125 Joor FCB
Murat Yakin: «Mein Nati-Debüt? Da flog ich mit Rot vom Platz!»

Murat Yakin über Glacéverkäufe vor dem Joggeli, das Verhandlungsgeschick seiner Mutter und seine Schwäche für Zucker.

Sébastian Lavoyer
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Murat Yakin startete seine Profikarriere bei GC.
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Seine grössten Erfolge als Trainer feierte Yakin mit dem FC Basel
2013 und 2014 wurde er Schweizer Meister, 2013 erreichte er auch die Halbfinals der Europa League.
Jetzt ist Yakin Trainer des FC Sion.
Murat Yakin

Murat Yakin startete seine Profikarriere bei GC.

foto-net / Alexander Wagner

Murat Yakin, Sie scheuen als Trainer keine Konflikte mit Spielern, fällen auch mal einen unpopulären Entscheid. Wie gehen Sie vor?

Murat Yakin: Ich entscheide vieles aus dem Bauch heraus. Aber zuoberst steht für mich immer das Team. Niemand darf sich darüber stellen. Da spielen Name oder Verdienst keine Rolle. Bei Spielern, die eine Partie entscheiden können, ist es manchmal nicht ganz einfach. Die leben zum Teil in ihrer eigenen Welt. Vor allem, wenn man ihnen eine neue Rolle zuteilt. Aber wenn es drauf ankommt, bin ich der Chef.

Sie mögen solche schwierigen Situationen auch, oder?

Natürlich. Das macht unseren Beruf spannend. Während meiner Zeit als FCB-Trainer hatte ich fast 20 Nationalspieler, darunter waren sicher zehn, sagen wir, sehr ausgeprägte Persönlichkeiten. Meine Aufgabe, war es, die Kombination an Spielern auf den Platz zu kriegen, die zusammen am besten funktioniert. Zuoberst steht immer der Erfolg. Das Schlimmste, was es gibt für mich gibt, sind Trainingsweltmeister, die am Wochenende Lampenfieber kriegen.

Zu dieser Sorte Spieler gehörten Sie mit Sicherheit nicht. Jogi Löw, einst Ihr Trainer bei Stuttgart, sagte über Sie, dass Sie professioneller werden müssten. Sie galten gemeinhin nicht gerade als übermässig fleissig.

Ich gebe allen Trainern in ihrer Einschätzung über mich recht. Aber mir kann niemand vorwerfen, dass ich am Wochenende nicht vollen Einsatz gegeben hätte, kein Leader auf dem Platz war, nicht gewinnen wollte. Aber ja, mir hat auch guter Rat von aussen gefehlt.

Wie meinen Sie das?

Ich war ein Bub, der gerne Fussball spielte. Aber ich habe meinen Körper vergiftet mit dem, was ich zu mir genommen habe. Wenn ich gewusst hätte, wie gefährlich Zucker ist, hätte ich anders gehandelt. Ich bin sicher, dass meine Verletzungen sehr viel mit meiner Ernährung zu tun hatten. Aber ich hatte ja keine Ahnung.

Ihr langjähriger Trainer Christian Gross war doch ein Vorreiter, wenn es um Ernährung im Fussball geht?

Ja, aber wir waren ja nur zwei, drei Stunden pro Tag zusammen. Damals war auch das gesellschaftliche Bewusstsein ein anderes. Da wurdest du doch sofort als Alternativer abgestempelt, wenn du ein bisschen auf die Ernährung geachtet hast. Ich habe zwischen 18 und 22 Jahren so viel Gift in mich hinein geschaufelt, das konnte man danach schlicht nicht mehr korrigieren. Ernährung ist nicht alles, letztlich geht es um Fussball, nicht um Marathonläufer.

Zurück zu Gross: Sie haben unter ihm erst bei GC, dann beim FCB die wichtigsten Erfolge Ihrer Karriere gefeiert. Wie sehr hat er Sie in Ihrer Arbeit als Trainer beeinflusst?

Ich habe ihn zehn Jahre als Trainer erleben dürfen. Von niemandem habe ich so profitiert wie von ihm. Er ist der Inbegriff von Professionalität. Seine Präsenz, seine Aura – das ist unbeschreiblich, das muss man erlebt haben. Er hat alles für den Erfolg gemacht. Wir zwei haben uns anfänglich schwer getan, das war extrem harzig.

