Basels Sportvereine
Der Traum des Amateurkickers: Als der SV Muttenz international spielte

Im Jahr 2005 vertrat der SV Muttenz die Schweiz an einem offiziellen Turnier der Uefa. Präsident Hans-Beat Rohr und Atilla Sahin, der damals dabei war, blicken zurück.

Esteban Waid
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Die Mannschaft des SV Muttenz in den Trikots der Schweizer Nati.

Die Mannschaft des SV Muttenz in den Trikots der Schweizer Nati.

zVg. SV Muttenz

Im Januar des kommenden Jahres darf sich der SV Muttenz ein hundertjähriges Bestehen auf die Fahne schreiben. In diesen Jahrhundert Vereinsgeschichte ist bei dem Baselbieter Verein einiges passiert. Einer, der mehr als die Hälfte dieser Zeit im Verein war und ist und einige Geschichten über den SVM erzählen kann, ist der Präsident Hans-Beat Rohr. Seit 1967 ist Rohr Teil des SV Muttenz und spielt dort bis heute Fussball. «Ich war mal zehn oder zwölf Jahre Vizepräsident, damit habe ich im Jahr 2000 aufgehört. In den Vorstand bin ich dann erst wieder 2017 gegangen. Und sonst war ich Coach, Veteranen-Trainer und jetzt Spieler bei den alten Herren», fasst Rohr seinen Werdegang im Verein grob zusammen.

Steckbrief: SV Muttenz

Gründung: Am 11. Januar 1921.

Anzahl Mitglieder 2020: 857.

Vereinsfarben: rot/schwarz.

Heimstätte: Sportanlage Margelacker.

Liga 1. Mannschaft: 1. Liga classic.

Grösste Rivalen: Bei den Aktiven Pratteln und Birsfelden. Bei den Junioren Old Boys und Concordia Basel.

Grösste Erfolge: Aufstiegsspiele in die NLB Ende der 1970er-Jahre 1990er-Jahre; Cupspiele gegen den FC Zürich 1977 (5500 Zuschauer), gegen YB 2012 (3000 Zuschauer) und gegen den FC Basel 2015 (5800 Zuschauer, Stadionrekord!); 11 regionale Meistertitel in Serie inklusive eines Schweizer Meistertitels bei den Veteranen (2008-2018); Gewinn des Baselbieter Sportpreises 1998.

Bekannte (Ex-) Spieler: Atilla Sahin, Cyrill Schmidiger, Roman Buess, Kofi Nimeley, Nils de Mol, Daniel Chèvre, Walter Bernhard.

Das verrückteste, was je passier ist:
Ein 26:0-Sieg in der 2. Liga-interregional gegen AS Timau Basel.

Rohr erzählt in einem kleinen Muttenzer Café von seinem Verein. Mitgebracht hat er einige alte Artikel. Aktuell ist der Verein nämlich damit beschäftigt, die letzten 25 Jahre aufzuarbeiten, um sie für das Jubiläum im kommenden Jahr zu präsentieren. Einer dieser Artikel ist beispielsweise von dem legendären Aufstiegsspiel gegen die Red Stars aus Zürich. Als Underdog konnten sich der SV Muttenz damals ein 1:1 zu Hause im Hinspiel erspielen. Was danach im Rückspiel geschah ist Muttenzer Fussballgeschichte: Mit 5:1 schlug man den haushohen Favoriten, spielte ihn regelrecht an die Wand. Der Kapitän dieses Spiels und zweifacher Torschütze war Atilla Sahin. Ihn hat Hans-Beat Rohr mitgebracht, weil er ihn als «Vereinslegende» sieht, auch wenn Sahin diese Bezeichnung nicht so gerne hört. Zusammen erzählen sie, wie der SV Muttenz kurz auf einer kleinen europäischen Fussballbühne auftauchte.

Als der SV Muttenz im Trikot der Schweizer Nati auflief

«Unseri Erschti als Schwiizer Nati» titelte das Vereinsmagazin des SV Muttenz zu Beginn des Jahres 2005, worauf ein Reisebericht aus Kroatien folgt, wo der von der Uefa organisierte Regions Cup ausgetragen wurde. Die Europameisterschaft für Amateurmannschaften. Dort, in Opatija, sollte der SV Muttenz die Schweiz vertreten. Und die Uefa nimmt das mit den Amateurmannschaften ernst: «Jeder, der mal Profistatus hatte, darf nicht teilnehmen. Und damals hatten wir natürlich ein paar», erinnert sich Präsident Rohr.

Dass der SV Muttenz als Verein dran teilnahm, ist dabei relativ unüblich. Jeder Schweizer Regionalverband hat die Möglichkeit, sich für dieses Turnier zu bewerben. Der Fussballverband Nordwestschweiz hatte das Entscheidungsturnier damals gewonnen. «Der Verband fand, bevor man eine Auswahl aus verschiedenen Vereinen da hinschickt, schicken wir lieber eine eingespielte Mannschaft.» Der SV Muttenz war eben so eine eingespielte Mannschaft - eine der besten aus der Region. Und so ging es dann im März 2005 los. Erst mit dem Flugzeug nach München, von dort nach Triest, «und von Triest sind wir dann mit dem Bus nach Osijek oder Rijeka», erinnert sich Sahin, der damals als Co-Trainer dabei war. Eine Woche hat der Verein dort verbracht, ausgestattet mit dem Dress der Schweizer Nati und Schweizer Krawatten, wie es sich für eine Nationalmannschaft eben gehört.

