Schwingen

Bislang verschmäht: Jetzt erobert der Schwingsport die Romandie

Dorfschwingfest in der Stadt Genf. Beim Fest des Südwestschweizer Teilverbandes 2015 war nicht einmal die kleine Tribüne gefüllt.

Dorfschwingfest in der Stadt Genf. Beim Fest des Südwestschweizer Teilverbandes 2015 war nicht einmal die kleine Tribüne gefüllt.

Bislang interessierte das Schwingen nur in der Deutschschweiz. Das eidgenössische Fest in Estavayer-le-Lac bringt den «Nationalsport» nun erstmals so richtig in den Westen.

Zwar wird das Schwingen manchmal als Schweizer Nationalsport bezeichnet, doch bisher ist es vor allem eine Deutschschweizer Disziplin. Die «lutte suisse» – oder wie der Sport in der Romandie meist genannt wird: die «lutte à la culotte», Hosenlupf – ist in der Westschweiz nie richtig populär geworden, sieht man vom Kanton Freiburg ab, wo der Sport vor allem im deutschsprachigen Sensebezirk gepflegt wird. Zwar gibt es in allen welschen Kantonen Schwingvereine, der Kanton Genf zählt genau einen Klub, aber meist fristen sie ein diskretes Dasein und rekrutieren oft im Milieu der «Heimweh-Deutschschweizer».

Eidgenössisches Schwingfest 2016

Laut Blaise Decrauzat, einziger Romand im Zentralvorstand des eidgenössischen Schwingerverbands, zählte 2016 die Westschweiz (Deutschfreiburg mitgezählt) 334 versicherte, aktive Schwinger. Dies entspricht etwa einem Zehntel des Schweizer Bestands, liegt also klar unter dem Anteil der Romands an der Landesbevölkerung von rund 20 Prozent. Während die grossen Schwingerkönige in der Deutschschweiz Prominentenstatus haben, sind sie in der Westschweiz kaum bekannt. Schwingen zählt für die meisten Romands zu den typischen, leicht exotischen und alles in allem ganz sympathischen Marotten ihrer alemannischen Landsleute.

Viel Medienaufmerksamkeit

Dies könnte sich nun aber ändern; jedenfalls stehen die Chancen für einen Wechsel besser denn je. Denn das eidgenössische Schwingfest, das im freiburgischen Estavayer-le-Lac sowie im benachbarten waadtländischen Payerne stattfindet, scheint im Vorfeld auch in der Romandie auf grosses Interesse zu stossen. Jedenfalls haben die welschen Medien bereits begonnen, gross über das kommende Grossereignis zu berichten. Der «Matin-Dimanche», Sonntagszeitung der Romandie, aber auch Regionalzeitungen wie «24heures» und sogar die leicht elitär angehauchte Tageszeitung «Le Temps» haben bereits viele Seiten dem Event gewidmet. Bei Radio und Fernsehen bereiten sich die Journalisten ebenfalls auf ein grosses Wochenende vor und büffeln fleissig Schwinger-Latein.

Das müssen Sie übers Schwingen wissen

Das Problem für die welschen Kollegen besteht allerdings darin, dass viele Begriffe aus der Schwingerwelt nicht französisch vorhanden sind. Aber verdienterweise hat der Schwingerverband pünktlich auf Estavayer unter dem hübschen Titel «Schwingerpedia» ein Vokabular ausgearbeitet, in dem die wichtigsten Ausdrücke auf Französisch übersetzt und erläutert werden. Dort erfährt man beispielsweise, dass ein nationaler Schwingerkönig ein «Eidgenosse» oder ein «Confédéré» ist – und dass die besten Schwinger als «Böse» oder auf Französisch als «Méchants» bezeichnet werden. Auf eine Übersetzung von Ausdrücken wie Anschwingen, Ausschwingen und Ausstrich wird allerdings tunlichst verzichtet.

Die Vorbereitungsarbeiten für das grosse Fest in Estavayer laufen auf Hochtouren, und im eidgenössischen Schwingerverband wie auch in der Region wird alles getan, damit es zu einem Erfolg wird. Der Obmann des eidgenössischen Schwingerverbands, der Luzerner Paul Vogel, spürt jedenfalls viel Sympathie und Kooperationswillen in der Gegend. Natürlich bedeute es eine zusätzliche Anstrengung, erklärt er, um ein solches Fest in der welschen Schweiz zu organisieren, aber es sei auch eine grosse Chance: «Jetzt muss nur noch das Wetter mitmachen.»

Romands fühlen nationaler

Eines ist sicher: Das Fest in Estavayer-le-Lac stellt eine einmalige Chance dar, um dem Schwingsport in der Romandie zu einem neuen Elan zu verhelfen. Die Rahmenbedingungen sind günstig, weil die allgemeine Stimmungslage einer Rückbesinnung auf nationale Traditionen zuträglich ist. Auch in der Romandie haben der Fortschrittsglauben und der Glauben an grosse internationale Projekte wie die europäische Einigung in den letzten Jahren gelitten. Internationalismus ist «out», der Rückzug auf nationale Werte ist wieder «in». Furcht vor Immigrationsdruck, ja sogar die Angst vor Terrorismus und Islamismus tragen dazu bei, den «Börsenwert» der nationalen Traditionen wieder steigen zu lassen.

Allerdings braucht es für einen dauerhaften Aufschwung mehr als ein grosses Event. Damit ein Sport auch mittelfristig in einer Region populär wird, braucht es Stars und charismatische Persönlichkeiten. Dies zeigte sich auch nach dem letzten eidgenössischen Schwingfest in der Romandie, das 2001 in Nyon stattfand: Es brachte zwar kurzfristige Aufmerksamkeit, diese flachte aber danach wieder ab. Schwinger-Obmann Vogel bringt es deshalb auf den Punkt: «Das beste Mittel, damit das Schwingen in der Romandie populär wird, wäre ein welscher Schwingerkönig.» Aber ob die Romands hierfür böse genug sind, ist eine andere Frage.

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