Präzisieren Sie, bitte.

Der Umgang mit ihm war nicht immer einfach. Er konnte ziemlich harsch sein. Das war schon auch eine harte Lebensschule. Wenn er Mitspieler in meinem Alter zusammengestaucht hat und ich das mitgekriegt habe, dann habe ich mich gewehrt, forderte Respekt ein. So wie ich das zu Hause gelernt habe. Erich Vogel war ein wichtiger Faktor, er hat uns immer wieder zusammengeführt.

Murat Yakin im Dress von GC im Jahr 1997.

Murat Yakin im Dress von GC im Jahr 1997.

Keystone

Vogel war auch mit ein Grund, warum Sie sich erst für GC und nicht für den FCB entschieden, oder?

Ja, Vogel hat sich sehr für mich eingesetzt. Und GC war einfach schneller. Zudem wurde der FCB, der damals in der NLB spielte und aufsteigen wollte, von Friedel Rausch trainiert. Der war jetzt nicht gerade dafür bekannt, dass er auf Junge setzt. Ich entschied mich für GC und brach meine Metallbauzeichner-Lehre ab.

Und was mit den 5000 Franken Handgeld für Ihre Mutter Emine?

(Lacht) Wir kamen zurück aus dem Trainingslager in Schweden, tags darauf hatten wir ein Testspiel gegen Dortmund. Da war klar, dass GC mich will. Ich war noch nicht zeichnungsberechtigt, also musste meine Mutter unterschreiben. Sie schaute den Vertrag an, las etwas von dieser Provision und so verlangte sie in die eine Hand den Schreiber und in die andere das Geld. Den Basar muss ihr keiner erklären (lacht).

Emine Yakin posiert 2003 mit ihren beiden Söhnen Murat und Hakan.

Emine Yakin posiert 2003 mit ihren beiden Söhnen Murat und Hakan.

Keystone

Die grössten Erfolge aber feierten Sie mit dem FC Basel. Wie war das damals, dieser erste Meistertitel nach 22 titellosen Jahren?

Es war ja gleich ein Double. Eine ungemein wichtige Zeit. Damals wurde die Basis gelegt für all die Erfolge der letzten fast zwanzig Jahre. Die Verantwortlichen haben mutige Entscheide getroffen, Qualität in den Klub gebracht. Wir holten die ersten Titel, qualifizierten uns erstmals für die Champions League, entfachten die Euphorie.

Nach dem Meistertitel 2002 kam es zum berühmten Bad mit Gigi Oeri im Ganzkörper-FCB-Anzug. Wie überrascht waren Sie von dieser Aktion?

Es war schon eine Überraschung für uns. Aber es hat eine im positiven Sinne Verrückte wie sie gebraucht, um all das zu ermöglichen. Sie hat nicht nur solche Dinge diskussionslos mitgemacht, sie hat ganz allgemein sehr viel für den Fussball gegeben. Der Schweizer Sport ist auf solche Menschen angewiesen, das ist in Sion mit Christian Constantin nicht viel anders.

Murat Yakin jubelt gemeinsam mit Trainer Christian Gross (links) über den Cupsieg 2002.

Murat Yakin jubelt gemeinsam mit Trainer Christian Gross (links) über den Cupsieg 2002.

Keystone

Mit Gross feierten Sie Erfolge, er beendete aber auch Ihre Karriere. Wie war das für Sie?

Ich bin ihm sehr dankbar. Mein Körper hat meiner Karriere letztlich ein Ende gesetzt. Gross hat erkannt, dass nicht mehr viel geht. Er hat mich oft auf die Tribüne gesetzt. Während ich da sass und die Spiele von oben beobachtete, reifte die Idee in mir, die Trainerausbildung zu machen. Dort entwickelte ich erste eigene Ideen für meinen Fussball, die Struktur, die ich mir vorstelle.

Hatten Sie nie Mühe mit diesem Übergang?

