Europäisch Unterwegs

Auf Erkundungstour mit Emil Bergström in Grossbasel: «In einer perfekten Welt gehen alle wählen»

Emil Bergström vor dem Spalentor: «Ich wollte etwas Neues und Basel ist ein guter Karriereschritt.»

FCB-Innenverteidiger Emil Bergström spricht bei einem Stadtspaziergang über Verteidigungskünste, sein Wirtschaftsstudium und Politik.

Die Initiative für den Stadtrundgang ging von Emil Bergström aus. Der schwedische Neuzugang will seine neue Heimat Basel möglichst schnell erkunden. Das Spalentor ist ihm aufgefallen. «Es sieht aus wie das Tor zu einer Festung. In den alten Zeiten hat man hier wohl die Leute, die man nicht in der Stadt haben wollte, ausgesperrt.» Als Innenverteidiger ist Emil Bergström jetzt Teil des Verteidigungswalls des FC Basel.

Waren Sie schon als Junior in Stockholm gerne Verteidiger?

Emil Bergström: Nein, eher Angreifer. Mein Vater erzählt gerne, dass ich schon gegen alles gekickt habe, als ich laufen lernte. Ich habe so wohl auch gelegentlich Dinge im Haus kaputtgemacht. Aber am meisten haben meine Nachbarn gelitten. Denn deren Blumen im Innenhof habe ich regelmässig mit dem Ball kaputt geschossen. Leider (lacht).

Waren Sie ein Lausbub wie Ihr Namensvetter Emil i Lönneberga aus den Kinderbüchern von Astrid Lindgren?

Astrid Lindgren mit den Darstellern des Kinderfilms Michel von Lönneberga. Auf schwedisch heisst Michel Emil.

Astrid Lindgren mit den Darstellern des Kinderfilms Michel von Lönneberga. Auf schwedisch heisst Michel Emil.

Nein, eigentlich nicht. Mein Name kommt auch vom Grossvater meines Vaters, nicht von Emil i Lönneberga. Aber wir waren einmal in Vimmerby, die Heimat Astrid Lindgrens. Dort habe ich mit seiner Holzpistole den echten Emil gespielt.

Emil i Lönneberga ist bekannt für seine Streiche. Womit hat Emil Bergström seine Eltern zur Weissglut gebracht?

(überlegt). Es gab da einen Zwischenfall auf der Skipiste. Ich war mit der Skischule unterwegs. Als die Lektion vorbei war, fuhren wir Kinder normalerweise noch einmal runter, um dort im Dorf unsere Eltern wieder zu treffen. Ich wollte aber weiterfahren, habe meine Eltern nicht sofort gefunden und bin mit dem Lift wieder hochgefahren. Ich war am Ende elf Pisten entfernt. Meine Eltern waren unglaublich besorgt. Sie dachten, ich sei verschwunden. Aber nach einer Weile kam ein Mann auf einem Schnee-Roller zu mir, und fragte, ob ich Emil sei. Auf dem Heimweg freute ich mich noch, auf dem Roller sitzen zu dürfen. Doch meine Eltern waren richtig sauer. Aber eigentlich war ich ein liebes Kind. Voller Energie, aber lieb (lacht).

Sie haben auch mal einen Zahn verloren. War das lönnebergamässig?

Vielleicht. Das war ein Unfall mit einer Motorrad-Schaukel auf einem Spielplatz. Mein Freund sass drauf und schaukelte. Ich war an der Seite und spielte einen Mechaniker, der irgendetwas reparierte. Dann fiel mein Kollege auf der gegenüberliegenden Seite herunter. Die Schaukel kam mit Schwung zurück und traf mich voll im Gesicht. Ein Schneidezahn war komplett herausgebrochen, der zweite um 90 Grad nach innen gebogen. Ich rannte blutüberströmt nach Hause. Meine Mutter hat mich sofort ins Spital gebracht, wo sie die Blutung gestoppt haben und den einen Zahn zurückgebogen haben. Mein Vater wusste unterdessen auch Bescheid. Er fuhr nochmal zurück zum Spielplatz, wo er doch tatsächlich meinen Zahn fand. Er rief uns an und die Ärzte sagten: «Legen Sie den Zahn in Milch und bringen Sie ihn her!» Milch hat anscheinend eine schützende Wirkung. Der Zahn war noch intakt und wurde mir wieder eingesetzt. Er ist wieder mit dem Knochen verwachsen. Ich spüre nur nicht ganz so viel wie bei den anderen Zähnen. Aber er macht immer noch seinen Job. Verrückt.

