Australian Open
Novak Djokovic lanciert Rohrkrepierer und nimmt Federer und Nadal in die Pflicht, der Serbe sagt: «Ich warte auf Antworten»

Novak Djokovic schlägt vor, die Tennis-Saison an einigen wenigen Standorten fortzusetzen, um Chancengleichheit zu garantieren. Weshalb diese Idee nicht zu Ende gedacht ist. Die Analyse.

Simon Häring
Simon Häring
Merken
Drucken
Teilen
Wie viele seiner Kollegen kämpft Novak Djokovic derzeit mit Verletzungen. Diese seien auf die Bedingungen zurückzuführen.

Wie viele seiner Kollegen kämpft Novak Djokovic derzeit mit Verletzungen. Diese seien auf die Bedingungen zurückzuführen.

Keystone

Nachdem er alle Fragen zu seinem Halbfinal-Einzug beantwortet hatte, setzte Novak Djokovic zu einem Monolog an. Es ging um die zahlreichen Verletzungen, die das Turnier der Männer in diesem Jahr begleiten, und von der auch er selber betroffen ist. Seit einigen Tagen beschäftigt ihn eine Bauchmuskelzerrung, die den Serben fast zur Aufgabe gezwungen hätte. Eine Verletzung, die in diesem Jahr eine sonderbare Karriere hinlegte: Auch Alexander Zverev musste sie mit Schmerzmitteln bekämpfen. Matteo Berrettini konnte deswegen nicht erst zu seinem Achtelfinal antreten.

Nicht normal sei das, konstatierte Djokovic weit nach Mitternacht. Er wolle sich nicht beschweren, aber es sei schon offensichtlich, dass das mit den Bedingungen zu tun habe. 14 Tage mussten die Spielerinnen, Spieler und ihre Betreuer nach der Ankunft in Hotel-Quarantäne verbringen. Jene, die nicht mit einem der drei Flüge einreisten, auf denen das Coronavirus eingeschleppt worden war, durften fünf Stunden täglich das Zimmer verlassen, um zu trainieren. Von noch besseren Bedingungen profitierten die Topspieler um Djokovic, die in Adelaide einquartiert wurden.

Beschweren wolle er sich nicht, aber belastend sei es schon. Für ihn, aber vor allem für die Kollegen. Nicht nur für den Körper, sondern auch für die Psyche. Da war er wieder: Novak Djokovic, der Anwalt der Kollegen.

Roger Federer, Rafael Nadal und Andy Murray sitzen im ATP-Spielerrat.

Roger Federer, Rafael Nadal und Andy Murray sitzen im ATP-Spielerrat.

Keystone / CH Media

Die Mehrheit unter ihnen seien nicht bereit, eine ganze Saison unter diesen Bedingungen zu bestreiten. Nicht, wenn sie sich bei den meisten Turnieren in Quarantäne zu begeben hätten. Und er forderte den ATP-Spielerrat, den er bis im letzten Herbst präsidiert hatte, aber dann unter Protest verliess, um eine eigene Gewerkschaft, die Professional Tennis Players Association PTPA, zu gründen dazu auf, zu handeln. Dem Spielerrat gehören neben Roger Federer auch Rafael Nadal und Andy Murray an. Djokovic sagt:

«Ich möchte nicht mit dem Finger auf irgendjemanden zeigen. Ich sage nur die Wahrheit. Aber ich habe mit einigen aus dem Spielerrat gesprochen. Und ich warte auf Antworten. Ich möchte wissen, wie es nach Australien weitergeht. Denn so, wie es ist, ist es definitiv nicht gut für das Wohlbefinden der Spieler.»

Namen musste Djokovic keine nennen, es war auch so klar, wen er damit meinte: Federer, Nadal, Murray und alle ihre Kollegen im Spielerrat, eine Institution, die dem 17-fachen Grand-Slam-Sieger ohnehin ein Dorn im Auge ist. Es gehe ihm gar nicht um die grossen Turniere, sondern um die kleinen, bei denen das Preisgeld sinken werde, und wo es um Existenzen gehe. «Von den tiefer Klassierten habe ich viele Beschwerden gehört», sagt Novak Djokovic. Es brauche jetzt schnell Lösungen für diese Probleme.

Djokovic wäre nicht Djokovic, wenn er nicht schon eine Lösung hätte.

Novak Djokovic schlägt vor, die Tennis-Saison an einigen wenigen Standorten fortzusetzen, und mehrere Wochen dort zu stationieren.

Novak Djokovic schlägt vor, die Tennis-Saison an einigen wenigen Standorten fortzusetzen, und mehrere Wochen dort zu stationieren.

Keystone

Und diese sieht so aus: Alle Turniere auf einem Belag – zum Beispiel Sand – an einem Ort in aufeinander folgenden Wochen. Und Djokovic zog den Vergleich zur Basketball-Profi-Liga NBA, die ihre Saisons 2020 in einer Blase zu Ende gespielt hatte. Dafür wurden 22 Mannschaften in den Freizeitpark Walt Disney World Resort in Florida eingeladen. Die Spieler durften das Gelände nicht verlassen. Diese Übung kostete 170 Millionen Dollar. Doch wer soll diese Summen im Tennis-Zirkus stemmen? Denn es gibt keine gemeinsamen Interessen, die Turniere stehen in gnadenloser Konkurrenz zueinander. Um Spieler, um Sponsoren, ums Überleben.

Es ist eine Rechnung, die nicht aufgehen kann. Denn die kleinen Turniere erwirtschaften – im Gegensatz zu den Major-Turnieren – kaum Geld mit dem Verkauf von TV-Rechten. Sie sind nicht nur auf Einnahmen aus dem Ticketverkauf angewiesen, sondern auch stark lokal verankert, was sich auch bei den Sponsoren zeigt. Djokovics Idee hätte eine Isolation der Weltbesten vom Rest zur Folge. Zahlreiche kleine Turniere (zum Beispiel Gstaad) würden Sponsoren verlieren, und wohl ganz verschwinden. Die Folge wäre ein geschlossener Circuit mit einigen wenigen Auserwählten (zum Beispiel den 100 Weltbesten), und der Verlust von Arbeitsplätzen.

Novak Djokovics Idee ist ein Rohkrepierer. Eine veritable Furzidee.

Denn sie zeigt auch, wie weit sich der Tennis-Zirkus von der Realität entfernt hat, wie sehr er sich in seiner eigenen, kleinen Blase dreht. Nirgendwo wird das offensichtlicher als in Australien: Während die Bevölkerung in Melbourne von Freitag bis Mittwoch in einen Lockdown geschickt wurde, lief das Turnier einfach weiter, einfach ohne Publikum. Doch statt zu anerkennen, dass die Pandemie den Lauf der Dinge diktiert und die Geschichte in ein Davor und ein Danach teilt, möchte Djokovic über Banalitäten diskutieren, wie viele Begleiter mit ihm reisen dürfen.