Am Tag nachdem klar war, dass ich keinen Profivertrag beim FCB kriege, hatte ich ein Angebot von Concordia, meinem Jugendverein, auf dem Tisch.

In Ihrer Jugend werden Sie auch erstmals mit dem Joggeli in Kontakt gekommen sein, oder?

Ja, wir Concordia-Junioren haben Glacé verkauft bei den Konzerten. Michael Jackson on Tour, 1988, war mein erstes Konzert. Von den Kartonbechern, die sie damals verteilt haben, sind wohl heute noch ein paar bei mir im Keller (lacht). Pro Glacé haben wir 10 Rappen verdient. Also haben wir auch noch Depotflaschen gesammelt, dafür gab es 50 Rappen. Eine unvergessliche Zeit und wohl die beste Lebensschule überhaupt.

Sie wuchsen unweit vom Stadion auf.

Ja, es begann in Muttenz, soweit ich mich erinnere. Als dann unsere Halbgeschwister in die Schweiz kamen, zügelten wir erst in die Stadt und dann nach Münchenstein in die Neue Welt (a.d.R.: betreutes Wohnquartier). Dort kehrte Ruhe ein ins familiäre Umfeld, wir hätten es nicht besser haben können. Es hatte einen kleinen Fussballplatz gleich bei uns daheim, wir konnten zu Fuss ins Training von Concordia laufen über das Kilometerwegli.

Und der FCB?

Es muss um 1986 gewesen sein, als wir erstmals ins Stadion gingen, weil mein Halbbruder Ertan damals spielte. Unter Helmut Benthaus übrigens. Ich erinnere mich nicht mehr gegen welchen Gegner. Aber ich war D-Junior damals.

Da hatten Sie den Schweizer Pass noch nicht, oder?

Nein, den hatte ich noch nicht. Nach etwas mehr als zehn Jahren in Münchenstein wurde das Einbürgerungsverfahren eingeleitet. Aber es dauerte, bis ich den Pass kriegte. Roy Hodgson beschleunigte dann alles ein bisschen. Er bot mich für die Nati auf, schrieb der Einbürgerungsstelle einen Brief. Den habe ich heute noch. Kurz vor meinem 20. Geburtstag debütierte ich dann in einem Testspiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate.

Was blieb vom Debüt in Erinnerung?

Dass wir im Tourbillon spielten und ich mit Rot vom Platz flog (lacht).

Aber eigentlich ging immer alles sehr schnell nach oben bei Ihnen. Auch später als Trainer. Wie war es, als plötzlich der FC Basel anklopfte?

Das war eine brisante Sache. Gerade mit meiner Vergangenheit bei dem Klub. Mit einigen Spielern stand ich noch zusammen auf dem Platz. Aber ich wollte mich der Herausforderung stellen und ich wollte toppen, was ich als Spieler erreicht hatte.

Gelang Ihnen das?

Das müssen andere beurteilen, aber wir wurden zweimal Meister, stiessen in der Europa League bis in den Halbfinal vor. Wir haben als Schweizer Klub Grossartiges geleistet. Einzig der Cupsieg hat gefehlt. Das war ein wichtiger Grund, der für Sion sprach. Der Cup hat im Wallis einen besonderen Stellenwert. Und er fehlt in meinem Palmarès.

Murat Yakin in seiner Funktion als FCB-Coach.

Murat Yakin in seiner Funktion als FCB-Coach.

Keystone

Beim FCB wurden Sie nach zwei erfolgreichen Jahren entlassen. Wie sehr schmerzte das?

Es war eine gegenseitige Vereinbarung. Während meiner Zeit beim FCB entstand von Spielerseite eine gewisse Unruhe, weil ich meinen Weg verfolgte. Es war klar, dass es nicht so weitergehen konnte.

Würden Sie heute etwas anders machen?

Das Schöne am Trainer-Job ist, dass man schnelle Entscheidungen treffen muss. Ich habe gelernt, dass ich mit dem ersten Eindruck, mit dem Bauchgefühl meist richtig liege. Man kann sich von anderen Ideen beeinflussen lassen, aber damit bin ich selten gut gefahren. Ich würde noch kompromissloser meinen Weg gehen bei gewissen Entscheidungen.