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Regelmässig porträtiert die bz die Vereine der Region auf einer Zeitungsseite und auf unserem Onlineportal. Bist auch Du in einem Verein und hast eine tolle Geschichte zu erzählen, dann schreibe eine E-Mail an sportbasel@chmedia.ch.

Für das Finalturnier konnte man sich schlussendlich nicht qualifizieren, weil Muttenz von den drei Spielen gegen Liechtenstein, Rumänien und Kroatien nur eines gewinnen konnte. Lediglich gegen die Gastgeber aus Kroatien konnten die Muttenzer gewinnen. Trotzdem blicken Rohr und Sahin und mit ihnen der gesamte SVM noch heute positiv auf diese Woche zurück: «Es war alles gezahlt und es gab drei organisierte Spiele auf einem guten Niveau», sagt Rohr. Zusätzlich sei es eine tolle Erfahrung gewesen, auch wenn man schlussendlich nicht so erfolgreich war, wie man gehofft hatte.
Sahin macht deutlich, dass man schon mehr gewinnen wollte und nicht nur für Plausch dort hingegangen sei. Schlussendlich ist es aber immer noch eine spannende Geschichte, die man erzählen kann. Und für welchen Amateurkicker ist es kein Traum, ein Mal im Trikot der Nati auflaufen zu dürfen und das auch noch bei einem offiziellen Turnier.

Nachgefragt bei Vereinslegende Atilla Sahin, dem aktuellen Sportchef des SV Muttenz

Wie sind Sie zum SV Muttenz gekommen?

Atilla Sahin: Ich bin in Muttenz aufgewachsen und dann ist es naheliegend gewesen. Alle meine Freunde haben hier schon eine lange Zeit Fussball gespielt. Ich durfte erst später mit Fussball anfangen und bin dann aber auch zum SV Muttenz. Es war mein erster Verein.

Atilla Sahin

Atilla Sahin

zVg

Warum stehen Sie wie kein anderer für den SV Muttenz?

Der SV Muttenz nimmt einen grossen Teil von meinem Leben ein. Und für mich stand es nach der Profikarriere ausser Frage, dass ich danach wo anders hingehen würde. Ich bin als Spieler schon einige Male angefragt worden. Aber es kam nie ein anderer Verein wie der SV Muttenz infrage.

Was macht den SV Muttenz aus?

Ich denke, dass wir ein gesunder Verein sind und dass wir relativ hoch spielen dürfen für die Möglichkeiten, die wir haben. Gleichzeitig verlieren wir aber nie das Familiäre. Und das tollste ist, dass ich bei den Ü40 mit Leuten spiele, mit denen ich schon in den Junioren gespielt habe und mit denen mich 30 oder 40 Jahre Freundschaft verbindet. Und dafür engagiert man sich dann auch gerne.

Wie kam es, dass Sie im Alter von 24 Jahren zum FCB gewechselt sind?

Ich war schon mit 18 in Probetrainings von GC und Besiktas, aber es ist nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich bin dann zu einem Zeitpunkt Profi geworden, wo ich eigentlich nicht mehr damit gerechnet habe. Ich habe mich auf das Berufliche konzentriert. Dann kam die Saison, wo wir in die Aufstiegsspiele gekommen sind. Dort wollte der FCB eigentlich einen Kollegen von mir beobachten. Und diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Sie spielten ein Jahr beim FCB, waren 7 Jahre Profi. Warum kehrten sie anschliessend zum SVM zurück?

Ich bin hier aufgewachsen, ich bin Muttenzer Bürger und ich hätte auch andere Angebote gehabt, die vielleicht finanziell lukrativer gewesen wären. Aber es ist nichts anderes infrage gekommen. Was will ich nach meiner Profikarriere noch wo anders? Ich gewinne ja nichts mehr. Ich habe alle meine Kollegen und Freunde hier, mit denen ich schon die Jugend verbracht habe. Das ist dann irgendwie der Kreis, der sich schliesst.

Warum sind Amateure die echteren Fussballer?

Ein Arzt hat mal gesagt: Fussball ist Raubbau am Körper und jemand, der damit kein Geld verdient, dürfte ihn eigentlich gar nicht spielen. Und wenn man es so betrachtet geht es darum, dass man seine Leidenschaft ausüben kann und mit den Kollegen Fussball zu spielen und Spass zu haben. Es steht nicht die Karriere oder das Geld im Vordergrund. Bei den Amateuren ist auch wichtig, dass man zusammen die dritte Halbzeit geniesst.

Wenn Sie einen Wunsch für den SV Muttenz frei hätten. Was würden Sie sich wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass wir in der 1. Liga bleiben, da wo wir sind und mit den Mitteln, die wir haben. Aber auch, dass wir nie wieder finanzielle Probleme haben und der attraktivste Verein in der Region werden – oder vielleicht, dass wir irgendeinen Mäzen finden. (lacht).

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