Triathlon

Daniela Ryf: «Für wahren Luxus braucht es nicht immer Geld»

Daniela Ryf läuft dem Sieg beim Ironman auf Hawaii entgegen.

Daniela Ryf läuft dem Sieg beim Ironman auf Hawaii entgegen.

Den Ironman auf Hawaii hat Daniela Ryf in überragender Manier gewonnen. Als Nächstes geht es für die 28-jährige Solothurnerin beim Triathlon in Bahrain um eine Million Dollar.

Daniela Ryf, was machen Sie mit einer Million Dollar?

Daniela Ryf (lacht): Eine gute Frage. Konkrete Pläne habe ich keine. Das Naheliegendste wäre wohl, eine Wohnung oder ein Häuschen an einem Ort zu kaufen, wo man auch gut trainieren kann.

Wohnen Sie jetzt noch bei Ihren Eltern?

Ich lebe in einer kleineren Wohnung in Feldbrunnen. Seit Juni war ich aber praktisch nie mehr dort. Es ist mir trotzdem sehr wichtig, dass ich mein eigenes Daheim habe und dass dieses nahe bei meiner Familie und meinen Freunden in Solothurn ist. Dort fühle ich mich so richtig zu Hause.

Auch ohne Bahrain haben Sie 2015 so viel Preisgeld verdient – rund eine Viertelmillion Dollar – wie noch nie in Ihrem Leben. Was bedeutet Ihnen Geld?

Geld macht mich nicht schneller. Aber es ist für mich doch sehr befriedigend, dass mein enormer Aufwand jetzt auch sehr gut entschädigt wird. Ich erlebte Jahre, in denen ich mit demselben Aufwand nicht vorne dabei war. Ich gebe aber in jedem Rennen mein Bestes – unabhängig, ob ein hohes Preisgeld zu holen ist oder es um den WM-Titel geht.

Was war der letzte Luxus, den Sie sich gegönnt haben?

Das war diesen Freitag. Ich war mit meinen Freunden und meiner Familie hier auf Hawaii den ganzen Tag am Strand. Das war für mich etwas Besonderes. Es war der erste Tag, an dem ich keine Mails gecheckt habe, keine Pressetermine hatte und auch nicht trainiert habe. Das war für mich nach der langen Vorbereitung, der ganzen Anspannung und dem harten Rennen wahrer Luxus.

Und ohne dass es etwas gekostet hat!

Für wahren Luxus braucht es nicht immer Geld.

Wie profitieren Sie als Sportlerin vom höheren Einkommen?

Ich habe schon immer viel in mein Training investiert. Auch mit einem etwas teureren Trainer zusammenzuarbeiten, war es mir stets wert. Wenn man etwas mehr Geld zur Verfügung hat, überlegt man sich, einen zusätzlichen Betreuer mitzunehmen oder einen eigenen Masseur. Oder man bucht auf einem längeren Flug Business-Class anstatt Economy. All das sehe ich als Investment in meine Karriere. Es zahlt sich mit guten Leistungen wieder zurück.

Business-Class war bei Ihnen bisher noch nicht Standard?

Es ist es auch heute noch nicht. Ich überlege mir bei jedem Flug, ob es Sinn macht. Für einen zehnstündigen Langstreckenflug war es auch schon vor zwei Jahren eine Überlegung wert. Ich habe jeweils die Rechnung gemacht: Lohnen sich 1000 Franken mehr Ausgaben? Wenn man dadurch Erste und nicht Zweite wird, war es die Investition wert.

Welches Verdienst hat Ihr australischer Trainer Brett Sutton am Erfolg?

Einen der grössten Teile des Erfolgs. Wir haben die Zusammenarbeit vor zwei Jahren gestartet und er hat bei mir ein neues Türchen aufgemacht. Er hat mich nicht nur sportlich extrem viel weitergebracht, sondern auch mental. Und auch, wie ich den ganzen Profisport heute betrachte. Ich habe schon früher sehr gerne sehr hart gearbeitet, aber teilweise zu verbissen.

Ich hatte einen ungeheuren Willen, gab aber meinem Körper nicht die notwendige Zeit zur Erholung. Brett fordert mich zwar ebenfalls sehr, er ermöglicht mir aber auch die Erholung. Für mich ist das Ganze manchmal selber schier unglaublich. Ich habe gar nicht das Gefühl, dass ich so viel stärker bin als vor zwei Jahren. Ich fokussiere mich auf die einzelnen Trainings und bin am Wettkampf selbst erstaunt, wie gut es herauskommt.

Wann haben Sie eigentlich zum letzten Mal ein Rennen nicht gewonnen?

Das war vor einem Jahr in Hawaii, als ich Zweite wurde.

Siegen generiert Selbstvertrauen: Wie wirkt sich dieses bei Ihnen aus?

Siegen ist wie eine Bestätigung der Arbeit, die man gemacht hat. Das Rennen ist der schöne Teil am Sport. Im Training arbeitet man dafür und am Renntag ist dann Showtime! Siegen generiert auch Vertrauen in die Zusammenarbeit mit dem Trainer. Dass ich heute dem Druck an einem wichtigen Rennen standhalten kann, ist sicher auch ein Verdienst meines Trainers. Im Fokus unserer Zusammenarbeit ist nicht das Gewinnen, sondern das Zeigen der bestmöglichen Leistung. Trotzdem erstaunt es mich, wie schnell während eines Trainingsblocks trotz all des Erfolgs bei mir wieder Zweifel aufkommen. Ich strebe auch im Training nach Perfektion und habe oft das Gefühl, dass es gar nicht so gut läuft. Erst im Rennen werde ich dann jeweils daran erinnert.