Emil Bergström spielt mit Zahnschutz

     


Spielen Sie deshalb mit Zahnschutz Fussball?

Ja. Meine Zähne sind wegen dem Zwischenfall etwas sensibler. Wenn ich einen Ellenbogen abbekomme, besteht eine höhere Gefahr, dass sie ausfallen. Der Zahnarzt rät, dass ich den Schutz immer tragen soll. Aber ich mache das nur in Matches. Dort ist er irgendwie auch zu einem Symbol geworden. Ich liebe Zweikämpfe, spiele hart. Da passt der Mundschutz doch ganz gut.

Auf dem Weg zum Rathaus erzählt Emil Bergström, wie er Fussballer wurde. Seine ersten Schritte machte er in einem Verein, den sein Vater gegründet hatte. Dann fiel er in der Schule einer Lehrerin auf, deren Mann Trainer in Brommapojkarna, der grössten Jugendakademie Stockholms, war. Ab der U16 spielte Bergström dann für Djurgarden, wo er mit 17 auch sein Profi-Debüt in der ersten Mannschaft gab. Mittlerweile sind wir beim Rathaus angekommen. Hier war Bergström schon, als er mit seiner Freundin das Grossbasel erkundete. Doch, dass drinnen Politiker sitzen, ist ihm neu.

Interessieren Sie sich für Politik?

Ein bisschen, ja. Ich lese nicht jeden Tag alles, aber vor allem vor Wahlen informiere ich mich gut.

Sollten Fussballer als Vorbilder ihre politische Meinung vertreten?

Nur, wenn sie gut durchdacht ist. Bei uns in der Familie diskutieren wir viel. Auch über Politik. Dann sagen alle Ihre Meinung. Da kommt es schon mal vor, dass meine Meinung nach der Diskussion eine andere ist als vor dem Abendessen. Politisch aktiv zu sein, wäre in meinem Fall nicht sinnvoll. Aber jede Person sollte sich mit politischen Themen auseinandersetzen und sich überlegen, wie man die Gesellschaft besser machen könnte. Auch Fussballer.

Was würden Sie als Politiker verändern?

Als Politiker in der Schweiz würde ich die Preise senken. Hier ist alles so teuer (lacht). Nein, dafür verdient man hier relativ gesehen ja auch mehr. Ich mag die Schweiz, so wie sie ist, und würde deshalb nichts verändern, sondern mich dafür einsetzen, dass sie so bleibt.

Was halten Sie von Volksabstimmungen? Wir Schweizer dürfen ja alle paar Monate abstimmen.

Dürfen sie das? Das wusste ich nicht. Im Schweden wählen wir nur alle vier Jahre das Parlament. Wie gross ist denn die Wahlbeteiligung bei diesen Volksabstimmungen?

Das hängt vom Thema ab. Zuletzt so zwischen 50 und 60 Prozent.

In einer perfekten Welt würden 100 Prozent abstimmen und wir würden wissen, was die Leute denken. Aber wenn eine kleine Gruppe für das Volk entscheidet, ist das nicht so schön.

Sie sagen selber, dass Sie ein Anführer sind. Wo haben Sie das gelernt?

Emil Bergström geht auch im Abschlusstraining vor dem Spiel gegen Krasnodar voran.

      

Das hat sich entwickelt. Ich habe schon immer gerne Verantwortung übernommen und andere gecoacht. Bei Gruppenarbeiten in der Schule habe ich organisiert und Jobs verteilt. Als Leader musst du zwar auch Erfahrung haben und dich selbst gut kennen, aber eigentlich spielt das Alter keine Rolle. Ich versuche, einfach ich selbst zu sein, egal was die anderen sagen.

