So können Sie trotz künstlichem Hüftgelenk weiter Sport treiben

Welche sportlichen Tätigkeiten mit einem neuen Hüft- oder Kniegelenk weiterhin möglich sind. Sportarzt Christian Aebersold, der selber zwei künstliche Hüftgelenke hat, erklärt den Weg zurück.

Rainer Sommerhalder
Drucken
Teilen
Ein Training im Freien stärkt das Immunsystem, wenn man es nicht übertreibt.

Ein Training im Freien stärkt das Immunsystem, wenn man es nicht übertreibt.

Bild: Getty

Die Angst vor diesem Eingriff bleibt gross. Was passiert, wenn mein Körper zum partiellen Cyborg wird? Gerade Menschen mit grossem Bewegungsdrang fürchten sich vor den drohenden Einschränkungen mit einem künstlichen Hüft- oder Kniegelenk. Muss ich meine sportlichen Tätigkeiten massiv zurückfahren oder gar gänzlich einstellen? Die Bedenken sind oft grösser als das Wissen über die Folgen einer solchen Operation.

Der dreifache Orientierungslauf-Weltmeister Christian Aebersold ist aus zwei Gründen ein perfekt geeigneter Fachmann in dieser Frage. Zum einen ist der 58-Jährige ein erfahrener Sportarzt mit eigener Praxis in Brügg bei Biel. Zum anderen hat der einst schnellste Orientierungsläufer der Schweiz selber zwei künstliche Hüftgelenke. Die Kombination einer Fehlstellung der Hüfte und der langjährigen Trainingsbelastung als Spitzensportler sorgten dafür, dass sich Aebersold wegen chronischer Schmerzen bereits im Alter von 42 Jahren vorübergehend ganz vom Sporttreiben verabschieden ein künstliches Gelenk einbauen lassen musste. Vor zwei Jahren folgte die andere Körperseite.

Gefragt sind Geduld und der richtige Plan

Aebersold ist eines von vielen Beispielen, dass ein künstliches Gelenk nicht nur etwas für ältere Semester sein muss. Arthrose oder andere Formen von Abnützung treffen auch jüngere und oft sportlich aktive Personen. Der jüngste Fall betrifft Tennisprofi Andy Murray. Der Brite versucht mit einem neuen Hüftgelenk zu alter Stärke zurückzufinden.

Angst vor dem Einsetzen einer Prothese des Hüftgelenks muss man heute nicht mehr haben. «Es ist eine komplikationslose Operation. 95 Prozent kommen gut heraus», erklärt Aebersold. Wer aber danach wieder regelmässig oder gar ambitioniert Sport treiben will, benötigt vor allem viel Geduld und den richtigen Plan zum Wiederaufbau der Bewegung. Beim früheren OL-Champion dauerte es fast zweieinhalb Jahre, bis er punkto Wettkampf wieder konkurrenzfähig war. Dafür reichte es dann tatsächlich wieder zum Sieg an einer Weltmeisterschaft – bei den Senioren.

Der Fokus bei der Rehabilitation nach Gelenkoperationen gilt dem Wiedererlangen der Mobilität im Alltag. «Die Folgen der Operation schränken am Anfang sehr ein», bestätigt auch Aebersold. «Das ganze Gefühl für das Gelenk verändert sich». Nach den ersten sechs bis acht Wochen an Stöcken wird die Beweglichkeit in der Physiotherapie sukzessive wieder aufgebaut. In dieser Phase verspüren viele Patienten noch immer einschränkende Restbeschwerden. «Erst 30 Prozent der Betroffenen fühlen sich danach bereits super».

Der lange Weg zurück zur sportlichen Leistungsfähigkeit beginnt nach rund drei Monaten und bedarf weiterer Schritte. Der Körper muss den Umgang mit dem künstlichen Gelenk lernen. Der muskuläre Aufbau betrifft den Becken- und Rückenbereich. Danach braucht es ein Wiedererlangen der koordinativen Fähigkeiten, der Beweglichkeit sowie der muskulären Balance. Auch das andere Bein darf man nicht vernachlässigen. Der Weg zu einer Fehlbelastung ist nicht weit. Aebersold rechnet mit einem Prozess von sechs bis acht Monaten. Erst dann kann man sich dem eigentlichen Ausdauertraining und der sportspezifischen Muskulatur widmen. «Das macht erst Sinn, wenn der Patient die Beckenstabilität über längere Zeit halten kann», erklärt Aebersold, «dafür muss er auf einem Bein stehen und dabei das Becken gerade halten können. Genau das ist für ein beschwerdefreies Joggen Voraussetzung.»

Problematisch sind Stürze und Stop-and-go

Und es bleiben Einschränkungen bei der Wahl der Sportart, denn ein künstliches Gelenk ist nie so belastbar wie sein natürliches Pendant. Alle Bremsbewegungen und Schläge sind problematisch, insbesondere Stop-and-go bei Spielsportarten oder Tennis. Wichtig ist auch eine Risikoanalyse, denn Stürze auf die Hüfte sollte man möglichst vermeiden. Nicht nur deshalb ist beim Lauftraining bergauf weitaus sinnvoller als bergab.

Problematischer ist die Rückkehr zum Sport nach dem Einsatz eines künstlichen Kniegelenks. Während die Hüfte als stabiles Kugelgelenk für eine Prothese optimale Voraussetzungen bietet, muss man beim Scharniergelenk Knie das Gefühl für eine dreidimensionale Bewegung wiedererlangen. Das ist ungleich anspruchsvoller und nur mit einer intensiven physiotherapeutischen Begleitung machbar. Und man muss sich auf Sportarten mit geführten Bewegungen wie Wandern, Schwimmen, Radfahren oder Rudern beschränken. «Mit einer Totalprothese im Knie ist es unrealistisch, intensiv Sportarten mit Belastungen auf die Beine zu betreiben», sagt Aebersold.