Challenge League
Der FC Thun lag wie ein geprügelter Boxer auf den Brettern: Dass er nun um den Aufstieg spielt, ist das nächste wundersame Kapitel dieses Klubs

Die Leistungsträger weg, der Präsident weg und kurz darauf auch der Trainer weg. Dazu der Spardruck wegen des Abstiegs. Eigentlich eine ausweglose Situation, um erfolgreich zu sein. Aber es hätte ja auch nie jemand gedacht, dass der FC Thun mal Champions League spielen würde.

François Schmid-Bechtel
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Zehn Siege und drei Remis aus den letzten 14 Spielen: Der FC Thun hat das, man man einen Lauf nennt.

Zehn Siege und drei Remis aus den letzten 14 Spielen: Der FC Thun hat das, man man einen Lauf nennt.

Peter Schneider / KEYSTONE

«Stress, wir sind momentan alle etwas am Anschlag», ächzt Andres Gerber ins Mobiltelefon. Sein Assistent ist im Vaterschaftsurlaub. Die Geschäftsführerin Barbara Frantzen Roth wird den Klub in den nächsten Wochen verlassen. Die Generalversammlung mit der Wahl von drei neuen Verwaltungsratsmitgliedern muss vorbereitet werden. Sponsoren an Bord halten, neue Sponsoren gewinnen. Mit Spielern verhandeln, den Markt sondieren. «Alle und alles bei Laune zu halten», sagt Andres Gerber. «Das ist derzeit meine grösste Aufgabe.» Man könnte auch sagen: Den Laden zusammenhalten. Denn seit Präsident Markus Lüthi demissionierte, lastet ziemlich viel auf Sportchef und Vizepräsident Gerber.

Ein Abstieg aus der Super League hat weitreichende Konsequenzen: Weniger TV-Geld, weniger Matcheinnahmen (wenn nicht Corona tobt), weniger Sponsorengelder, aber nicht weniger Arbeit. Wer keinen vermögenden Mäzen hat, muss sparen. Auf der Geschäftsstelle beim FC Thun zirka 500 von 1500 Stellenprozenten. Und weil die Enttäuschung über den Abstiegs sich nicht auf Knopfdruck verflüchtigt, setzt sich der Blues hartnäckig in den Büros und Spielerkabinen fest. Weshalb der umgehende Wiederaufstieg kaum je realisiert wird.

Thun-Express rast auf den Abgrund zu - Marc Schneider zieht die Notbremse

Bertone, Faivre, Glarner, Munsy, Stillhart, Tosetti. Allesamt Leistungsträger. Aber allesamt weg nach dem Abstieg. Nur: Der Blues blieb. Die ersten drei Spiele in der neuen Umgebung? Rohrkrepierer: 2 Pleiten, 1 Remis. Man fühlte sich erinnert an die mahnenden, leicht zugespitzten Worte von Markus Lüthi: Für den FC Thun sei ein Verbleib in der Super League überlebenswichtig.

Nach drei Spielen in der Challenge League legte Marc Schneider sein Amt als Trainer des FC Thun nieder.

Nach drei Spielen in der Challenge League legte Marc Schneider sein Amt als Trainer des FC Thun nieder.

Alex Spichale / SPO

Vielleicht ist Thun noch nicht über dem Berg, aber auf gutem Weg dazu. Dazu brauchte es Opferbereitschaft. Insbesondere jene von Marc Schneider. Zwar gelang dem Trainer mit seiner Mannschaft ein imposanter Steigerungslauf in der Rückrunde der vergangenen Saison. Aber was bleibt, ist der letzte Eindruck. Und das war der Abstieg nach den Barrage-Spielen gegen Vaduz. Schneider blieb zwar an Bord. Weil das alle für vernünftig und richtig hielten. Aber nach drei Spielen mit nur einem Punkt war für ihn klar: Ich bin nicht mehr der Richtige. «Chapeau», sagt Gerber. «Auch wenn dadurch eine weitere Baustelle entstanden ist, auf die ich gerne verzichtet hätte, ist diese konsequente Haltung Marc hoch anzurechnen.»

Andres Gerber hört auf sein Bauchgefühl und landet einen Glücksgriff

Für Schneider kam Carlos Bernegger. «Ein Glücksgriff», wie Gerber zugibt. «Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es der richtige Zeitpunkt ist für Bernegger beim FC Thun. Ein Typ mit Emotionen, der aufrüttelt aber auch feinfühlig ist. Ein charismatischer Mann, der die Menschen gern hat. Alles andere als 08/15. Allein sein Gesichtsausdruck erzählt viele Geschichten.»