Von welchen Entscheidungen sprechen Sie? An wen denken Sie?

Es geht nicht um Namen. Wenn jemand sich der Mannschaft unterordnen kann, hat er es gut mit mir. Aber ich scheue mich nicht, unbequeme Entscheide zu treffen. Teamunfähige Spieler verträgt es nicht, da muss man knallhart entscheiden.

Trotz der Entlassung gehören Sie zu den prägendsten Figuren in der 125-jährigen Geschichte des Vereins. Wie ist das für Sie?

Es macht mich extrem stolz, Teil der FCB-Geschichte zu sein. Wir haben nicht nur mitgespielt, wir haben Titel geholt. Als Trainer und als Spieler. Und das mit starken anderen Persönlichkeiten, Leuten, die alles für den Erfolg gegeben haben.

Erfolg hatten Sie auch in der Provinz. Ist Ihnen wohler, wenn Sie nicht zu sehr auf dem Radar der Öffentlichkeit sind?

(Lacht) Das kann schon sein. Meine Devise ist: Man arbeitet nicht für den Fussball, man lebt für ihn. Da spielt es keine Rolle, wo man das macht. Ich übernehme gerne Verantwortung. Wenn mir jemand die Möglichkeit gibt, eine Mannschaft zu führen, und mich die Aufgabe reizt, dann übernehme ich. Für mich stand nie das Prestige im Vordergrund, sondern der Fussball.

Waren Sie auch mal überrascht vom eigenen Erfolg?

Ja, vom Aufstieg mit dem FC Thun. Das war ein reines Wunder. Werner Gerber rief mich an, Andreas Gerber hatte die Mannschaft zuvor interimistisch geführt. Was seine Position sein würde, wussten wir noch nicht genau, wir legten einfach los. Er war Assistent, Sportchef, an den Verwaltungsratssitzungen. Die Wege waren extrem kurz. Wir agierten auf Augenhöhe, harmonierten hervorragend. Das hat mir extrem gefallen.

1 Yann Sommer Ist der Traum aller Schwiegermütter und der wohl beste Keeper, der je beim FC Basel spielte.
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2 Otto Demarmels Prägte als Flügel die Benthaus-Ära und wurde sechs Mal Meister und einmal Cupsieger. Er schoss das letzte Tor auf dem Landhof.
3 Bruno Michaud Verteidigte zwischen 1955 und 1977 während 322 Spielen für den FCB. Der Bonvivant wurde noch als Spieler in den Grossen Rat gewählt (1968).
4 Murat Yakin Führte den FC Basel als Captain zum ersten Meistertitel nach 22 Jahren und wurde später auch als Trainer Meister mit dem FCB.
5 Massimo Ceccaroni Spielte während seiner gesamten Karriere (1977 bis 2002) für den FCB. Heute ist er Chef der Nachwuchsabteilung.
6 Josef «Seppe» Hügi Ist FCB-Rekordtorschütze (244 Tore) und begann mit 12 Jahren im klubeigenen Nachwuchs.
7 Karli Odermatt Ist das Gesicht des alten FCB und würde laut Ruedi Zbinden heute bei Real Madrid spielen und Millionen verdienen. Heute Verwaltungsrat.
8 Matías Delgado Hat alle verzaubert. ER ist als Fantasista gekommen, als Messias zurückgekehrt und als Legende abgetreten.
9 Scott Chipperfield Ist mit insgesamt 13 gesammelten Titeln (sieben Mal Meister, sechs Mal Cupsieger) der erfolgreichste FCB-Spieler aller Zeiten.
10 Marco Streller Wird als «König von Basel» bezeichnet. Ist Identifikationsfigur und das Gesicht des FCB der Neuzeit.
11 Alex Frei War eine der teuersten FCB-Investitionen und stand am Anfang er erfolgreichen Ära Heusler-Heitz.
12 Helmut Benthaus Ist der erfolgreichste Trainer der FCB-Geschichte, wurde sieben Mal Meister und zwei Mal Cupsieger. Er entdeckte Ottmar Hitzfeld.

1 Yann Sommer Ist der Traum aller Schwiegermütter und der wohl beste Keeper, der je beim FC Basel spielte.

bz