Schwingen

Beim «Eidgenössischen» schwingen alle gegen die Berner

Kilian Wenger, der König von 2010 in Frauenfeld, gehört zum starken Berner Team.

Kilian Wenger, der König von 2010 in Frauenfeld, gehört zum starken Berner Team.

Die Ausgangslage beim «Eidgenössischen» ist offen wie noch selten – und doch sind die Berner zuversichtlich, an die «Belle Époque» des letzten Jahrhunderts anknüpfen zu können.

Als die Berner zwischen 1966 und 1974 durch Rudolf Hunsperger und David Roschi viermal hintereinander den Thron bestiegen und im Schlussgang zweimal unter sich waren: 1969 und 1974. Für die Berner ist es eine heilige Pflicht, am Sonntag den Thron zu verteidigen, den sie seit 2010 durch Kilian Wenger und Matthias Sempach besetzen.
Der wichtigste Grund für die Zuversicht ist nicht alleine das individuelle Können von Titanen wie Kilian Wenger, Christian Stucki, Remo Käser oder Matthias Sempach. Entscheidend könnte ihre Fähigkeit sein, in schweren Stunden zusammenzuhalten.

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Warum ist der Zusammenhalt der Berner grösser? Weil ihr Teilverband der einzige ist, der nur aus einem einzigen Kanton besteht und so eine ethnische Einheit bildet. Sie haben zwar ihren Verband in sechs Gaue aufgeteilt: Oberland, Emmental, Seeland, Mittelland, Oberaargau und Jura. Aber der Unterschied zwischen einem Oberländer, Emmentaler, Oberaargauer oder Seeländer ist – wenn es nicht gerade um Eishockey und Fussball geht – viel kleiner als jener zwischen einem Luzerner, Zuger, Urner, Ob- oder Nidwaldner. Oder zwischen einem Thurgauer, Zürcher, Appenzeller, Glarner, St. Galler, Toggenburger, Schaffhauser oder Bündner bei den Nordostschweizern.

Der Stolz des alten Bern
Die Berner sind in Zeiten des «Eidgenössischen» immer zuerst Berner, erst dann Emmentaler, Oberländer, Mittelländer oder Jurassier. Sie tragen alle noch immer den Stolz des alten, mächtigen Bern im Herzen. Sie haben nie vergessen, dass Bern einmal einer der mächtigsten Stadtstaaten Europas war. Eines der bernischen Staatsoberhäupter aus dieser Zeit soll einst gesagt haben: «Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie vornehm und mächtig wir sind.» Und nun schaudert es die Berner, wenn sie daran denken, wie stark und böse ihre Titanen sind. Im Schwingen lebt jener Stolz fort, der einst Bern in Baden, im ständigen Ort der Tagsatzungen der alten Eidgenossenschaft, pflegte. Die Berner bauten in Baden an der «Weiten Gasse», der wichtigsten Strasse, ein stattliches Haus, das «Bernerhaus», um den Stolz ihres Standes zu zeigen. Die übrigen Orte begnügten sich mit Unterkunft in Wirtshäusern.
Wer soll den regierenden König Matthias Sempach, wer die Titanen, Christian Stucki, Remo Käser oder Kilian Wenger, den König von 2010, bodigen? Einer wird wohl mindestens bis in den Schlussgang durchkommen. Der Vorteil: Wenn einer keine Chance mehr auf den Thron hat, wird er sich für die anderen Berner opfern. Er wird alles daransetzen, von diesem Zeitpunkt an die Gegner zurückzubinden: Nichts mehr riskieren, nicht mehr auf Sieg schwingen und «nur» noch ein Remis suchen, damit der Gegner kostbare Punkte verliert. Solche Punktverluste können entscheidend sein, wenn es darum geht, im fünften, sechsten oder siebten Gang die Schlussgangqualifikation zu holen.
Das «Selbstopfer» für die Kameraden funktioniert auch deshalb, weil beim «Eidgenössischen» die «Bösen» aus einem Teilverband so lange wie möglich nicht gegeneinander eingeteilt werden und in der Regel erst im Schlussgang aufeinandertreffen. 1969 Rudolf Hunsperger gegen Hans Stucki, 1974 Rudolf Hunsperger gegen Fritz Uhlmann und 2013 in Burgdorf mit Matthias Sempach gegen Christian Stucki gab es die letzten rein bernischen Schlussgänge.
Der Zusammenhalt zeigt sich auch neben dem Sägemehlring. Eine Szene aus dem Jahre 1989 mag veranschaulichen, was dieser Zusammenhalt bedeutet. Vor dem Schlussgang zwischen dem vermeintlich chancenlosen Aussenseiter Adrian Käser und dem himmelhohen Favoriten Geni Hasler. Adrian Käser sass im Zelt der Berner, umringt von seinen Kameraden, darunter auch Niklaus Gasser und Fritz Flühmann, der eigentlich allen Grund gehabt hätte, zu schmollen. Er war punktgleich mit Adrian Käser vom Einteilungskampfgericht bei der Nomination für den Schlussgang übergangen worden. Aber das zählte nicht mehr. Die Berner schotteten sich von der Umwelt ab und liessen sich in der Konzentration nicht mehr stören. Es schien, als würden sie vor diesem schweren Kampf die bernischen Geister aus alten, ruhmreichen Zeiten in einer Art «Zwilchhosen-Voodoo» beschwören.

Alle gegen die Berner
Der einsame Geni Hasler, von seinen Fans schon vor dem letzten Kampf als König gefeiert, hatte keine solche Unterstützung und verlor den bisher besten, dramatischsten Schlussgang. Adrian Käser, der Vater des heutigen «Bösen» Remo Käser, wurde mit 18 Jahren der jüngste König. Beim «Eidgenössischen» gilt: alle gegen die Berner. Aber die Gegner der Berner halten nicht zusammen wie die Berner.
In Basel haben Fans beim Spiel gegen YB mal ein Spruchband hochgehalten. «Euch das Schwingen, für uns den Fussball». Wohl wahr. 1986 feierte YB den letzten Titel. Seither gewann der FC Basel elfmal die Meisterschaft, zuletzt 2016. 1958 war Max Widmer der letzte König aus dem nordwestschweizerischen Teilverband. Seither haben Berner achtmal den eidgenössischen Königsthron bestiegen, zuletzt 2013.

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