Australian Open
Novak Djokovic bewegt sich in seinem eigenen Universum, sein Massstab ist die Geschichte – und damit Federer und Nadal

Novak Djokovic bezwingt im Final der Australian Open den Russen Daniil Medwedew in drei Sätzen und feiert seinen 18. Grand-Slam-Titel, den neunten in Melbourne. Seit einem Jahrzehnt dominiert der Serbe das Männertennis fast nach Belieben. Eine Analyse.

Simon Häring
Simon Häring
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Novak Djokovic feiert den 18. Grand-Slam-Titel seiner Karriere.

Novak Djokovic feiert den 18. Grand-Slam-Titel seiner Karriere.

Andy Brownbill / AP

Wenn Novak Djokovic auf den Tennisplatz marschiert, dann hat er immer zwei Gegner: jenen auf der anderen Seite des Netzes, und die Geschichte. Sie ist der Grund, weshalb er spielt. Es interessiert ihn nur, der Beste zu sein - der Beste der Gegenwart, der Beste der Epoche, und der Beste der Geschichte. Bei den Australian Open beweist er einmal mehr, dass er wohl alles davon schon ist. Im Final setzt sich der Serbe mit 7:5, 6:2, 6:2 gegen den Russen Daniil Medwedew (25, ATP 4) durch. Es ist sein neunter Erfolg im neunten Final in Melbourne, der 18. Grand-Slam-Titel. Nur Rafael Nadal und Roger Federer haben noch mehr Major-Titel gewonnen, mit 20 Siegen.

In der öffentlichen Wahrnehmung stehen sie über dem Serben, doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Seit 2011 dominiert Djokovic das Männertennis mit wenigen Unterbrüchen. Mit 17 hat er fast die Hälfte der letzten 40 Grand-Slam-Turniere gewonnen, Nadal kommt auf deren 11, Federer, der allerdings einer anderen Generation entstammt, nur auf 4. Seit er am 4. Juli 2011 nach seinem ersten Sieg in Wimbledon zum ersten Mal an die Spitze vorstiess, führte nur noch während 160 Wochen ein anderer als Djokovic die Weltrangliste an. Am 8. März nimmt er die 311. Woche an der Spitze in Angriff – und löscht die Rekordmarke von Federer.

Novak Djokovic bewegt sich in seinem eigenen Universum.

Grand-Slam-Titel der Männer nach Alter.

Djokovics Horizont endet nicht an der Grundlinie

Bei den Australian Open zeigte er, weshalb dem so ist: Keiner deckt den Platz so gut ab wie er, keiner spielt die Bälle mit dieser Länge und dieser Präzision an die Linien. Vor allem aber: Keiner spielt im Tennis, diesem Spiel der Momente, besser als er. Mit unvergleichlicher Beharrlichkeit, mit Ausdauer, mit dem Ehrgeiz, der jede Faser seines Seins durchdringt, und der zuweilen befremden auslöst. Das Bild des unerbittlichen Kriegers auf dem Tennisplatz kontrastiert mit dem, was Djokovic daneben verkörpert: Er ist charmant, eloquent, reflektiert. Einer, dessen Horizont nicht an der Grundlinie endet. Einer, der sich für die Kolleginnen und Kollegen einsetzt.

Doch einer, der seine Meinung sagt, der eckt unweigerlich an. Vor dem Turnier hatte Djokovic Lockerungen der Bestimmungen für jene angeregt, die von den Behörden für 14 Tage in Hotelquarantäne versetzt worden waren, weil sie in einem Flugzeug nach Australien gereist waren, auf dem das Coronavirus eingeschleppt worden war. Das wurde ihm als egoistisch, undankbar und anmassend ausgelegt, Djokovic sagte darauf: «Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.» Er habe mit den besten Absichten gehandelt und sei sich seiner Verantwortung gegenüber anderen bewusst, «denn auch ich war einmal klein und unbedeutend.»

Die Highlights des Australian-Open-Finals der Männer.

Youtube.com/Eurosport

Kontroverse um Djokovics Verletzung

Ausserhalb seiner Heimat erfährt Djokovic nur selten die Anerkennung, die ihm für seine sportlichen Leistungen gebührt. Das hat einerseits mit der Popularität von Roger Federer und Rafael Nadal zu tun. Aber eben auch mit ihm selber. Weil er auf dem Platz manchmal sein Innerstes nach aussen trägt, einen Schläger zerlegt, es mit einem erhobenen Daumen oder einem sarkastischen Lachen quittiert, wenn einer seiner Gegner mit Sprechchören unterstützt wird. Und weil er in der Vergangenheit schon mehr als einmal mit Verletzungen kokettiert hat. Davon, dass er sich vor etwas mehr als einer Woche eine Zerrung am Bauchmuskel zugezogen haben soll, war in den letzten Tagen der Australian Open nichts zu spüren.

Die Verletzung am Bauchmuskel schien Novak Djokovic im Final der Australian Open nicht zu behindern.

Die Verletzung am Bauchmuskel schien Novak Djokovic im Final der Australian Open nicht zu behindern.

Mark Dadswell / AP

Aber auch, weil Djokovic auch neben dem Platz Dinge tut und sagt, die zuweilen Befremden auslösen. Im Frühling 2020 behauptete er, er könne mit der Kraft des Geistes die molekulare Zusammensetzung von Wasser verändern und damit giftiges Wasser in heilendes Wasser verwandeln. Die Aussage fiel in eine Zeit, in der die erste Welle der Coronapandemie über Europa rollte und das gesellschaftliche Leben zum Stehen brachte. Und in eine Zeit, in der Djokovic auf dem Balkan seine Adria-Tour veranstalte, bei der weder auf Abstandhalten noch Hygienemassnahmen geachtet wurde. Prompt kam es zu zahlreichen Ansteckungen, auch er selber infizierte sich.

Erst viel später gestand er ein, dass die Adria-Tour ein Fehler gewesen sei. Wieder machte er die guten Absichten geltend, die er verfolgt hat, dass er seiner Heimat etwas habe zurückgeben wollen. Und man kauft ihm das sogar ab. Weil Novak Djokovic, der beste Tennisspieler der Gegenwart, der Epoche, vielleicht der Historie, will viel mehr hinterlassen als Einträge in den Geschichtsbüchern des Sports. Das unterscheidet ihn von Federer und Nadal, die sich darauf beschränken, ihre Strahlkraft für karitative Zwecke zu nutzen und - wie Djokovic - eine Stiftung unterhalten. Das ist nicht nur unverfänglich, sondern bietet auch keine Angriffsfläche wie beim Serben.

Doch am Widerstand, das offenbarte sich nun auch in Australien wieder, wächst Novak Djokovic. Er hat ihn zum Besten der Geschichte gemacht.