Super League

Das Leiden des Captains: Wegen einem Kreuzbandriss verpasst Dennis Hediger den Cupfinal mit Thun

Stundenlang trainiert Dennis Hediger, gerade auch während seiner Verletzung.

Keiner verkörpert den FC Thun so sehr wie Captain Dennis Hediger. Wegen eines Kreuzbandrisses verpasst der wohl fitteste Spieler der Super League den Cupfinal gegen den FCB und somit ein Karriere-Highlight. Für sein Comeback leidet Hediger jeden Tag – und wird von seinem Team schmerzlich vermisst.

Dennis Hediger leidet. Seit dem 10. Februar, seit dem Derby gegen die YB, seit seiner Verletzung ist der Schmerz sein täglicher Begleiter. Es läuft die 85. Minute, als Djibril Sow Hediger aufs rechte Bein fällt.

Die Diagnose: das vordere Kreuzband gerissen, das hintere angerissen, das Innenband zerfetzt. «Dass mein Meniskus nicht kaputt ging, sei nicht normal, meinte der Arzt. Da habe ich wohl von meinen Muskeln profitiert», sagt der Thun-Captain. Kein Spieler der Super League ist so durchtrainiert wie er, keiner so muskulös.

Schon vor der Diagnose war klar, dass Hediger lange fehlen wird. Eine Situation, die er nicht kannte. Während der letzten fünf Jahre hat er kaum ein Training verpasst. Bei Spielen hat er nur gefehlt, wenn er gesperrt war.

Fit gespritzt

Letzte Saison hat er sich zweimal innert dreier Monate die Hand gebrochen. Gespielt hat er trotzdem immer. Fit gespritzt. Jetzt musste er pausieren. Die ersten sechs Wochen durfte er wegen des Innenbandrisses das rechte Bein nicht belasten.

«Die Muskulatur war weg», sagt der Mann, der sich über seine Muskulatur definiert wie kein Zweiter. Trotzdem startete er das Projekt «Comeback» schon am ersten Tag. Kein Training – das gibt es bei Hediger nicht. Sein steter Begleiter: der Schmerz. «Jede Übung, jede Pflege, jeder Tag hat geschmerzt.»

Nicht wichtiger als das Team

Sein grösstes Leiden aber, so hat man das Gefühl, muss es sein, dass er den Cupfinal verpasst. Es wäre nicht nur sein bisheriges Karriere-Highlight, es ist auch für den FC Thun, für den Verein ein Höhepunkt.

Erst ein Mal, 1955 gegen La Chaux-de-Fonds, standen die Berner Oberländer in einem Cupfinal. Gewonnen haben sie noch nie. «Wir haben die Chance erstmals in der Vereinsgeschichte einen Pokal zu holen. So blöd es tönt, aber ich habe kein Problem, dass ich nicht dabei bin. Ich habe einfach nur Freude, dass wir das erleben dürfen», sagt Hediger.

Soll man das glauben? Man muss. Hediger ist kein Spieler, der sich wichtiger nimmt als sein Team. Sollte Thun der grosse Coup gelingen, Hediger hätte seinen Anteil an diesem Erfolg. Das weiss er. Und er behauptet auch nicht, dass er sein Ausfallen einfach so weggesteckt hätte.

Seit elf Spielen ohne Sieg

«Wir hatten im Sommer kaum Wechsel. Ich war überzeugt, dass wir die beste Saison spielen, seit ich bei Thun bin. Gelingt das nicht, dann wäre das sehr schade», gesteht er.
Das Schicksal scheint es nicht gut zu meinen mit Hediger.

Seit der Captain nicht mehr spielt, hat der FC Thun von 16 Spielen nur noch 4 gewonnen. Darunter der Cup-Viertelfinal gegen Lugano und der Halbfinal gegen Luzern. In der Meisterschaft blieben die Berner Oberländer während elf Spielen ohne Sieg.

«Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Dennis’ Verletzung und der Resultatkrise. Jede andere Behauptung wäre realitätsfremd», sagt Thun-Trainer Marc Schneider.
Hediger hat ein Vakuum hinterlassen.

Das Herz der Mannschaft

Er mag kein Fussball-Ästhet sein, aber Hediger war und ist so etwas wie das Herz, die Lunge und das Hirn dieser Mannschaft. Er geht in jeden Zweikampf, er rennt bis zum Umfallen, coacht seine Kollegen. «Seine grösste Qualität ist, dass er seine Mitspieler besser macht», sagt Schneider.

Das kleine Thun braucht ein Wunder, um gegen den grossen FC Basel gewinnen zu können. Umso mehr, weil man auf Hediger verzichten muss. Frühestens im August ist er zurück. Wenn alles nach Plan läuft. Das soll es. Dafür schwitzt er jeden Tag. Von 8.30 bis 16 Uhr.

Dennis Hediger: Mit kleinen Schritten zurück an die Spitze.

Krafttraining, kühlen, Kompressionen anbringen. Dann eine kurze Pause. Danach geht er in die Physiotherapie, macht Stabilitätsübungen, trainiert Beweglichkeit und Koordination, arbeitet an der Grundlagenausdauer.

Dennis Hediger kann und will nicht aufgeben: Von 8.30 bis 16 Uhr trainiert der FC Thun-Captain täglich.

Dennis Hediger kann und will nicht aufgeben: Von 8.30 bis 16 Uhr trainiert der FC Thun-Captain täglich.

Von Montag bis Samstag. Bis auf diese Woche. Da war er für vier Tage mit seiner Frau Yinny und den beiden Töchtern in Spanien. Um über Fitness zu referieren, Erfahrungen zu teilen.
Mit seiner schweren Knieverletzung sind neue Erfahrungen hinzugekommen.

Eine Einstellungssache

Zuerst war er überwältigt von der riesigen Anteilnahme. Aus allen Klubs kamen Genesungswünsche, von Fans aller Couleur. «Es war, als hätte ich Thun in die Champions League geschossen. Oder ein Medikament gegen Krebs erfunden. Das war wirklich sehr schön», sagt er.

Doch Hediger wäre nicht Hediger, wenn er sich darin suhlen würde. Er ging den Genesungsprozess an wie alles andere: mit voller Hingabe und absoluter Professionalität. Seine Erkenntnisse teilt er in kurzen Videobeiträgen auf seiner Website. Quasi nebenbei treibt er auch sein Fitness-Business voran. Denn Leiden ist Einstellungssache.

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