Am Mittwoch singen sie für ihn in einer der Schulen, die er unterstützt. Vielleicht zünden sie ein paar Kerzen an, es gibt Kuchen. Er feiert dann seinen 24. Geburtstag. Ein schelmisches Lächeln huscht ihm über die Lippen, als er das Szenario in Zürich skizziert. Henry Wanyoike ist bereits 44 Jahre alt, die Haare kurz geschoren, die Stimme sanft, die Gedanken geordnet, vor ihm auf dem Tisch platziert ein Stock.

Es ist ein Blindenstock. «Ich feiere zwei Mal Geburtstag», sagt er. «Den Tag, an dem ich geboren wurde, und den Tag, an dem ich mein Augenlicht verlor.» Das war am 1. Mai 1995. Der talentierte Läufer, 20-jährig und über 5000 Meter einer der Besten des Landes, erleidet im Schlaf einen Schlaganfall. «Ich ging ins Bett und wachte auf, ohne dass ich je wieder sehen konnte. Alle meine Träume zerfielen und lösten sich in Luft auf.»

Blindenläufer am Zürich Marathon

Blindenläufer am Zürich Marathon

Der Kenyaner Henry Wanyoike ist einer der schnellsten Blindenläufer der Welt und das Aushängeschild des Zürich Marathon.

«In Afrika lieber tot als blind»

Jeder zehnte Kenianer hat eine Behinderung, zwei Drittel davon sind unter 25. Knapp eine Million Menschen ist von einer Sehbehinderung betroffen. Die meisten führen ein Leben am Rand der Gesellschaft. Wie in vielen Ländern Afrikas sind Behinderungen in Kenia stark stigmatisiert, sagt Wanyoike.

«Viele Familien verstecken ihre Kinder, sperren sie im Keller ein und glauben, sie seien verflucht.» In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an Schamanen und Exorzisten. Behinderte erhalten keine Schulbildung, keine finanzielle Unterstützung, werden oft von der Gesellschaft verstossen. «Es kommt vor, dass Familien ihre Kinder töten», sagt Wanyoike mit schwerer Stimme. «In Afrika ist es fast besser, tot zu sein als blind», schrieb der britische Journalist Richard Dowden einmal.

Henry Wanyoike ist 20 Jahre alt, und Schuhverkäufer, als sich sein Leben in Davor und ein Danach teilt. Auch er hadert mit dem Schicksal, auch er stellt sich tausend Mal die Frage: «Wieso ich?» Er verliert den Lebensmut, wird depressiv, der Kiefer erstarrt. Doch anders als viele andere hat er Glück.

Drei Mal Gold an den Paralympics

Seine Mutter Gladys bringt ihn in eine Augenklinik in der Nähe der Hauptstadt Nairobi. Dort lernt Wanyoike, an Strickmaschinen zu arbeiten, und er beginnt, wieder zu laufen. «Ich wurde dazu geboren, es bedeutet mir alles.» Als kleiner Junge träumte er davon, ein grosser Läufer zu werden, «wie alle bedeutenden Sportler Kenias. Als ich mein Augenlicht verlor, dachte ich, mein Leben sei vorbei. Heute sage ich: Für mich hat damit ein neues Leben begonnen.»

Henry Wanyoike sieht nicht mehr, aber die Welt sieht, wie er als Läufer Weltruhm erlangt. Bei den Paralympics gewinnt er von 2000 bis 2008 drei Mal Gold. Er hält den Weltrekord über 5000 Meter, 10 000 Meter, im Halbmarathon und mit 2:31:31 Stunden auch über die Volldistanz. Weltbekannt wird er 2000 in Sydney, als er seinen von einer Malaria-Erkrankung gezeichneten, Begleiter ins Ziel zieht.

«Er sagte mir, dass das Stadion gut gefüllt ist. Da wollte ich der Welt zeigen, was ich draufhabe», erinnert sich Wanyoike. Es ist auch der Tag, an dem er zum Gesicht und zur Stimme der Blinden wird, «zum Botschafter», wie er sagt. In Kenia steht seine Geschichte in Schulbüchern, er spricht mit Regierungsvertretern. Henry Wanyoikes Wort hat Gewicht. Seine Geschichte ist eine, die berührt und bewegt: Im Buch «Mein langer Lauf ins Licht» hat er sie niedergeschrieben. 

