Super League

Das letzte Spiel von Steve von Bergen: Der Abgang eines grossen Captains

Steve von Bergen: Was gibt es Schöneres, als mit der Meistertrophäe abzutreten?

Nach 19 Jahren beendet Steve von Bergen seine Karriere. Zuvor gibt er Einblick in seine Gefühlswelt und erzählt aus seinem Leben.

Ein Spiel noch. Dann ist die Karriere vorbei, liegen 19 Jahre Profifussball hinter ihm und es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Aber noch wartet ein letzter Höhepunkt auf den YB-Captain. Nach der Partie gegen den FC Luzern wird Steve von Bergen am Smastagabend den «Kübel» wie im Vorjahr in die Höhe stemmen, und die Fans werden ihm und der Mannschaft zujubeln.

Zwei Tage zuvor sitzt Von Bergen in einem leuchtend gelben YB-Shirt an einem Tisch im Bauch des Stadions. Er weiss, er gibt eines seiner letzten Interviews als Spieler. Im Juni wird er 36 Jahre alt und sein Körper hat ihm empfohlen, die Laufbahn zu beenden. Als der Neuenburger beginnt, aus seinem Leben zu erzählen, sprudeln die Sätze wie ein Wasserfall:

 «Was ich am kommenden Montag mache? Zu Hause im Garten arbeiten. Meine Frau hat mich vorgewarnt. Es sei alles vorbereitet, dass ich gleich damit beginnen könne. Sie weiss natürlich, dass ich schon nach ein paar Tagen ohne Sport und Bewegung gestresst bin.

Die Entscheidung, die Karriere zu beenden, reifte während Wochen. Wenn ich nach Bern ins Training fuhr, habe ich siebenmal meine Meinung geändert: Spiele ich weiter für YB? Gehe ich zu Xamax? Mache ich Schluss? Eines Morgens stand ich auf und sagte: ‹Okay, ich höre auf!› Hätte ich nur auf das Herz gehört, hätte ich weitergespielt.

Ein Teil von mir ist traurig

Aber der Körper hat eine andere Sprache gesprochen. Erstmals in meiner Karriere habe ich physisch gelitten, brauchte viel Zeit für die Erholung und hatte nach dem Aufstehen Schmerzen. Die vielen Spiele mit der Champions League, der Kunstrasen … Ich erkannte, dass ich in der nächsten Saison nicht mehr die bisherige Leistung erbringen würde.

Seit ich meinen Entschluss gefasst habe, bin ich viel ruhiger. Und es ist ja auch schön, mit zwei Meistertiteln abzutreten. Es wird noch einmal ein besonderer Moment sein, wenn ich am Samstagabend vom Klub verabschiedet werde und den Pokal in den Händen habe. Ich weiss nicht, wie ich darauf reagieren werde.

Natürlich beschäftigt mich dieser Abschied sehr. Ein Teil von mir ist traurig. Ich werde vieles vermissen, das Training, die Kabine, die Copains. Der grössere Teil in mir aber freut sich auf das, was kommt. Auf die Familie und die Freizeit. Ich kann essen, was ich will und muss nicht mehr früh ins Bett.

Davon hatte ich als Junior geträumt

Ich bin mir bewusst, was für ein Riesenprivileg es war, 19 Jahre lang Fussball spielen zu dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch vielen Personen wie meinem Juniorentrainer Christophe Moulin. Er hatte mir einst erklärt, im Fussball gebe es Künstler und Arbeiter. Ich aber würde nicht zur ersten Kategoriegehören. Dieser Satz hat mich die ganze Karriere über begleitet. Ich wusste immer, dass ich nicht so viel Talent besass und mehr arbeiten musste, als die anderen, um auf das gleiche Niveau zu kommen.

Ich habe aus meinen Möglichkeiten das Maximum herausgeholt, war gut im Lernen. 80 Prozent meiner Karriere verdanke ich meiner Mentalität, nicht dem Talent. Ich bin Alain Geiger ewig dankbar, dass er mir damals bei Xamax eine Chance gegeben hat. Davon hatte ich als Junior geträumt. Lucien Favre als Trainer zu haben, war das Beste, was mir passieren konnte. Er hat mich zu dem Spieler gemacht, der ich bin. Er hat mich vom FCZ zu Hertha in die Bundesliga mitgenommen.

Eine Ehre

Dass ich einmal im Ausland spielen würde, neben Hertha gab es ja noch die Serie A mit Cesena und Palermo, hätte ich nie für möglich gehalten. Genauso wenig, einmal Nationalspieler zu werden. Bei der WM in Südafrika mit dem 1:0-Sieg gegen Spanien dabei zu sein, war das Grösste. Wie der 2:1-WM-Erfolg gegen Ecuador vor 70 000 Zuschauern in Brasilia. Solche Emotionen erlebst du nur im Fussball.

Wenn ich daran denke, wie wir vor einem Jahr mit YB gegen Luzern Meister wurden, als Wölfli den Penalty hielt und Nsame uns kurz vor Schluss zum Titel schoss … Ich bin glücklich, dass ich solche Momente erleben durfte. Es war mir eine Ehre, YB-Captain zu sein. Ich habe immer versucht, auch jene Spieler, die unzufrieden oder unglücklich mit ihrer Situation waren, aufzubauen. Ich musste bei YB fünf Jahre auf den ersten Titel warten. Dass wir es geschafft haben, die Mentalität zu ändern, den FC Basel an der Spitze des Schweizer Fussballs abzulösen und in dieser Saison 88 Punkte zu holen, macht mich stolz.

Bald Trainer?

Jetzt brauche ich etwas Zeit und Abstand, um alles zu verdauen. Die 19 Jahre sind wie im Flug vergangen. Ich werde mit der Familie verreisen und Freunde besuchen. Aber ich kenne mich und weiss, dass ich bald neue Herausforderungen brauche. Ich bin YB dankbar, dass ich bei diesem Klub meinen Weg suchen darf. Es kann gut sein, dass ich Trainer werde. Vielleicht, um junge Verteidiger auszubilden oder um später ein Profiteam zu führen.

Meine siebenjährige Tochter hat mich gefragt: «Papi, was muss ich antworten, wenn mich andere fragen, was mein Papi von Beruf ist?» Ich habe gesagt: «Schatzi, ich weiss nicht so recht. Zu sagen, er sei pensioniert, tönt seltsam. Vielleicht sagst du einfach: Er ist ein ehemaliger Fussballspieler.»

Die Berner Fans wissen, was sie dem Neuenburger zu verdanken haben.

Die Berner Fans wissen, was sie dem Neuenburger zu verdanken haben.

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