Kunstturnen
Wider Erwarten: Ein Liestaler Kunstturntalent trotzt den erschwerten Vorzeichen

Kunstturner haben es in der Region Basel nicht leicht. Der Fokus liegt auf der Förderung des Breitensports, die Unterstützungsgelder für den Leistungssport sind im nationalen Vergleich gering. Der talentierte Kevin Kuhni turnt sich trotzdem ins Rampenlicht.

Simon Leser
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Der 17-Jährige aus Nunningen gehört bei den Junioren in der Schweiz zu den Besten.
Kevin Kuhni möchte im Sommer den Sprung ins Nationalkader schaffen.

Kenneth Nars

Für Kevin Kuhni kam die Coronakrise gerade zum richtigen Zeitpunkt. Von einem Muskelbündelriss im Oberschenkel geplagt, schleppte er sich durchs vergangene Jahr, hörte nicht auf seinen Körper. Der Lockdown und der daraus resultierende reduzierte Trainingsumfang stellten sich als das erhoffte Heilmittel dar. «Er konnte die Verletzung ausheilen und hatte nicht den Druck, wieder einen schnellen Wechsel ins Volltraining zu machen», sagt Thomas Rutishauser, Geschäftsleiter des Nordwestschweizerischen Kunstturn- und Trampolinzentrums Liestal. Für Kuhni ist das NKL sonst der Mittelpunkt seines jungen Lebens, er macht dort die Lehre als Büroassistent und trainiert 25 Stunden in der Woche, um eines Tages die Schweiz an Kunstturnweltmeisterschaften zu vertreten. Einen Juniorentitel an einer Schweizermeisterschaft hat er bereits im Sack, am Barren. Doch Kuhni strebt nach mehr. Im Dezember will er an die Junioren-Europameisterschaften in Baku. Für die Freizeit bleibt bei diesem Vorhaben nicht viel übrig. «Ich kenne das jetzige Leben nicht anders», sagt er pragmatisch. Seit er fünf Jahre alt ist, turnt er.

Im Kunstturnen wird die Spreu schon früh vom Weizen getrennt. Wer die ersten Lebensjahre verschläft hat es schwer, noch aufzuholen. Mit fünf oder sechs Jahren wagen die talentiertesten Athleten der Region den Sprung ins NKL. In der Region Basel ist dieser frühe Schritt unumgänglich. «In den örtlichen Turnvereinen lässt sich Kunstturnen nicht erlernen, weil die Trainer nicht die entsprechende Ausbildung und die Schulhallen nicht die erforderliche Infrastruktur aufweisen», sagt Emanuel Senn, Leiter des Leistungssports in Liestal. Das Leistungszentrum übernimmt die Frühförderung und führt die hoffnungsreichen Kinder schrittweise an höhere Belastungen heran. «Die Ausbildung der Koordination und Beweglichkeit ist bei noch jungen Kindern geeignet», sagt Senn. Der intensive Feinschliff kommt dann einige Jahre später, wenn sich die Athleten dem Erwachsenenalter annähern. Der Trainingsumfang wird erhöht, die Schwierigkeiten gesteigert. In dieser Phase befindet sich der 17-jährige Kuhni.

Dass sich ein Turner aus der Nordwestschweiz ins nationale Rampenlicht schwingt, kommt nicht alle Tage vor. In anderen Regionen wie dem Aargau oder Zürich übernehmen die Turnvereine die Frühförderung und schicken erst später ihre allerbesten Junioren ins Zentrum. Dieses fokussiert sich auf die Leistungsförderung. Kommt einer nicht mehr mit, fällt er raus. Im NKL hingegen finden auch Breitensportler ihren Platz, trainieren zwar nicht mit, aber doch an der Seite, eines ambitionierten Kevin Kuhnis. «Das kostet Energie und Ressourcen», sagt Senn. Rutishauser ergänzt: «Im Aargau und in Zürich hat das Kunstturnen bei den Vereinen einen anderen Stellenwert als bei uns im Kanton, wo der Fokus auf dem Breitensport liegt.»

In Zürich ist das Regionale Leistungszentrum etwa direkt dem Zürcher Turnverband angeschlossen, das NKL operiert hingegen selbständig und erhält dafür vom Baselbieter Turnverband einen Unterstützungsbeitrag. Finanziell operieren andere Regionen in höheren Sphären. Aus dieser Knappheit resultiert aber auch ein sportlicher Vorteil. «Unsere Trainer können ruhiger arbeiten und stehen nicht ständig im Fokus», sagt Rutishauser. Zudem profitiert das NKL von einer langjährigen Zusammenarbeit mit der Rennbahnklinik, die wöchentlich Ärzte nach Liestal zur Kontrolle der Sportler entsendet. «Eine schnelle Abklärung verhindert das Verpassen von notwendigen Behandlungen und trägt zur zeitnahen Trainingsrückkehr bei», unterstreicht Hans Joachim Rist, Chefarzt Sportmedizin bei der Rennbahnklinik, die Bedeutung.

Im April kann sich die kleine Basler Kunstturnszene für einmal auf der grossen Bühne präsentieren, wenn auch nur indirekt. Im April finden in Basel die Europameisterschaften statt. «Ich erhoffe mir daraus einen Schwung für die Region», sagt Senn. Dieser würde wiederum Talenten wie Kevin Kuhni entgegenkommen. Er will im Sommer Liestal verlassen und nach Magglingen ins Nationalzentrum übertreten. Es wäre nicht nur für ihn, sondern auch für das NKL, eine Erfolgsgeschichte.