Ski alpin

«Das muss brutal sein»: Wendy Holdener und Michelle Gisin über Freundschaft, Unfälle und Medaillen

Michelle Gisin (links) und  Wendy Holdener.

Michelle Gisin (links) und Wendy Holdener.

Sie sind gute Freundinnen, sehen sich sogar als Familie. Wendy Holdener und Michelle Gisin sind aber auch Konkurrentinnen. Vor der Ski-WM in St. Moritz sprechen sie mit der Schweiz am Sonntag über Familie, Sport und die Zukunft.

Ihr beide geltet als Familienmenschen. Seid ihr mittlerweile selbst zu einer Familie geworden?

Wendy Holdener: Irgendwie schon. Wir sind ja schon seit vielen Jahren zusammen unterwegs.

Michelle Gisin: Man lernt sich einfach extrem gut kennen. Man weiss genau, wer was gern hat. Wer was, wann macht. Manchmal denke ich, wir kennen uns fast besser als die eigene Familie, weil wir viel mehr Zeit miteinander verbringen.

Es ist also eine Art Ersatzfamilie?

Holdener: Wir sehen uns teilweise zwei, drei Wochen am Stück, und die Familie zu Hause sieht man in dieser Zeit nicht. Wir erleben gemeinsam sehr viel. Das sind tolle Erinnerungen, die uns für immer bleiben werden.
Wie wichtig ist es, bei all den Reisen jemanden dabei zu haben, der einen so gut kennt und versteht?

Gisin: Die Stimmung in unserem Team ist in dieser Saison enorm gut. Das ist wichtig, weil es eine Dynamik gibt. Nicht nur Wendy und ich verstehen uns sehr gut, mit allen im Team funktioniert es super. Es ist eine coole Gruppe, die super harmoniert, und das ist sehr viel wert. Weil wir eine Einheit sind.

Michelle, beschreiben Sie Wendy als Menschen.

Gisin: Sie ist sehr ehrlich und ehrgeizig. Sie verfolgt immer ihre Ziele. Gleichzeitig weiss man bei ihr immer, woran man ist. Das ist sehr, sehr viel wert. Gerade, wenn man so viel miteinander unterwegs ist, ist es sehr wichtig, dass man nicht Dinge hinter dem Rücken des anderen verbreitet. Das macht Wendy nie.

Holdener: Das ist lieb von dir.

Und was zeichnet Michelle aus?

Holdener: Michelle investiert sehr viel in den Skisport. Ich finde es darum sehr interessant, mich mit ihr über den Sport auszutauschen. Aber ich kann mit ihr auch gut über Gott und die Welt sprechen. Wir philosophieren dann oft zusammen, weil sie viel mehr weiss als ich. Kurz: Ich bin extrem gern mit ihr zusammen.

Gisin: Wir sprechen wirklich sehr oft zusammen. Dass wir manchmal sogar philosophieren, trifft es eigentlich ganz gut. Oft enden die Diskussionen dann auch ziemlich lustig. Egal, bei welchem Thema.

Gemeinsam ist euch beiden auch, dass eure Geschwister mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten oder haben. Wendy, Ihr Bruder Kevin litt an Krebs. Bei Ihnen, Michelle, war Ihre Schwester Dominique, aber auch Bruder Marc oft schwer verletzt. Wie sehr leidet man mit den Geschwistern?

Holdener: Ich habe Michelle erlebt, als ihr Bruder Marc in Kitzbühel (2015; die Red.) schwer gestürzt ist. Oder ich war bei Stürzen von Dominique an ihrer Seite. Diese Unfälle im Fernsehen live zu sehen, gleichzeitig aber so weit weg zu sein, war für Michelle ein echter Horror. In diesem Bereich hat sie viel mehr erlebt als ich.

Gisin: Also in Bezug auf den eigenen Sport. Denn die Stürze meiner Geschwister sind natürlich nicht mit der Krankheit von deinem Bruder zu vergleichen.

Holdener: Es muss aber brutal sein, wenn man sieht, wie der Bruder oder die Schwester schwer stürzt. Mein Bruder hat es durch die Krankheit nicht in den Weltcup geschafft. Wir hatten als Kinder das gleiche Hobby, den Skisport. Diese gemeinsame Leidenschaft hat uns sehr verbunden. Und diese Verbundenheit hat uns dann auch sehr geholfen, die schwierige Phase seiner Krebserkrankung zu überstehen. Ich glaube, das, was Michelle erlebt hat, und das, was ich erlebt habe, lässt sich eigentlich nicht vergleichen.