Ist das schwierig, als Neuzugang beim FCB sofort ein Leader zu sein?

Ich weiss nicht. So bin ich einfach und ich glaube, dass das dem Team helfen kann. Es spielt keine Rolle, wer vor mir spielt. Auch erfahrene Spieler kann ich von hinten coachen, damit sie rechtzeitig den Schritt in die richtige Richtung machen und den Ball gewinnen. Vielleicht mögen die es nicht, dass da immer einer ruft, aber wenn es hilft, macht das doch Sinn. So werden wir als Team besser.

Zlatan Ibrahimovic ist das personalisierte Selbstbewusstsein und auch Schwede? Ist das ein typischer schwedischer Charakterzug?

Nein. Eigentlich sind Schweden eher schüchtern und zurückhaltend. Wir sind Denker, die erst alles analysieren und dann etwas sagen. Ich war als Jugendlicher auch eher schüchtern, doch mit der Zeit habe ich Vertrauen in mich selbst gewonnen.

War das noch während der Schulzeit?

Meine Eltern sagten immer, dass Schule sehr wichtig sei. Deswegen habe ich das immer sehr ernst genommen. Das stand im Kontrast zu meinen Fussballfreunden, die sagten, Schule sei unnötig, wir werden eh Fussballprofi. Doch weil ich nicht nur strebsam sondern auch Fussballer war, hat man mich in der Gruppe trotzdem akzeptiert. Ich gehörte aber nicht zu den Cool-Kids, das kam erst später, so mit 16 (lacht).

Auf dem Rückweg halten wir vor dem Kollegienhaus der Universität. Emil Bergström hat in Schweden Matur gemacht und sogar zwei Jahre lang neben seiner Fussballerkarriere Wirtschaft studiert.


Warum haben Sie den Bachelor nicht beendet?

Ich dachte immer, dass ich nach meiner Fussballkarriere eine Businesskarriere starten will. Aber nach zwei Jahren wurde mir bewusst, dass Wirtschaft nicht mein Ding ist. Ich mag Buchhaltung, weil ich immer gut in Mathe war. Aber alles andere nicht so.

Werden Sie nach der Karriere wieder studieren?

Gut möglich, ich weiss nur noch nicht was. Momentan konzentriere ich mich aber voll auf den Fussball. Ich will mich täglich verbessern, mache Extraschichten auf dem Feld oder im Kraftraum und will das Bestmögliche aus mir herausholen.

Kann man das Leben eines Fussballprofis mit einem Studium vergleichen? Sie haben Training, Taktiklektionen und alle paar Tage eine Prüfung in Form eines Spiels.

Wenn man es so betrachtet, schon. Jedes Spiel ist ein grosser Test und wir schauen uns ganz viele Details an, um eine gute Leistung zu bringen. Als Mannschaft und auch individuell.

Dann ist Marcel Koller Ihr Professor. Was hat er Ihnen bereits gesagt?

Als ich ankam, wollte ich von ihm wissen, wie er mich sieht. Ich will so schnell wie möglich mithelfen und zeigen, was ich kann. Dafür muss ich seine Spielweise kennenlernen. Jetzt weiss ich Bescheid und es liegt an mir, dem FCB zu Siegen zu verhelfen.

Was war die grösste Prüfung in Ihrem Leben?

(überlegt) Privat hatte ich viel Glück, musste keine Schicksalsschläge oder so verkraften. Aber sportlich gesehen war es sehr schwierig für mich, als ich Schweden verliess und nach einem guten ersten halben Jahr bei Rubin Kasan in Russland plötzlich nur noch selten spielen durfte. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich auf der Bank war. Durch diese Erfahrung habe ich aber auch gelernt, das Fussballspielen zu geniessen. Du willst dich und die Fans glücklich machen. Du arbeitest hart dafür und wenn dir dann etwas gelingt, ist das das beste Gefühl der Welt.

Emil Bergström

   

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