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Das Kind im Manne – auch deshalb ist Ancillo Canepa eher Segen als Fluch für den FCZ

Der FC Canepa alias FC Zürich steckt wieder einmal in der Krise. Trotzdem: Ein Plädoyer für den unbeugsamen Präsidenten.

Haben Sie je von einem Kind gehört, es wolle Wirtschaftsprüfer werden? Fussballer ja. Aber doch nicht Wirtschaftsprüfer. Auch Ancillo Canepa träumt von einer Profikarriere im Rampenlicht. Aber er wird Wirtschaftsprüfer. Ein Brotjob. Seine Leidenschaft bleibt der Fussball.

Canepa saugt alles auf, was mit Fussball zu tun hat. Insbesondere das, was in Deutschland passiert. Seine «Kicker»-Sammlung reicht bis zur Erstausgabe von 1952 zurück. Und als er genug Geld hat, kauft er sich in Berlin eine Wohnung. Nicht primär wegen des kulturellen Angebots. Sondern weil er die Spiele von Hertha gucken will.

Hat eine bewegte Zeit hinter sich: FCZ-Präsident Ancillo  Canepa.

Hat eine bewegte Zeit hinter sich: FCZ-Präsident Ancillo Canepa.

Wenn sich einem Fussballverrückten die Möglichkeit bietet, mit etwas über 50 doch noch im Fussball mitzuwirken, hält er die Füsse nicht still. Für Canepa ist die Opportunität die späte Erfüllung eines Kindheitstraums. Die Stunden, die er in Stadien, vor der Glotze oder beim Schmökern in Magazinen verbrachte, kann man nicht zählen. Mitfahren ist ja schön. Aber so richtig spassig wird es doch erst, wenn man selbst am Steuer sitzt. Rein in die Welt der Hackentricks und Heckenschützen.

Es ist Ende 2006, als Canepa den legendären Sven Hotz beim FC Zürich als Präsident ablöst. Nach Jahrzehnten der Tristesse surft der Klub gerade auf einer Welle. Es ist eine aufregende, eine glorreiche Zeit. Meistertitel, später Champions League. Der FCZ bewegt wieder: die Menschen, die Sponsoren, irgendwie alle, die sich für Fussball interessieren, nicht wie früher bloss die alternative Szene.

Grosses Herz und dickes Portemonnaie

Heute, 14 Jahre später, ist einiges anders. Der sportliche Erfolg ist ebenso nur noch eine Erinnerung wie die Anziehungskraft. Geblieben sind der Präsident und die Hoffnung, irgendwann einmal in ein echtes Fussballstadion umzuziehen, wie sie es in anderen Städten längst gemacht haben. Immerhin funktioniert das Geschäft mit dem Verkauf von Spielern – sprich die Nachwuchsförderung – immer noch gut. Aber eigentlich ist der Klub kaum einen Schritt weiter als vor 14 Jahren. Im Gegenteil.

Dabei startet Canepa mit hehren Zielen. Nach wenigen Monaten sagt er: «Ich will gemeinsam mit meinem Kollegen René Strittmatter den FCZ auf eine breite Basis stellen, die langfristig tragfähig ist. Das Ziel lautet: wirtschaftliche Stabilität.» Strittmatter ist längst Geschichte. Die breite Basis, das sind Ancillo und Heliane Canepa, und die wirtschaftliche Stabilität garantieren einzig die Finanzspritzen des Ehepaars, die sich je nach Quelle auf 30 bis 40 Millionen Franken summiert haben. Ziel nicht erfüllt. Was solls? Es ist das Geld der Canepas.

Polemisch formuliert, hat der FCZ ein Fanproblem – es heisst Canepa. Die Fan-Attitüde hat der 67-Jährige bis heute nicht abgelegt. Das mag befremden. Weil sich andere Funktionäre stets diplomatisch und politisch korrekt äussern, nie etwas anbrennen lassen, aber kaum je wirklich etwas sagen. Canepa hingegen ist feurig, hochemotional. Er versucht nicht mal, das zu kaschieren. Man kann es auch authentisch nennen. Fadengerade. Wenn seine Spieler grottig kicken, verlässt er schon mal das Stadion vor dem Schlusspfiff. Wenn ein Journalist etwas schreibt, das ihm nicht passt, ist er ein Ahnungsloser. Da verwundert es nicht, dass ein Streit folgte – meist ging es um Prämienzahlungen –, wenn er sich von den Trainern Lucien Favre, Urs Fischer, Rolf Fringer oder Uli Forte trennte.

Canepa musste vor kurzem Trainer Ludovic Magnin entlassen.

Canepa musste vor kurzem Trainer Ludovic Magnin entlassen.

Eben erst hat Canepa mit Ludovic Magnin wieder einen Trainer freigestellt. Die Geschichte, wie es 2010 überhaupt zur Anstellung des Spielers Magnin kam, zeigt, wie emotional getrieben dieser ewige Fussballfan Canepa bisweilen handelt. Eigentlich hatte er null Interesse an einer Verpflichtung Magnins. Aber Magnin wusste offenbar, wie er das Interesse Canepas gewinnen konnte. Mit Geschichten und Anekdoten aus acht Jahren Bundesliga. Am Ende des Tages unterschrieb Magnin einen Vertrag mit dreieinhalbjähriger Laufzeit. Canepa indes wachte mit der Befürchtung auf, eine Fehlentscheidung getroffen zu haben.

Andere spielen virtuell, Canepa hat den FCZ

Später, als Magnin zum Cheftrainer befördert wurde und die Mannschaft bald stagnierte, war es nicht von Nachteil, dass er die Nähe zum Präsidenten suchte, ihn an seinen Überlegungen teilhaben liess. So soll er vor den Partien jeweils die Aufstellung mit Canepa besprochen haben. Andere müssen sich mit einem virtuellen Fussball-Manager-Game begnügen. Canepa hat den FCZ.

Zeitgemäss sind die Strukturen beim FC Zürich nicht. Frühere Gefährten monieren, die Canepas würden nur Ja-Sager um sich scharen. Andere begründen die Machtfülle der Canepas mit Querelen und Intrigen, die früher in der Führungsetage beim FCZ geherrscht haben sollen. Fakt ist: Seit 2013, als Heliane Canepa offiziell eingestiegen ist, sind 90 Prozent der Aktien im Familienbesitz.

Canepa macht keinen Hehl daraus, seine Position zu geniessen. Deshalb schreckt er alle Berater erst mal mit horrenden Forderungen ab, wenn sie ihn mit einem Kaufinteressenten konfrontieren. Primär sei die Machtkonzentration ein Segen, sagt er.

Er mag polarisieren, irritieren. Er mag sturköpfig und herrisch wirken. Und natürlich macht er Fehler. Für diese steht er aber auch immer gerade. Das allein ist grosse Klasse.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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