Gisin: Wendy war manchmal weit weg von zu Hause, wenn es schlechte Nachrichten von ihrem Bruder gab. Das sind Momente, wo man am liebsten zu Hause wäre. Bei mir war es am schwierigsten, als sich Marc in Kitzbühel bei seinem Sturz am Kopf verletzt hatte. Das ist nochmals eine emotionale Liga höher als zum Beispiel eine Knieverletzung. Wenn man Angst um das Leben seiner Liebsten hat, ist das brutal. Dann ist das Team, sind wir gegenseitig, sehr wichtig für einander.

Wie könnt ihr in so einer Situation helfen?

Holdener: Manchmal geht es nur darum, Ablenkung zu finden. Oder es geht darum, jemanden aus den Gedanken der Angst zu befreien. Es sind kleine Dinge, die aber sehr guttun in diesem Moment.

Gisin: Das Team ist einfach immer da. Sonst ist es ja die Familie, die in guten, aber auch in schlechten Zeiten zu einem hält. Weil der Sport so emotional ist, erlebt man als Team sämtliche Gefühle zusammen. Vom absoluten Hoch bis zum enormen Tief. Das ist eine sehr intensive Form des Zusammenlebens.

Funktioniert das auch bei sportlichen Hochs und Tiefs?

Gisin: Natürlich. Manchmal, wenn es mir in einem Rennen schlecht läuft, Wendy aber auf das Podest fährt, baut auch mich das wieder auf.

Apropos Podest. Michelle, Sie fuhren in der Kombi in Val d’Isère erstmals in die Top drei. Was hat sich verändert?

Gisin: Ehrlich gesagt, nichts. Natürlich, die Perspektive ist etwas anders, wenn man dort oben auf dem Podest steht, als wenn man von unten der Siegerehrung zuschaut (lacht). Aber ich bin immer noch ich.

Die Erwartungen sind nicht gestiegen?

Gisin: Danach kam eine Phase, in der es nicht so gut lief für mich. Manchmal weiss man gar nicht, wieso. Aber dann sehe ich Wendy, ihre Konstanz, und weiss, dass der Weg, den wir als Team gehen, stimmt. Dass man regelmässig Podestplätze erreichen kann. Für mich ist es extrem wertvoll, den Vergleich mit ihr zu haben. Sie macht uns alle besser. Und es beweist, dass wir richtig arbeiten.

Wendy, Michelle hat Ihre Konstanz angesprochen. Haben Sie sich an Podestplätze gewöhnt?

Holdener: Man darf sich nicht daran gewöhnen. Im Sport geht alles so schnell. Es ist schön, dass ich so regelmässig auf dem Podest gestanden bin in diesem Winter. Aber selbst wenn ich auf dem Podest stehe, frage ich mich, wo habe ich noch Zeit verloren? Warum hat es nicht für den Sieg gereicht? Man darf nicht beginnen, das Erreichte als Selbstverständlichkeit zu sehen. Beim ersten oder zweiten Mal auf dem Podest hat man vielleicht das Gefühl, es ist einfach genial. Aber mittlerweile will ich mehr.

Was ändern die Erfolge im Hinblick auf die Heim-WM im Februar in St. Moritz?

Holdener: Mein Ziel war, mehrmals auf das Podest zu fahren, bevor die WM beginnt. Das habe ich jetzt mehr als erreicht. Jetzt kann ich nur versuchen, das an der WM umzusetzen. Ich will alles so tun wie immer.

Gisin: Man muss versuchen, den WM-Rennen nicht den ultimativen Stellenwert zu geben. Ich weiss, das tönt jetzt komisch. Es ist aber das Rezept. Es ist einfach ein weiteres Rennen im langen Winter.

Der zweite Weltcup-Sieg von Wendy Holdener (Kombination Lenzerheide 2016)

Der zweite Weltcup-Sieg von Wendy Holdener (Kombination Lenzerheide 2016)

Habt ihr also keinen Respekt vor dem Rummel an der WM?

Gisin: Doch, schon ein wenig. Aber wir haben bereits Erfahrung im Umgang mit Rummel. Die WM 2013 in Schladming lässt sich nicht mehr überbieten. Die Österreicher sind einfach noch einen Zacken verrückter als wir Schweizer. Die Stimmung, die Fans, das hat bei mir für Gänsehaut gesorgt. Wir Schweizer sind eher bodenständig, oder weniger am Durchdrehen wegen einer Ski-WM. Das, kombiniert mit den Erfahrungen, die wir schon gesammelt haben, gibt eine gewisse Ruhe.

Holdener: Ich glaube, dass es ein Vorteil wird, dass der Schweizer Verband weiss, dass er uns Athletinnen etwas abschirmen muss. Damit wir uns so gut es geht auf das Skifahren konzentrieren können.

Gisin: Vielleicht ist es sogar ruhiger, als wir es jetzt denken.

Träumt ihr von einer WM-Medaille in St. Moritz?

Holdener: Ich habe mir schon überlegt, was wäre wenn.

Gisin: Natürlich träumt man manchmal davon.

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