Henry Wanyoike (r.) an der Seite seines Guides Paul Kihumba.

Henry Wanyoike (r.) an der Seite seines Guides Paul Kihumba.

Unermüdlicher Botschafter

Seine Popularität versteht er auch als Verpflichtung. Mit seiner Stiftung unterstützt er Schulen und Kindergärten. Über 12 000 Kindern mit Augenproblemen ermöglichte er eine Operation, er verteilt Blindenstöcke, Hörgeräte und Rollstühle. Für die Schweizer Hilfsorganisation «Licht für die Welt», die ihn nach seiner Erblindung unterstütze, tritt er als Botschafter auf.

Das Ziel: Eine Gesellschaft, an der alle teilhaben können, eine Welt ohne soziale Barrieren, die jedem Menschen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben gibt. Wanyoike ist unermüdlich – beim Laufen, aber auch als Botschafter. Mit dem Schweizer Behindertensportler Marcel Hug besuchte er das Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. «Mein Wunsch ist es, dass wir so eine Einrichtung irgendwann auch einmal in Kenia haben.»

Die Kühe von Boris Becker

Sein Herzblut und die Leidenschaft wirken ansteckend. Schauspieler Arnold Schwarzenegger half einmal, zwölf Strickmaschinen für eine Schule aufzutreiben, und Deutschlands TennisIkone Boris Becker spendete Geld für den Kauf von Kühen. Selber lebt Wanyoike in sehr bescheidenen Verhältnissen.

Mit seiner Frau Myllow, der Mutter und der Schwester betreibt er in Kikuyu, 20 Kilometer östlich von Nairobi, einen Bauernhof mit Kühen, Eseln, Hasen, Hühnern, Gänsen und Schweinen. Er hat vier Kinder, eines mit seiner Frau, zwei, die Myllow mit in die Ehe gebracht hat, und eines, das die beiden adoptiert haben. Den Kindern musste er versprechen, neben Fotos von Bergen und Seen auch weisse Schokolade aus der Schweiz mitzubringen.

Am Sonntag läuft Henry Wanyoike in Zürich erstmals seit fünf Jahren und einem schweren Autounfall wieder einen Marathon. Begleitet wird er, wie auch in jedem Training, von seinem Trainer und Freund Paul Wanyoike (die beiden sind nicht verwandt), mit dem er durch eine Schnur an der Hand verbunden ist.

«Mit der Kordel kann ich Henry auf meine Seite ziehen, mit der Hand oder der Schulter kann ich ihn nach links dirigieren», erklärt Paul, der Henry um mehr als einen Kopf überragt. Geredet wird wenig, sagt Henry, für den der Trainer nicht nur die Augen, sondern auch «Bruder» und Freund ist. «Ich vertraue ihm. Paul ist es, der mich glänzen lässt. Wenn wir laufen, sind wir wie Zwillinge. Unsere Herzen schlagen dann im gleichen Rhythmus.»

Ein besseres Leben als Blinder

Beim Zürich Marathon peilen sie eine Zeit unter 2:50 Stunden an, damit würden sie sich für die Paralympics 2020 in Tokio qualifizieren. Für Wanyoike aber geht es um mehr als um das nächste Rennen, die nächste Bestzeit, die nächste Medaille. Wenn er über die Nacht sinniert, deren Dunkelheit ihn bis heute umgibt, spricht er von einem Segen, «für mich und die Menschen, denen ich dadurch helfen kann».

Er habe ein tolles Leben, «ein besseres, als ich es gehabt habe, als ich noch sehen konnte». Er habe zwar sein Augenlicht verloren, aber nicht seine Vision. Er wünscht sich eine Welt, in der Blinde ein selbstbestimmtes Leben führen. «Wir sind auch deshalb hier, um Leuten Hoffnung zu geben. Jenen, die ihren ersten Marathon laufen, aber auch jenen, die im Leben aufgegeben haben.»

Am 10. Mai feiert Henry Wanyoike seinen 45. Geburtstag. Mit dem Laufen möchte er noch lange nicht aufhören. Er bleibt der Botschafter der Blinden.

Henry Wanyoike mit seinem Guide Paul Kihumba.

Henry Wanyoike mit seinem Guide Paul Kihumba.