Mit Carlos Bernegger als Trainer kehrte der Erfolg nach Thun zurück.

Mit Carlos Bernegger als Trainer kehrte der Erfolg nach Thun zurück.

Peter Schneider / KEYSTONE

Aber nicht alle Geschichten sind schmeichelhaft für den 51-Jährigen. Es gibt Menschen, die Bernegger einen Hang zum Choleriker vorwerfen. Andere halten ihn für überempfindlich, wenn es um seine Person geht. Unbestritten ist indes seine Leidenschaft für den Fussball, sein hohes Arbeitsethos.

In Argentinien aufgewachsen, kam er 1991 als rustikaler Defensivspieler nach Winterthur. Nur: Der Umzug in das Heimatland seiner Grosseltern brachte ihm vorerst kein Glück. Schon im fünften Spiel verletzte er sich so schwer, dass er mit 24 seine Karriere beenden musste. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als hart zu arbeiten. Denn auf einen unerfahrenen Trainer aus Argentinien ohne grosse Spielerkarriere hatte in der Schweiz niemand gewartet.

Carlos Bernegger genügt GC nur als Notnagel

Dreimal, 2003, 2004 und 2007 machte er als Interimstrainer bei GC einen tadellosen Job. Die Chance zur Bewährung erhielt er bei den Zürchern erst 2017. Dazwischen war er beim FC Basel in verschiedenen Funktionen angestellt und ein Jahr lang Cheftrainer beim FC Luzern. Richtig Kredit genoss er bis heute nur als Nachwuchs- oder Assistenztrainer. Da hilft ihm offenbar auch nicht, dass er ein reflektierter Mensch ist. Vielleicht war er zwei, drei Mal zu aufbrausend.

In Thun stimmt es. Das ist zwar keine Top-Adresse mehr. Aber als es für Bernegger und seinen Chef Marcel Koller beim FCB nicht mehr weiterging, war klar: «Ich will unbedingt im Geschäft bleiben.» Doch was er in Thun antraf, war «nicht einfach. Man spürte überall Niedergeschlagenheit. Es gab kaum Zuversicht. Und es schien die Reife zu fehlen, den Abstieg zu verkraften.»

Arbeitsklamotten statt Anzug

Berneggers Botschaft: Man kann nicht im Anzug durch die Challenge League rauschen. In dieser Liga muss man sich Arbeitskleidung überziehen. «Denn die Challenge League ist sehr kompetitiv. Das gibt es viele junge hungrige Spieler, die nach oben wollen. Und viele Spieler im mittleren Alterssegment, die unbedingt den Anschluss an die Super League nicht verlieren wollen. In dieser Liga kannst du nicht mit halber Kraft bestehen, auch wenn du noch so gut bist.»

Topskorer: Nuno Da Silva hat sich in Thun zum Leistungsträger entwickelt. Aufstiegskonkurrent GC hat ihn deshalb erst kürzlich verpflichtet.

Topskorer: Nuno Da Silva hat sich in Thun zum Leistungsträger entwickelt. Aufstiegskonkurrent GC hat ihn deshalb erst kürzlich verpflichtet.

Pascal Muller/Freshfocus / freshfocus

Die Botschaft kommt an. Aus den letzten 14 Partien resultierten zehn Siege, drei Remis und nur eine Niederlage. Thun steht an der Spitze. Einen Punkt vor GC, dem Gegner vom Freitag. Ausgerechnet jetzt haben die Zürcher mit Nuno Da Silva den besten Thuner Skorer verpflichtet. Primär wohl nicht, um sich zu verstärken, sondern um den Gegner zu schwächen. Trotzdem hält man in Thun den Ball flach. Gerber sagt: «Wir sind selbstbewusst genug, um wegen Da Silvas Abgang nicht in Panik zu verfallen.» Bernegger meint: «Das ist Teil des Geschäfts.»

Nur, was schaut am Ende bei diesem Geschäft für die Thuner heraus? Gar die sofortige Rückkehr in die Super League? Oder die Barrage? «Die Menschen hier sehen vieles gelassener als in Luzern, Basel oder Zürich, sagt Bernegger. «In Thun wird nicht so schnell dramatisiert. Sowohl in die positive, wie auch in die negative Richtung. Trotzdem wäre es fatal, jetzt nur vom Aufstieg zu träumen und dabei die tägliche Arbeit zu vernachlässigen.»