Schweizer Bahnvierer
Trainerlegende Daniel Gisiger hofft auf eine Olympia-Medaille «seines Kindes»

Der Schweizer Bahnvierer träumt von einer Medaille bei den Sommerspielen in Tokio. Es wäre das perfekte Abschiedsgeschenk für seinen 67-jährigen Trainer.

Rainer Sommerhalder
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Bahnrad-Nationaltrainer und Charakterkopf Daniel Gisiger: Beharrlich, akribisch, streng, kompromisslos, bisweilen stur – und sehr erfolgreich.

Bahnrad-Nationaltrainer und Charakterkopf Daniel Gisiger: Beharrlich, akribisch, streng, kompromisslos, bisweilen stur – und sehr erfolgreich.

Bild: Imago

Da steht er nun im Velodrome Grenchen am Rand des Holzovals, wo er immer steht. Da schaut er den Fahrern mit der Stoppuhr in der Hand zu, wie er immer schaut. Da macht er mit seiner durch markante Gesichtszüge geprägten strengen Miene, was er immer macht. Daniel Gisiger, 67 Jahr alt, Schweizer Bahn-Nationaltrainer seit 2006.

Daniel Gisigers «Kind» ist der Bahnvierer. Nach den Olympischen Spielen 1980 mit Robert Dill-Bundi als Zugpferd verschwand das Aushängeschild des Bahnradsports in der Versenkung, bevor es der Ex-Profi vor 15 Jahren als Olympiaprojekt wieder ausgrub. Seither betreut es der viersprachige Gisiger mit einer Leidenschaft und Beharrlichkeit, die Bewunderung auslöst. Dabei plage ihn ein schlechtes Gewissen, sagt Gisiger. Er habe in den Vierer mehr Zeit investiert als für die Familie.

Die Trainerlaufbahn wegen Tokio um ein Jahr verlängert

Denn im Grunde steht Daniel Gisiger seit 15 Jahren immer dort unten am Rande des Holzovals. Während die Fahrer auf der Strasse von A nach B fahren, drehen sie sich auf der Bahn stetig im Kreis. Alle 15 Sekunden passiert der Bahnvierer an diesem Trainingstag vor Olympia, wo seine «Lokomotive» Stefan Bissegger auf direktem Weg von der Tour de France dazugestossen ist, seinen Chef. Immer und immer wieder der gleiche Ablauf, als gäbe es keinen Ausweg.

Wenn alles perfekt klappt und die Gegner taktisch weniger intelligent fahren, darf man auf eine Schweizer Medaille in der Teamverfolgung hoffen.

Wenn alles perfekt klappt und die Gegner taktisch weniger intelligent fahren, darf man auf eine Schweizer Medaille in der Teamverfolgung hoffen.

Keystone

Gisiger hat durch die Verschiebung der Olympischen Spiele seine Laufbahn nochmals um ein Jahr verlängert. Man müsse im Bahnvierer «intelligent schnell fahren, um erfolgreich zu sein», erklärt er das Augenmerk in der Vorbereitung. Lediglich acht Nationen qualifizieren sich für die Verfolgung bei Olympia. 2012 in London gehörte die Schweiz noch nicht dazu. Vier Jahre später in Rio träumte man bereits von der Medaille, musste mit Rang sieben aber eine Enttäuschung einstecken. Doch der Traum blieb in Gisigers Kopf am Leben. Während die Fahrer wechselten, arbeitete der gestrenge Vater des Projekts mit einer nie nachlassenden Akribie weiter.

Silvan Dilliers Erinnerungen an Ziehvater Gisiger

Ein Fahrer der ersten Stunde war Silvan Dillier. Nach Rio beendete der Aargauer Profi seine erfolgreiche Zeit auf der Bahn. Zum Abschied gab es eine öffentliche Schelte von Gisiger, der seinem damaligen Teamleader zu wenig Engagement für den Vierer vorwarf. «Ich empfand diese Kritik als unfair», sagt Dillier rückblickend. Man spürt im Gespräch das ambivalente Verhältnis des Fahrers zu seinem früheren Chef. «Gisiger hat mir als Fahrer viel vermittelt, er hat meine Karriere mitgeprägt.» Gleichzeitig sagt Dillier, habe es wegen dessen Kompromisslosigkeit immer wieder Reibereien gegeben, etwa wenn es um neue Ideen ging, die der Fahrer ins Projekt einfliessen lassen wollte. «Gisiger hat bei vielen Themen seine Meinung, die nur schwer zu ändern ist.»

Gisiger sagt, er werde seiner Zeit als Nationaltrainer nicht nachtrauern. Vor allem nicht den vielen schlaflosen Nächten vor den Selektionen – «wenn man einem Fahrer in die Augen schauen muss, um ihm mitzuteilen, dass er bei Olympia nicht im Team ist.» Und welche Pläne hat er in Zukunft? «Endlich wieder selber aufs Velo steigen. Einfach losfahren ohne klares Ziel.» Nach 15 Jahren drehen im Kreis eine verständliche Sehnsucht.

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