Fussball
«Bei Chelsea zu sein, ist wie ein Sechser im Lotto!»

Miro Muheims wechselte von der U16 des FC Zürich nach London in die Nachwuchsabteilung des FC Chelsea. Der «Nordwestschweiz» zeigte er sein Leben in London und erklärt, wieso er zunächst gar nicht nach London wollte.

Markus Brütsch, Cobham
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Abenteuer Chelsea: Miro Muheim auf dem Trainingsgelände in Cobham.

Abenteuer Chelsea: Miro Muheim auf dem Trainingsgelände in Cobham.

Nordwestschweiz

Miro spielt den Reiseführer. Hier, im Trainingszentrum des FC Chelsea, kennt er sich aus wie in seiner Westentasche. Vierzig Kilometer vor den Toren Londons hat Klubbesitzer Roman Abramowitsch für 20 Millionen Pfund eine Anlage der Superlative hingestellt. Es fehlt an nichts, vor allem aber laden dreissig bestgepflegte Fussballplätze zum Kicken ein. «Auf der einen Seite trainieren die Profis, auf der anderen wir Nachwuchsspieler», erklärt Miro. «Es kann aber gut geschehen, dass dir einer der Superstars über den Weg läuft. Einmal hat mich sogar José Mourinho gegrüsst.» Ein Highlight.

Privilegierte Ausbildung

Aber natürlich ist Miro Muheim nicht nach England gekommen, um dem Portugiesen «Hello» zu sagen. Er trägt die Hoffnung in sich, in ein paar Jahren von Mourinho trainiert zu werden. «Ich weiss, wie schwierig das ist», sagt Miro. Seit den mittlerweile in die Jahre gekommenen John Terry und Frank Lampard hat es keiner mehr aus der Akademie ins Fanionteam geschafft.

Miro ist seit dem letzten Sommer hier. Im Trikot der U16 des FC Zürich hatte er die Scouts des FC Chelsea bei einem Turnier in Liechtenstein so sehr beeindruckt, dass diese ihn fortan intensiv beobachteten und ihm schliesslich einen der raren Ausbildungsplätze in ihrer Akademie anboten. Jetzt gehört Miro zusammen mit 17 anderen Talenten dem U18-Team an. Während vier Jahren werden sie zum Profi ausgebildet. Neben einem Polen, einem Schweden und dem Schweizer Miro stehen ausschliesslich Engländer im Kader. «Dies hat den Vorteil, dass ich nie in Versuchung komme, deutsch zu sprechen», sagt Miro.

Sein Englisch ist bald perfekt. Zweimal in der Woche nimmt er an Cambridge-Diplomkursen teil. Dass der Unterricht keine reine Alibiübung ist, hat Miro am letzten Samstag erfahren, als er wegen einer Zwischenprüfung auf das Playoffspiel gegen Tottenham (6:4) verzichten musste. «Ansonsten aber ist die Ausbildung ganz auf den Profifussball ausgerichtet», sagt Christian Zenger, der Berater von Miro. «Auch finanziell ist es interessant hier.»

Liste mit Pro und Kontras

Miro spielt in einer starken Mannschaft auf der Aussenbahn im Mittelfeld. Er sagt: «Wir wollen englischer Meister werden.» In der Meisterschaft hat er schon sieben Mal getroffen. Beim 12:2 gegen Aston Villa ist ihm gar ein Hattrick gelungen. «Es läuft mir persönlich sehr gut. Das Heimweh hält sich in Grenzen. Und ich würde wieder gleich entscheiden. Hier zu sein, ist wie ein Sechser im Lotto.»

Der Entschluss, den FC Zürich zu verlassen, war ihm nicht leicht gefallen. «Zuerst wollte ich nicht weg», sagt Miro, der im Zürcher Stadtkreis 5 aufgewachsen ist und eine Lehre als Hochbauzeichner begonnen hatte. «Ich fragte bei Jonas Elmer nach, der ebenfalls bei Chelsea war. Doch dieser wollte keine Auskunft geben.» Nachdem sich Miros Vater Christian vor Ort umgesehen und einen guten Eindruck mit nach Hause gebracht hatte, reiste auch Miro nach Cobham.

«Ich machte eine Liste mit Pro und Kontras. Allmählich kippte meine Meinung. Ich sagte: Ja, ich mache es.» Sein Vater, von Beruf Anwalt, sagt: «Wir Eltern haben ihm den Entscheid überlassen und keinen Druck aufgesetzt. Weder in die eine noch in die andere Richtung.» Er hat seinen Sohn schon ein paar Mal besucht und sagt: «Unsere Erwartungen haben sich erfüllt.» Obwohl er einen vielversprechenden Nachwuchsspieler verlor, hatte auch der FC Zürich darauf verzichtet, Miro zu «bearbeiten».