In neun Wettkampfstunden bleibt viel Zeit für Gedankenspiele. Was kam Ihnen während des Rennens auf Hawaii alles in den Sinn?

Man denkt Schritt für Schritt: Wie viel habe ich getrunken? Wann braucht es das nächste Gel? Viel ist auf die Ernährung fokussiert. Dazu kommen die «Ängeli-Tüüfeli-Überlegungen». Wenn ich zum Beispiel auf dem Velo schon recht «drücke» und die Konkurrentinnen zehn Meter hinter mir sind, dann frage ich mich: «Leiden die jetzt auch schon so oder fühle ich mich einfach schlecht?» In solchen Momenten konzentriere ich mich auf mich selber und gehe davon aus: Wenn es mir wehtut, dann tut es denen auch weh.

Wann hört an einem Ironman unterwegs eigentlich die Qual auf und fängt der Genuss an – oder umgekehrt?

Unterwegs ist das Rennen vor allem eine mentale Herausforderung. Man denkt step by step. Erst auf den letzten zwei Kilometern konnte ich es geniessen. Dort habe ich realisiert, dass ich gewinnen werde. In diesem Moment spürt man die Schmerzen nicht mehr gross. Man freut sich und ist irgendwie auch erleichtert. Es kommen viele Emotionen hoch. Nach dem Rennen spürt man schnell eine Müdigkeit. Es bleibt mein Ziel, dass ich es eines Tages schaffe, am Morgen nach dem Ironman flink aus dem Bett zu hüpfen und die Joggingschuhe zu montieren (lacht herzhaft). Es wird wohl ein ewiges Ziel bleiben.

Die Solothurner Triathletin Daniela Ryf gewann das wichtigste aller Ironmanrennen auf Hawaii.

Die Solothurner Triathletin Daniela Ryf gewann das wichtigste aller Ironmanrennen auf Hawaii. Der Beitrag von «TeleM1».

Eigentlich müssten Sie jetzt ja zurücktreten: Besser als perfekt am bedeutendsten Triathlon der Welt kann man es nicht machen!

Mit 28 Jahren wäre das doch etwas früh. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich bereits das Maximum aus mir herausgeholt habe. Einige Ideen bleiben.

Welche Ziele warten noch auf Sie?

Meine Motivation, wieso ich am Morgen aufstehe und trainiere, ist nicht, ein Rennen zu gewinnen. Ich will herausfinden, wie schnell ich auf der Ironman-Distanz sein kann. Das ist meine Vision. Ich möchte so schnell sein wie die Weltrekordhalterin Chrissie Wellington. An ein solches Rennen kann man aber nicht nur mit dem Ziel, schnell sein zu wollen.

Die Denkweise, die man an einem Ironman haben muss, ist eine Lebensschule und prägt mich auch im Studium. Auch dort ist man schnell überfordert, wenn man daran denkt, was alles noch auf einen zukommt. Fokussiert man aber nur auf die nächste konkrete Aufgabe, dann kommt man schneller vorwärts und ist mental viel konstanter.

Es folgt die Challenge Bahrain, wo es für Sie um die Prämie von einer Million-Dollar geht. Wie sieht Ihr Programm bis zum 21. November aus?

Am Samstag begann mein Aufbautraining für Bahrain. Bis zum Donnerstag bleibe ich noch auf Hawaii. Danach geht es für drei Wochen nach Thailand – wegen des ähnlichen Klimas und weil es auf halbem Weg liegt. Neun Tage vor dem Wettkampf fliege ich nach Bahrain.

Und danach geht es in die Ferien?

Ich freue mich, heim in die Schweiz zu kommen. Eine grosse Party ist geplant, um all meinen Freunden und Sponsoren danke zu sagen. Und in meinem Studium als Lebensmitteltechnologin muss ich bis Ende Jahr auch vorwärtsmachen. Es gibt einiges zu tun. Aber es sind trotzdem irgendwie Ferien. Ich geniesse es, meine Leute wieder mal zu sehen.

Wie stelle ich mir den perfekten Tag von Daniela Ryf ohne Training vor?

Der «Beach-Day» am Freitag mit meiner Mutter und meinen Kollegen war nahezu perfekt. Vielleicht mit Ausnahme des Nachtessens (lacht). Das nahmen wir aus Zeitgründen im McDonald’s ein. Ein solch gemütlicher Tag mit Leuten, die ich gerne habe, ist für mich Gold wert.

Was vermissen Sie neben Familie und Freunden auch noch an der Heimat?

Schweizer Schoggi und Schweizer Brot. Solch gutes Brot wie in der Schweiz gibt es nirgends auf der Welt. Und noch etwas: einen richtig verregneten Tag!

Wie bitte?

Hier auf Hawaii ist es brutal heiss. Um den Kopf zu lüften und in den Gedanken zu schwelgen, ist ein Lauftraining im kühlen Regen doch wunderbar.

Und umgekehrt: Sie haben dank dem Sport viel gesehen. Was aus dieser Welt würde Solothurn gut anstehen?

Ein geiles Café in der Stadt wie hier in Kona. Aber eigentlich hat es in Solothurn alles, was man braucht. Früher dachte ich immer, zu Hause sei es nicht mega speziell. Wenn man in der Welt herumkommt, merkt man erst richtig, wie gut es in Solothurn eigentlich ist.

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