Team, zeigen häufig schöne Kombinationen. Was noch besser werden muss, ist die Effizienz. Das Spiel gegen Andorra kann darum ein guter Test sein.»

... Petkovics Vertragsverlängerung: «Die Zahlen sprechen für ihn! Es ist schön, dass er bleibt. Es gab Applaus im Speisesaal, als wir von SFV-Präsi Gilliéron höchst persönlich darüber informiert wurden. Eines ist jetzt klar: Der Coach muss uns allen ein Essen zahlen.»

Seferovic findet es gut, dass Petkovic bleiben darf.

Seferovic findet es gut, dass Petkovic bleiben darf.

Keystone

... sein Karriere-Highlight: «Von den Emotionen her war es das Siegestor an der WM im Startspiel gegen Ecuador in der Nachspielzeit. Mein Vater hatte Geburtstag. Vielleicht kommt das Highlight ja an der WM in Russland.»

... den U17-WM-Titel: «Der schwirrt mir noch immer im Kopf herum. Diese Erinnerung kann uns niemand nehmen. Der Titel symbolisiert für mich den Anfang der Profi-Karriere. Die U17 gehört zwar noch zur Kategorie «Jugend», aber der WM-Titel ist trotzdem viel wert, sehr viel sogar.»

... seine Frühform bei Benfica: «Da habe ich jetzt auch keine absolut schlüssige
Antwort bereit. Vielleicht bin ich einfach ein lockerer Typ, der sich schnell integriert und eine neue Mentalität rasch annehmen kann.»

... die Fans bei Benfica Lissabon: «Sie leben für den Verein, kennen nur eines: siegen, siegen, siegen! Schon bei einem Unentschieden sind sie zutiefst enttäuscht. Die Leute lieben den Klub, verehren jeden Spieler, egal, ob er Tore schiesst oder verteidigt oder Ersatz ist. Jeder ist ein kleiner Gott. In der Stadt werde ich rasch erkannt, selbst wenn ich Brille und Kappe trage.»

Benfica Lissabon hat eine grossartige Fangemeinschaft

Benfica Lissabon hat eine grossartige Fangemeinschaft

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... Eusebio: «Er ist eine riesige Legende für die Portugiesen. Davon zeugt auch die Statue vor dem Stadion. Er ist 2014 gestorben, auf einer Stadt-Tour ging ich auch schon sein Grab besichtigen. Einmal habe ich ein Video gesehen, wie sein Sarg ins Stadion da Luz getragen wurde für eine Ehrenrunde. Das ganze Stadion hat geheult. Unglaublich der Respekt. Unglaublich berührend.»

... Cristiano Ronaldo: «Was soll man noch zu ihm sagen? Zuerst: Er ist der Beste der Welt. Er hat sich diese Ehre verdient. Er ist als Fussballer komplett. Körperlich top, schnell, effizient, super Schuss, kopfballstark. Er spielt jahrelang auf Top-Niveau, immer so viele Spiele, immer so viele Tore. Wie können wir ihn stoppen, wenn die Schweiz gegen Portugal spielt? Vielleicht wenn man ihn schnell und viel stört. Am besten wäre, die auf ihn gespielten Bälle abzubeissen. Dann wird er angefressen sein. Wenn wir so gut spielen wie beim 2:0 in der ersten Begegnung mit Portugal, dann haben wir eine Chance.»

«Er ist der Beste der Welt.»

«Er ist der Beste der Welt.»

KEYSTONE/AP/ALEXANDER ZEMLIANICHENKO

... das Spiel gegen Portugal im «Da Luz»: «Es wird schon ziemlich speziell sein, da gegen die Portugiesen zu spielen, wo ich sonst mit Benfica die Heimspiele bestreite. Noch werde ich aber nicht allzu sehr darauf angesprochen. Das ist auch gut so. Jetzt ist nicht Portugal. Jetzt ist Andorra.»

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