Trainer Federico Valente gönnte dem Spieler diese Chance. Wenn Valente von Miro spricht, dann in den höchsten Tönen: «Er ist extrem fleissig, hat einen brillanten linken Fuss und mit dem Ball eine Dynamik, wie ich es noch nie bei einem U16-Spieler gesehen habe.» Valente lobt aber auch das Menschliche: «Er hat Leaderqualitäten und setzt sich für seine Mitspieler ein.» Mahnt aber: «Miro ist sehr sensibel und emotional. Er muss ruhiger und geduldiger werden. Gérard Castella, der Schweizer Nationaltrainer der U17, sagt: «Miro ist ein guter Dribbler, benötigt aber noch zu viele Pausen. Er muss sich konditionell verbessern.» Im Februar hat Miro beim 2:3 gegen Spanien ein Tor geschossen.

Spezifisches Training

Am nächsten Dienstag wird Miro 17 Jahre alt. Dann kommt es bei seiner Gastfamilie zu einer kleinen Feier. Zehn Gehminuten von der Akademie entfernt, fühlt sich Miro in diesem grossen Haus wohl. Weil noch drei andere Talente des FC Chelsea hier wohnen, wird es nie langweilig. Um neun müssen sie jeweils zum Frühstück in der Akademie sein. Danach werden auf dem Computer eigene Spielsequenzen ausgewertet, ehe es um halb elf zum Training auf den Platz geht. Nach dem Mittagessen wird am PC das Trainingsprotokoll nachgeführt. Anschliessend beginnt auf dem Rasen das Individualtraining. Hier wird spezifisch an den Stärken und Schwächen gearbeitet.
Trainer Joe Edwards lobt Miro für seine Schuss- und Flankentechnik. Sagt aber: «Sein Umschaltspiel von der Offensive auf die Defensive ist verbesserungswürdig. Die Sprints retour müssen gleich schnell sein wie jene nach vorne.» Vater Christian sagt: «Beim FCZ ist Miro hervorragend gefördert worden, war aber problemlos Stammspieler. Hier muss er um seinen Platz kämpfen. Das tut ihm gut.»

Diese 18 Schweizer Profis brachten es zu Einsätzen in der Premier League

Spieler – Vereine – Spiele/Tore:

Stéphane Henchoz – 1997 - 2007 (Blackburn, Liverpool, Wigan) – 244 Spiele/ 0 Tore

Philippe Senderos – 2004 - ? (Arsenal, Everton, Fulham, Aston Villa) – 123 Spiele/ 6 Tore

Johan Djourou – 1997 - 2005 - 2012 (Arsenal, Birmingham City) – 99 Spiele/ 1 Tor

Ramon Vega – 1997 - 1996 - 2001 (Tottenham) – 64 Spiele/ 7 Tore

Valon Behrami – 1997 - 2008 - 2011 (West Ham) – 58 Spiele/ 4 Tore

Marc Hottiger – 1994 - 1997 (Newcastle, Everton) – 56 Spiele/ 2 Tore

Gelson Fernandes – 2007 - 2009 (Manchester City) – 43 Spiele/ 3 Tore

Pajtim Kasami – 2011 - 2014 (Fulham) – 38 Spiele/ 3 Tore

Bernt Haas – 2001 - 2005 (Sunderland, West Bromwich) – 37 Spiele/ 0 Tore

Reto Ziegler – 2004- 2007 (Tottenham, Wigan) – 34 Spiele/ 1 Tor

Johann Vogel – 2007 - 2009 (Blackburn) – 7 Spiele/ 0 Tore

Fabio Daprelà – 2009 - 2010 (West Ham) – 7 Spiele/ 0 Tore

Philipp Degen – 2008 - 2010 (Liverpool) – 7 Spiele/ 0 Tore

Patrick Foletti – 2001 - 2002 (Derby County) – 2 Spiel/ 0 Tore

Gaetano Giallanza – 1997 - 1998 (Bolton Wanderers) – 3 Spiele/ 0 Tore

Bruno Berner – 2006 - 2008 (Blackburn) – 3 Spiele/ 0 Tore

Eldin Jakupović – 2013 - ? (Hull City) – 3 Spiele/ 0 Tore

Giuseppe Mazzarelli – 1995 - 1996 (Manchester City) – 2 Spiele/ 0 Tore

Lesen Sie hier, was der bisher erfolgreichste England-Schweizer über die Schwierigkeiten der Schweizer Fussballer in England sagt.